Glück
Damit hast du bei mir kein Glück: damit erreichst du bei mir nichts.
   Er hat mehr Glück als Verstand (scherzhaft: ›als Fer-dinand‹). Ähnlich Er ist ein Glückskind (ursprünglich ein mit einer ›Glückshaube‹ oder ›Glückshaut‹ [umhüllende Eihäute] geborenes Kind), Glückspilz (seit etwa 1800), er hat eine Glückshaut, er ist ein Hans im Glück (nach Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm 83). Im ›König Ödipus‹ des Sophokles (V.1080) nennt sich Ödipus »Pais ths Tyxhs« (Kind des Glückes), was Horaz in den ›Satiren‹ (II, 6, 49) mit ›fortunae filius‹ und wir mit ›Glückskind‹ wiedergeben, Glückshaube.
   Auf gut Glück etwas tun: in der Hoffnung, daß es gelingen werde. In dieser Wendung ist die ältere Bedeutung von Glück noch erkennbar, das noch mittelhochdeutsch den Sinn von ›Zufall‹ hatte. ›Auf gut Glück‹ meint also eigentlich: auf einen freundlichen Zufall hin; vgl. französisch ›faire quelque chose au petit bonheur‹.
   Das Glück beim Schopf ergreifen: das Glück festhalten. Die Redensart bezieht sich auf die alte Vorstellung von dem in Olympia verehrten Kairos, der nur eine Stirnlocke, aber ein geschorenes Hinterhaupt besaß ( Gelegenheit).
   Ihm lacht das Glück; vgl. französisch ›La fortune lui sourit‹ (lächelt ihm zu); auch: das Glück läuft ihm in den Arsch. Hier ist das Glück personifiziert wie bei den Römern die Glücksgöttin Fortuna; ebenso in der gegensätzlichen Redensart Das Glück kehrt ihm den Rücken.
   Ursprünglich hatte der Begriff ›Glück‹ (mittelhochdeutsch gelücke) lediglich die Bedeutung von Schicksal, Geschick, Ausgang einer Sache. Erst durch die nähere Bezeichnung ›Gutes Glück‹ (englisch ›good luck‹) bzw. ›Böses Glück‹ (englisch ›bad luck‹) wurde die positive oder negative Bedeutung zum Ausdruck gebracht, wie aus einer Reihe von literarischen Belegen hervorgeht: »wirt mîn gelücke also guot ...« (Hartmann v. Aue: ›Iwein‹, 5517); »da begab sich ein böses glück« (Fischart: ›Eulenspiegel‹, Ausgabe Hauffen, 87); »zum guten glück ists nicht zu spät« (G. Rollenhagen: ›Froschmeuseler‹ [1595], 1, 2, 22).
   Im Laufe der Zeit wurde im Deutschen das Wort ›gut‹ als nähere Bezeichnung weggelassen und der Erfolg, die gute Chance, das unerwartet Positive nur durch den Begriff ›Glück‹ wiedergegeben. In Verbindung damit entstanden eine Reihe von redensartlichen Wendungen, mit denen die Art des Glücks umschrieben wurde, so unter anderem Glück haben, z.B. bei Frauen, im Spiel usw.; ferner: Glück bringen, eine Wendung, die meist mit bestimmten Glückssymbolen verbunden wurde, wie z.B. Glückskäfer, Glücksschwein, Glücksklee (insbesondere das vierblättrige Kleeblatt) usw.; ein Glückskerl sein, vom Glück verwöhnt sein, eine Glückssträhne haben u.a.
   Weder Glück noch Stern haben: Unglück, Pech haben ( Stern), in bejahender Form in Johann Fischarts ›Glückhaftem Schiff‹ (1576):
   Gott geb, daß dieser Bund bleib wirig (= dauernd)...
   Gott geb, daß er hab Glück und Stern,
   Solang die Aar läuft nah bei Bern.
Diese Redensart ist auch bei Abraham a Sancta Clara mehrfach bezeugt.
