Gras
Gras wächst auf etwas: dieser Ausdruck beruht auf der Vorstellung, daß auf wenig oder gar nicht genutzten Flächen Gras wächst. Zunächst wird er ganz wörtlich gebraucht: 1540 schrieb Luther (›Briefe‹ 9, 115 WA.): »Gnediger Herr! Ich habe lange nicht umb ettwas gebeten, ich mus auch einmahl kommen, das die Strasse der Vorbitte nicht zugar mit Grase vorwachse«. Später findet die Wendung im übertragenen Sinne Eingang in die Literatur: 1861 Holtei (›Erzählende Schriften‹ 5, 35): »Sämtliche Portraitzeichner am Orte haben traurige Ferien; es wächst dem Winter zum Trotze Gras auf ihren Brettern«. Verwandt ist Das Gras wächst ihm auf dem Herde; es steht schlimm mit seiner Küche. Französisch ›L'herbe pousse chez eux‹ (Gras wächst bei ihnen), man hat sie im Stich gelassen, niemand geht mehr hin, es sieht schlimm bei ihnen aus.
   Da wächst kein Gras mehr. Zugrunde liegt die Vorstellung, daß auf vielbetretenen oder verwüsteten Plätzen kein Gras wächst; zunächst noch oft in wörtlicher Anwendung: 1622 Lehmann (›Floril. Polit.‹ I, 284): »Da jedermann gehet, waechst kein Grasz« (vgl. englisch ›in market grows no grass or grain‹). Mit gezielt abwertender Bedeutung 1715 bei Pistorius (›Thes. Paroem.‹ 1077): »Auf dem Weg, darauf viel Leute gehen, wächst kein Grasz« – im Hinblick auf Dirnen; entsprechend englisch ›There grows no grass, at the market cross‹ – eine Schmähung auf die Unfruchtbarkeit der Huren; französisch ›à chemin battu il ne crolt d'herbe‹ (veraltet).
   Die Vorstellung des Hunnenkönigs Attila als Verkörperung der Barbarei ist in der Phantasie des französischen Volkes heute noch so lebendig, daß den Kindern in der Volksschule erzählt wird, das Gras könne dort nicht mehr wachsen, wo sein Pferd den Fuß hingesetzt habe. Die Prägung wird sehr häufig redensartlich gebraucht im Hinblick auf Verwüstungen und Gewalttaten, die einen nicht wiedergutzumachenden Schaden zur Folge haben; 1662 bei Prätorius (›Philos. Colus‹ 85): »Das kein Gras wachsen soll, wo der Türke hinkömt« (vgl. englisch ›Where the Turk's horse once does tread the grass never grows‹).
   Eine andere Ursache des Nichtwachsens findet sich in Murners ›Narrenbeschwörung‹ (Neudruck 185):
   Wa Gensz hin schyssen, als ich hör,
   do waszt kein grün Grasz nymmermer.
Ferner in Verbindung mit dem alten Volksglauben, daß nie wieder Gras wächst, wo Teufel, Geister, Hexen hingetreten haben (vgl. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens III, Spalte 1115); 1668 Prätorius (›Blockes-Berges Verrichtung‹ 331): »(Die Hexen) tantzen auch den Boden oder auch das Erderich offtmahls so tieff hinein ..., dasz weder Laub noch Gras mehr daselbst wechst«.
   Darüber ist (das) Gras gewachsen sagt man redensartlich von einer längst vergessenen bösen Geschichte oder von einem alten Zank, der längst aus dem Gedächtnis gelöscht ist. Die Entstehung des Vergleichs wird deutlich aus Lehmann (905, Widerwertig 14): »Wer große Stümpff will auswurtzeln, der verderbt das Geschirr, und thut sich selbsten wehe, es ist besser, man läßt das Gras darüberwachsen«. Man kann eine allmähliche Entwicklung vom wörtlichen zum übertragenen Sinn dieser Redensart verfolgen. Wörtlich gemeint ist sie noch 1541 bei Sebastian Franck (›Sprichwörter‹ 1, 36a): »Drumm ist die best Schwiger ..., die einn grünn Rock an hat ..., das ist, uff dero Grab Grasz wechst« oder 1605 bei Petri (›Die Teutsch Weiszheit‹ Gg 8a): »Große Stöcke sol man auszschleiffen, und grobe Leger Wende (festes Gestein) versenken, unnd begraben, unnd lassen Grasz darüber wachsen«. Ein Übergang zu deutlich übertragenem Sinn findet sich dann schon 1669 bei Grimmelshausen (›Simplicissimus‹ 295): »(Ich) bat beydes meinen Schweher und den Obristen, dasz sie vermittels der Militiae das Meinige zu bekommen unterstehen wolten, ehe Gras darüber wachse«.
