Glocke
Die Glocke ist gegossen: die Sache ist abgemacht, beschlossen, der Plan ist geschmiedet, eine schwierige Aufgabe ist glücklich gelöst; schon in Luthers Sprichwörtersammlung (Thiele Nr. 124) und in der frühneuhochdeutschen Literatur sehr häufig. 1595 erscheint die Wendung in G. Rollenhagens ›Froschmeuseler‹: »Endlich ward nach vielem Gezenk die Glock von allen so gegossen«. Zusammen mit mehreren anderen gleichbedeutenden Redensarten steht sie auch in einem Spottgedicht von Burkard Waldis (1490-1556) auf den Herzog Heinrich den Jüngeren von Braunschweig (V. 390ff.):
   Ich halt's, die glock sei schon gegossen,
   Die axt ist scharpff vnd woll gewetzt,
   Dem bawm schon an die wurtzeln gsetzt,
   Der knüttel drawt den bösen hunden,
   Vnd ist der besem greyt (bereits) gebunden.
In der ›Zimmerischen Chronik‹ (II, 582) heißt es: »Nach seinem todt wardt die glock gossen, und wie ain alter, erlicher man zu Mößkirch, genannt Conradt Burger, ain spruchwort het: ›User bast macht man Hafensack, was ein karger erspart, wurt aim geuder zu tail, also ging es mit diesem erb auch!‹« ›Bacchi et Veneris facetiae‹ (1617), S. 141:
   Se tunc bene habebunt res
   So ist die glock gegossen.
   Tua corrobata spes,
   Ich hab sein offt genossen.
In Grimmelshausens ›Simplicissimus‹ heißt es: »Nach langem Diskurs wurde die Glock gegossen und beschlossen, daz Springinsfelt den Schatz suchen sollte«.
   Die große Glocke läuten: sich mit einer Angelegenheit unmittelbar an den wenden, der die oberste, entscheidende Stimme darüber hat; vgl. französisch ›frapper à la bonne porte‹ (wörtlich: an die richtige Tür klopfen); an die große Glocke laufen: eine Sache vor die Allgemeinheit bringen. Diese Redensarten hängen mit der Verwendung der Glocke im Rechtsbrauch zusammen. Zu Gerichtsverhandlungen wurden die Dinggenossen durch das Läuten der großen Kirchenglocke zusammengerufen. Wer also etwas vor Gericht brachte, der veranlaßte, daß die große Glocke geläutet werden mußte. In einer Sage von Karl dem Großen (Deutsche Sagen der Brüder Grimm Nr. 459) läutet eine Schlange an dem Glockenseil, um den Rechtsspruch des Kaisers zu erfahren. Thomas Murner überschrieb das 2. Kapitel seiner ›Mühle von Schwindelßheim‹ (1515) mit »An die große Glocke laufen«, V. 249 heißt es dann:
   Lauff hin, stürm an die gröste glocken,
   Das wir domit zuosamen locken
   Allen guoten lieben gesellen.
Auch an die Strafe des Ausläutens ist zu denken, insbesondere an das Ausläuten oder Verläuten der Schuldner, die ihre Gläubiger nicht befriedigen konnten. So spricht Sebastian Brant (1494) in seinem ›Narrenschiff‹ (Kapitel 82, 8) von dem aufkommenden leichten Sinn der Bauern:
   Sie stecken sich inn große schulden,
   Wie wol korn und wyn gilt vil,
   Naemen sie doch uff borg und zyl
   Und went bezalen nit by ziten
   Man muoß sie bannen und verlüten.
Altmärkisch lautet die Redensart noch ›an de grote Klocke slaan‹, übertreiben, prahlen. Wo die Redensart heute noch verwendet wird, hat sie andere Bedeutung angenommen, z.B. schwäbisch ›mit der großen Glocke läuten‹, großen Lärm mit etwas machen. ›Einem die große Glocke läuten‹, ihn feiern und ehren; allgemeiner auch: viel Lärm um eine nichtige Sache machen.
   Etwas an die große Glocke hängen: es ausposaunen, in aller Leute Mund bringen, öffentlich bekanntmachen, namentlich von Privatangelegenheiten, die nicht vor die Öffentlichkeit gehören; vgl. französisch ›carillonner quelque chose‹. An die große Glocke kommen: in aller Leute Mund kommen; es ist an der großen Glocke: es ist in aller Leute Mund. Das Zeitwort ›hängen‹ scheint in dieser Redensart jünger zu sein und auf der Vermengung von ›anschlagen‹ mit anderen Ausdrücken, wie ›höher hängen, anhängig machen‹ usw., zu beruhen. Rheinisch (Köln) sagt man: ›Mer muß nit alles an de Domklock hange‹; elsässisch ›Lütt nit mit der Glock!‹, fang nicht an, von dieser Sache, in diesem Tone zu reden! Bismarck gebrauchte in einer seiner Reden einmal: »Elsässer Abgeordnete, die alle ihre Klagen an die größte Glocke in Deutschland zu hängen imstande sein werden ...«, d.h. im Reichstag zur Sprache bringen (vgl. niederländisch ›iets aan de grote klok hangen‹; französisch ›sonner la grosse cloche‹; ›entendre les deux cloches‹, beide Parteien hören).