   Dem Glück im Schoß sitzen: vom Glück ganz besonders und dauernd begünstigt werden. Die Wendung Glück muß der Mensch haben beinhaltet die Erkenntnis, daß der Mensch sich nicht immer ausschließlich auf seine eigenen Fähigkeiten verlassen kann.
   Die Redensart vom großen Glück bzw. vom Glück der alten Weiber ist euphemistisch oder gar ironisch zu verstehen. Eulenspiegel »segnet sich«, wie die 21. Histori des Volksbuches sagt, »alle Morgen vor gesunder Speiß und vor grossem Glück und vor starckem Tranck«. Er meinte die Speisen der Apotheke, die, wie gesund sie auch sein mögen, doch ein Zeichen von Krankheit sind; der starke Trank war ihm das Wasser, das große Mühlräder treibt, an dem sich aber gar mancher gute Gesell den Tod getrunken hat. Vom ›großen Glück‹ sagt das Schwankbuch: »... dann wo ein Stein von dem Tach fiel oder ein Balcken von dem Huß, so möcht man sprechen: Wer ich da gestanden, so het mich der stein oder der Balck zutod gefallen; das war myn groß Glück. Sollichs Glück wolt er gern entbehren«. Etwas geändert hat die Geschichte Julius Wilh. Zincgref in seiner zuerst 1626 erschienenen Apophthegmen-Sammlung (›Teutscher Nation klug-außgesprochene Weißheit‹ [Amsterdam 1653]: »Eulenspiegel meinte, wann einer die Stiegen hinein fält, das groß Glück, wie man sagt, daß er den Halß nicht gar gebrochen«. Diese Fassung hat Christoph Lehmann in sein ›Florilegium Politicum‹ aufgenommen (IV, S.28f.).
   Derselbe Gedanke vom Glück im Unglück kehrt auch in einem anderen Zusammenhang wieder, nämlich in dem 589. Stück von ›Schimpf und Ernst‹ des Franziskaners Johannes Pauli: »Wan etwan ein Weib blau und mosecht (fleckig) umb die Augen ist, so sprechen die Nachburen: ›Wie sein ir so blau umb die Augen?‹ so spricht sie: ›Mein Man hat mich geschlagen‹. So sprechen sie: ›Ir haben groß Glück gehabt, das ir nit umb das Aug sein kumen‹«.
   In einem Meistergesang von Hans Sachs (II, 271)
heißt es:
   Zumb driten hüt dich vor der alten Weiber Glück;
   Wan sie sprechen gwencklich zu allem pösen Stück:
   Es ist gros Glück gewessen pey dem allen;
   Felt etwan ainer oben von eim Haus herab,
   Felt ab ain Schenkel, so sprechens, gros Glück der hab,
   Das er sich nit gar hab zu Dot gefallen.
Zur selben Zeit ist das ›Glück der alten Weiber‹ auch sonst sprichwörtlich belegt (z.B. ›Zimmerische Chronik‹ II, S. 346), Johann Fischart (II, S. 117f.). In der Sicht der französischen Sprache ist es schlechthin zum deutschen Glück geworden. Wenigstens erzählt das im Jahre 1787 Johanna Schopenhauer in dem erst nach ihrem Tode herausgegebene ›Jugendleben‹ (I, 83): »Die Franzosen pflegten spottend zu behaupten, daß wir Deutschen, wenn irgend jemand etwa ein Bein gebrochen hat, ihn immer noch glücklich preisen, weil er nicht zugleich den Hals brach, was doch leicht hätte geschehen können. Sie nennen das Le bonheur allemand (heute nicht mehr gebräuchlich). Leugnen läßt es sich nicht: Diese Bemerkung, die, obenhin betrachtet, nichts weiter als ein artiger witziger Einfall zu sein scheint, ist auf eine tief im Charakter unseres Volkes liegende, sehr schätzenswerte Eigenheit begründet, die uns treibt, auch dem schwersten Mißgeschick irgendwie eine leidliche, einigermaßen Trost gewährende Seite abzugewinnen«.