   Zeitlich später liegen schließlich die Beispiele übertragener Verwendung: ›Deutsche Erzähler des 18. Jahrhunderts‹ (Fürst): »Alle drei gingen bald hierauf nach Italien, um über diese Geschichte Gras wachsen zu lassen«. 1852 Brentano (›Gesammelte Schriften‹ 5, 13): »Herr Schwab ... ermahnte mich, im Stillen meine Ansprüche auf das Ländchen Vaduz fallen und Gras über diese kahlen Phantasien wachsen zu lassen«. Wilh. Busch hat die Redensart scherzhaft erweitert:
   Wenn über eine dumme Sache
   Mal endlich Gras gewachsen ist,
   Kommt sicher ein Kamel gelaufen,
   Das alles wieder 'runterfrißt.
Rheinisch sagt man ›Do weßt en Brambeere driwer‹ (da wächst ein Brombeerstrauch darüber), das gerät in Vergessenheit.
   Wo der hinhaut, da wächst kein Gras mehr: er schlägt tüchtig zu; von Berlin aus verbreitete Redensart. Noch weiter bildlich gesteigert bei Scheffel (1907, ›Gesammelte Werke‹ II, S. 80): »Cappan war übel zugerichtet. Auf einem Rücken, den alemannische Fäuste durchgearbeitet, wächst jahrelang kein Gras«. Der redensartliche Vergleich Es bekommt ihm wie dem Hunde das Gras, geht davon aus, daß sich der Hund übergibt, wenn er Gras gefressen hat; gesagt von jemandem, der sich durch unvernünftige und verwerfliche Handlungen selbst schadet, sich in irgendeinem Sinne übernimmt, z.B. 1510 bei Geiler von Kaysersberg (›Granatapfel‹ B 3d): »Nym dir ain leer von dem hund, der ist ain unvernünftig thier. wenn er etwas schedlichs in seinem leib innwendig empfindet, so iszt er grasz, dadurch er von jm auswirft und seinen gesund wieder gehaben mag«. Luther (›Werke‹ 20, 334 WA.): »(Der Satan) frist den Christum und verschlinget in, aber es bekompt im, wie dem Hund das Gras«. Goethe (IV, 3,142 WA.): »Die große Welt ist mir bekommen gestern wie dem Hunde das Gras«.
   Kein Gras unter den Füßen wachsen lassen. Diese Redensart beruht auf der Vorstellung, daß Gras zum Wachsen Zeit braucht und währenddessen nicht gestört werden darf. Bedeutung: man gönnt jemandem keine Ruhe, oder: jemand ist sehr fleißig. Die Redensart ist englisch etwa 160 Jahre früher belegt als in Deutschland: ›No grass grows on his (my) heel‹. In Deutschland ist sie 1716 zuerst belegt bei Dentzler: »Kein Grasz einem unter den Füssen wachsen lassen: non permittere otium alicui«. Ähnlich sagt man schwäbisch von einem schnell gehenden, rastlos tätigen Menschen: ›(Er) laßt sich kei Gras unter de Füß wachse‹. Jer. Gotthelf (›Sämtliche Werke‹ 14, 81): »Hans Joggi und Anne Marei ... gehörten noch der alten Schule an, wo man das Gras nicht unter den Füßen wachsen, die Kelle nicht an der Pfanne kleben ließ«.
   Einem das Gras unter den Füßen wegschneiden: jemanden eines sehr naheliegenden Vorteils berauben, ihm etwas vor der Nase, vom Munde wegnehmen; (vgl. französisch ›couper à quelqu'un l'herbe sous les pieds‹; englisch ›cut the grass (ground) (from) under a person's feet‹; niederländisch ›iemand het gras voor de voeten wegmaaien‹.