   ›Utpingeln‹ heißt: etwas ausposaunen, und einer, der das große Wort führt, heißt ›Pingelpott‹; man sagt von ihm ›Hei tüt gern de grauten Klocken‹ (Kreis Minden). Wenn daher etwas nicht verschwiegen bleibt, sondern ganz sicher allgemein bekannt wird, so sagt man ›Dat is so goot, as wenn't an de groot Klock bunnen is‹. ›Et kümmet doch noch an de Klocken‹ heißt: es ist nichts so fein gesponnen usw., und, wenn es kund geworden ist, ›häfft sei't an de gruoten Klocken bracht‹ (Westfalen).
   Wissen (oder merken), was die Glocke geschlagen hat: durch eine Andeutung genügend Bescheid wissen; schon bei Grimmelshausen mehrfach belegt. Eine Belegstelle findet sich auch in Murners ›Narrenbeschwörung‹ 53, 60:
   Er sol versehen eine statt
   Und weiß nit, was geschlagen hatt.
Die Glocke läuten hören, aber nicht wissen, wo sie hängt: unvollständig unterrichtet sein; beruht auf der Erfahrung, daß die Richtung, aus der fernes Glockengeläut kommt, oft falsch beurteilt wird ( läuten hören). Die Redensart hat in der literarischen Kritik früherer Jahrhunderte eine große Rolle gespielt; so gebraucht sie beispielsweise Lessing (13,381): »Wenigstens hat der ... nur läuten hören, ohne im geringsten zu wissen, wo die Glocken hängen« (vgl. auch niederländisch ›van klok noch klepel weten‹, überhaupt nichts wissen). Im Westfälischen erhält man auf die Bemerkung ›Diu hiärst wuol luien hoart, woißt owwer nit, wo de Klokken hanget‹ wohl die Antwort:
   Dei Klokken hanget im Tappen,
   Wann se fallt musst diu se schnappen.
In Bayern sagt man ›Du hast läuten, aber nicht zusammenschlagen gehört‹. Dagegen rheinisch ›He wet, wan't luijt‹, er versteht die Gelegenheit wahrzunehmen. Sprichwörtlich sagt man ›Wo kine Klock is, da is auk kin Gelüd‹, mit der Ursache hört auch die Wirkung auf. Wenn der Küster unpünktlich ist und das Läuten nach seiner Bequemlichkeit einrichtet, heißt es ›De Klock geit, äs de Köster de Kopp steit‹. Vermutlich besagt die Redensart auch, daß man am Läuten den Gemütszustand des läutenden Küsters heraushört: Freude bei schnellem Läuten, Kummer bei langsamem Läuten etc. Das Leben im Ort wurde früher von solcher Glockensprache bestimmt und geordnet, die jeder verstand. Sogar das Wetter kündete sie: ›Man hört de Klock so luut, de Wind hätt dreit, wie kriegt anner Wiär‹. Wenn lange geläutet wird, so ›is de Küster mit sien Been in'n Klockenstrang fast‹.
   Er hat nie eine andere Glocke als die seines Dorfes gehört: er ist nie von zu Hause weggekommen; vgl. das französische Sprichwort: ›Qui n'entend qu'une cloche n'entend qu'un son‹ (wörtlich: Wer nur eine Glocke hört, hört nur einen Ton), im Sinne von: Wer die Meinung eines einzigen Menschen hört, kann sich kein objektives Urteil bilden.
   Man hat noch nicht mit allen Glocken geläutet: es hat noch Zeit, wir kommen noch früh genug. Die Glocken tönen noch: die Sache ist noch nicht aus.
   Viele weitere Bildungen sind nur regional verbreitet; so westfälisch ›an eene Klock trecken‹, an einem Strick ziehen, das gleiche Ziel verfolgen; dagegen ›Sie läuten nicht dieselbe Glocke‹, sie sind verschiedener Ansicht, sagen bald so, bald so. ›Nu lüdden de Klocken anners‹, jetzt geht ein anderer Wind. Elsässisch ›Potz Sapperment, leyt nit mit dere Glock‹, komm mir nicht mit dieser Sache. Bekannt ist auch: Er geht gern in die Kirche, wo mit gläsernen Glocken geläutet wird (oder: ›Wo das Gesangbuch Henkel hat‹ usw.): in das Wirtshaus. ›Dicht an den Herrgott sine Kerke hett de Düwel en Kapellken gebaut, wo se met glasernen Klocken lüet‹, sagt man in der Gegend von Dortmund, und auch in Mecklenburg heißt das Gasthaus ›de Kirch, wo mit de gläsern Klocken lüddt ward‹.