   Uneingeschränktes Glück, wie es auch in der Wendung ›wunschlos glücklich‹ zum Ausdruck kommt, galt indessen als unverdient.
   Doch nicht immer ist mit dem Glück der Zufall (Fortuna) gemeint. Häufig beziehen sich die Redensarten auch auf den materiellen Erfolg, so z.B. die Wendungen: sein Glück (in der Fremde) suchen bzw. (anderswo) sein Glück machen, d.h. ein gutes Auskommen finden.
   Die Wendung sein Glück versuchen begegnet häufig im Märchen zur Motivierung für den Auszug des Helden aus dem Elternhaus. Ähnlich heißt es auch im Volkslied ›Es, es, es und es‹ im Refrain:
   Ich will mein Glück probieren,
   marschieren.
Ironisch ins Glück treten: in Hundekot treten, eine euphemistische Redensart, durch die etwas Unangenehmes zu einem glückbringenden Ereignis umgedeutet wird.
   Sein Glück mit Füßen treten: sich unverzeihlich dumm benehmen und dadurch seine Zukunftschancen zerstören. ›Der Schmied seines Glückes sein‹: nach dem Sprichwort ›Jeder ist seines Glückes Schmied‹, d.h., man hat sein Glück letztlich selbst in der Hand Schmied. Die Wendung begegnet auch in einer Novelle von G. Keller (›Die Leute von Seldwyla‹ [1856]). Es handelt sich um einen der zahlreichen Sprüche, die sich um das Glück bzw. Unglück drehen, wie z.B. auch die spöttische Umkehrung: ›Jeder ist seines Glückes Störenfried‹ Unglück, Pech.
   Ähnlich spöttisch ist auch der Satz, der bisweilen im Zusammenhang mit der Redensart Jemandem Glück wünschen zu hören ist: ›Man wünscht denen Glück, die es haben, nicht denen, die es brauchen‹. ›(K)eine glückliche Hand haben‹: etwas (un)geschickt anfassen, Hand. ›Unter einem glücklichen Stern geboren sein‹: von Geburt aus begünstigt sein ( Stern), noch nichts von seinem Glück wissen: keine Benachrichtigung haben über eine bevorstehende günstige Wendung, aber auch ironisch-schadenfroh bei ungünstigen Wendungen.
   Mit Glücksgütern reich gesegnet sein: in besten materiellen Verhältnissen leben; ein Glücksjäger sein: auf abenteuerliche Weise nach dem Glück jagen; ›Glückspfennig‹, Bezeichnung für einen gefundenen Pfennig, der als glücksbringend gilt; ›Zum Glück‹ ist ein satzeinleitender Ausruf bei Glück im Unglück.
   ›Dem Glücklichen schlägt keine Stunde‹ und ›Glück im Spiel – Unglück in der Liebe‹ sind sprichwörtliche Feststellungen.
• A. WESSELSKI: Le bonheur allemand, in: Erlesenes (Prag 1928), S.40-45; W. ANDERSON: Artikel ›Glück‹, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens III, Spalte 879-882; J. DE VRIES: Artikel ›Glück‹, in: Religion in Geschichte und Gegenwart II (3. Auflage 1958), Spalte 1628-1629; G. GROBER-GLÜCK: Motive und Motivationen in Redensarten und Meinungen (Marburg 1974), § 11; H. BAUSINGER: Märchenglück, in: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 13 (1983), S.17-27; E. BLUM: Artikel ›Glück und Unglück‹, in: Enzyklopädie des Märchens V, Spalte 1305-1312; E. SCHOENFELD: Artikel ›Glück und Verstand‹, in: Enzyklopädie des Märchens V, Spalte1312- 1318.}
Glück und Glas, wie schnell bricht das. Emblemat. Kupferstich von S. Funck mit Ansicht vom Bern Castel von 1623, aus: Meisner und Kieser, Bd. I, Teil 7, Abbildung 4.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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