   Mit der Sauglocke läuten: unsaubere Reden führen, Zoten erzählen; obersächsisch ›Sull mer dee erscht mit der Saugluck läuten‹, soll man dir erst mit derben Worten kommen; münsterländisch ›De lütt met de Swineklock‹; auch die Tiroler nennen das Zoten ›die Sauglocke läuten‹; Sauglocke.
   Eine plauderhafte, sich in den Häusern herumtreibende Person wird im oberen Naabgau als ›Dorfglocke‹ (Dorfschelle) bezeichnet. Von einer überlauten sagt man ›Die ist wie eine Glocke, sieht man sie nicht, hört man sie doch‹.
   Er kommt bald in die Glocke deutet an, daß einer dem Tode nahe ist (Kreis Iserlohn). Man sagt auch ›Mit dem is nich mär veel los, bi dem schleit de Klocke wänner (bald) twiälfe‹ (Dortmund).
   ›De Klock geten‹ heißt: einen Anschlag machen. Hans Sachs gebraucht die Wendung ›Da wurt die glock gegossen‹. Anderswo heißt es Die Glocke war schon über mir gegossen: ich war schon so gut wie verurteilt. Die Wendung bei Hans Sachs: »Wenn man die garauss glocken leut« meint: wenn mein letztes Stündlein gekommen ist. Ein Kalb, das gleich nach der Geburt geschlachtet ist, ›hat kein Betglockenschlagen gehört‹. Von einem elenden Stück Vieh, dessen baldigen Tod man erwartet, heißt es mecklenburgisch ›Dee hett de Klocken (School un Klicken) fri‹.
   Die unter dieselbe Glocke gehören, d.h. die Kirchspielgenossen kennen sich am besten und stehen sich am nächsten. Darum heißt es vom Heiraten nach auswärts sprichwörtlich ›Wä wegge geht wie ne Klockeklang, dä bereut et sin Lieve lang‹ (Kreis Düren).
   ›Du kürst, als wenn du mit hölternen Glocken läutest‹, du bist recht dumm (Kreis Iserlohn, Westfalen). Aber: ›Wo de Klock vun Ledder is un de Knepel 'n Vosswanz, schall man't ok so heel wied nich hören‹.
   Wenn ein Kind weint und das Näschen fließt, so sagt man im Rheinland: ›Ös treckt de Klemp, de Klickeseeler kuemen all‹ (Kempen) oder ›Wat häst dau aber wieder for Glockenseile us der Nas raus hänge!‹ (Vallendar). Von einem schreienden Kind heißt es im Westfälischen auch ›Et trecket de Braudklocke‹; ›he lüd keene gode Klocken‹, er hustet bedenklich. Wenn man sich den Ellenbogen stößt, brummt es ›as wenn 'ne Klock stött‹ (mecklenburgisch). Die Dreschflegel bezeichnet der Westfale als ›hültene Klocken‹.
   ›Die dreht sich wie eine Glocke‹ sagt man im oberen Naabgau von einem raschen Frauenzimmer, das sich beim Tanze herumwirbelt, daß die Röcke glockenförmig abstehen.
   Der Ausdruck ›bei glockhellem Mittag‹ ist im Volksmund nicht selten. Rosegger gebraucht die Wendung: »Die Himmelsglocke lag in mattem Blau«, und redet von der »stillen, glühenden Himmelsglocke«.
   Nun schlägt die Glocke dreizehn dreizehn.
• J. PESCH: Die Glocke in Geschichte, Sage, Volksglaube, VOLKSBRAUCH UND VOLKSDICHTUNG (DÜLMEN I.W. 1918); E. ERDMANN: Glockensagen (Diss. Köln 1929); A. PERKMANN: Artikel ›Glocke‹, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens III, Spalte 868-876; P. SARTORI: Das Buch von den deutschen Glocken (Berlin – Leipzig 1932), S. 164ff.; CHR. MAHRENHOLZ: Glockenkunde (Kassel – Basel 1948); W. ELLENHORST und G. KLAUS: Handbuch der Glockenkunde (Weingarten 1957); N. KYLL: Die Glocke im Wetterglauben und Wetterbrauch des Trierer Landes, in: Rheinisches Jahrbuch für Volkskunde 9 (1958); CHR. MAHRENHOLZ u.a.: Artikel ›Glocken‹, in: Religion in Geschichte und Gegenwart II (3. Auflage 1958), Spalte 1621-1626; A. ERLER: Artikel ›Glocke‹, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte I, Spalte 1706-1708; H. FISCHER: Artikel ›Glocke‹, in: Enzyklopädie des Märchens V, Spalte 1289-1295; H.J. UTHER: Artikel ›Glocke der Gerechtigkeit‹, in: Enzyklopädie des Märchens V., Spalte 1295-1299.
An die große Glocke laufen (hängen). Holzschnitt aus Thomas Murners ›Die Mühle von Schwindelsheim und Gredt Müllerin Jahrzeit‹, 1515.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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