   Das Gras wachsen hören: sehr scharf hören, dann: sich äußerst klug dünken. Die Redensart wird abschätzig und ironisch auf einen Überklugen bezogen. Sie ist zum erstenmal 1488 belegt in der Städtechronik (Nürnberg) 3,133: »Der was als witzig, dass er sach das Gras wachsen, und het geerbt von Salomon all seine Weisheit und von Aristoteles alle Subtilligkeit«. Heinrich Bebel gibt 1508 die Redensart in lateinischer Form (Nr. 85): »Ille audit gramina crescere; dicitur in eos, qui sibi prudentissimi videntur«. 1539 bucht Tappius (Nr. 34): »Scit quomodo Jupiter duxerit Junonem. Er hört auch das Graß wachsen«; 1541 Sebastian Franck (I, 78): »Er hört die flöh huosten, das graß wachsen«. In seiner ›Todten-Capelle‹ (28) schreibt Abraham a Sancta Clara: »Er hört das Gras in den Elisischen Feldern wachsen, und die schwindsüchtigen Flöh, in Seraglio zu Constantinopel, biß auf Paris, husten«. Ritzius bringt im ›Florilegium Adagiorum‹ (Basel 1728, S. 614) sogar die Steigerung: »Er hört das Gras wachsen, den Klee besonders«. In Bürgers Gedicht ›Der Kaiser und der Abt‹ von 1785 heißt es:
   Man rühmet, Ihr wäret der pfiffigste Mann,
   Ihr hörtet das Gräschen fast wachsen, sagt man.
Andere Ausdrücke, um Überklugheit zu verspotten, sind: ›Die Spinnen weben hören‹, ›Die Mücken zur Ader lassen können‹; siebenbürgisch heißt es ›E hirt de Kripes (Krebse) nesen‹. Lehmann führt S. 914 (Witz 11) an: »Witz ist nicht blind und sihet doch nicht ... hörts Gras wachsen, die Flöh hupffen, die Mücken an der Wand niesen«. Von Heimdall, dem treuen Wächter der Götter, erzählt die ›Jüngere Edda‹ (›Gylfaginning‹, Kapitel 27): »Er bedarf weniger Schlaf als ein Vogel und sieht bei Nacht ebensogut wie bei Tage hundert Meilen weit. Er kann auch hören, daß das Gras auf der Erde und die Wolle auf den Schafen wächst, sowie überhaupt alles, was einen Laut von sich gibt.« Die Wendung begegnet auch im Märchen (vgl. hierzu Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm 71, Anmerkung, und 134).
   Wachsen wie das Gras im Winter: schlecht zunehmen; von den Leipziger Universitätstheologen wird schon 1502 gesagt: »Also wachsen unsere Theologi wie das Gras im Winter«.
   Auf dem letzten Gras gehen: dem Tode nahe sein (vgl. ›Auf dem letzten Loch pfeifen‹), Loch. 1541 schrieb Sebastian Franck (›Sprichwörter‹ 2, 57): »Alles Volk lief zum Pischof Jadduch, der war nun auch ein vast alt Man, ging auf dem lesten Gras«. Bei Aventin (›Bayerische Chronik‹ 5/7, 49b) heißt es: »Was soll ich aber sagen von etlichen alten und betagten Priestern, welche mit ihrem eignen Alter ringen, und albereit auf das letzte Gras gehen und dennoch der Unkeuschheit dermassen seind ergeben«. Die Redensart wird aber auch von jemandem gesagt, der wirtschaftlich zugrunde geht, so beispielsweise bei Hans Sachs (12, 439):
   Unserm Junckherr widerfert gleich das.
   Er geht jetz auff dem letzten Gras.
   Die Schuler wöllen nimmer bey im singen,
   Die Fronboten umb sein Hausz sich dingen.
Das Gras von unten betrachten: gestorben sein. Ausgehend von der Vorstellung, daß der im Sarg Begrabene sich unterhalb der Erdoberfläche befindet und das Gras sozusagen aus der verkehrten Perspektive ansehen kann. Heute im Volksmund gebraucht in der Form: ›Die Radieschen von unten ansehen (bekieken)‹, vgl. französisch ›manger les pissenlits (l'herbe) par la racine‹ (den Löwenzahn bzw. das Gras bei der Wurzel anfangen aufzuessen); englisch ›going to grass with his teeth upwards‹ (mit nach oben gerichteten Zähnen zu Grase gehen).
   Durch Gras und Stroh (Korn) gehen: sich in einem Vorhaben durch nichts behindern lassen. 1842 schreibt Möser (›Sämmtliche Werke‹ 3, 23): »Wenn sie (die böse Welt) an einer Person, die auf alles Anspruch macht, die auch denen von höherem Stande vordringen will, und durch Gras und Korn geht, wenn sie nur glänzen kann, alle Fehler aufsucht«. Schleswig-holsteinisch ›He is'n Kerl, de mit een dör Gras un Stroh geit‹, auf ihn ist Verlaß.
   Den will ich Gras fressen lehren: jemanden zur Ordnung rufen, ihm Anstand beibringen, ihm die eigene Meinung aufzwingen; vgl. ›Den will ich Mores lehren‹, ›Dem will ich die Flötentöne beibringen‹, Mores, Flötentöne.
   Ins Gras beißen: im Kampf fallen. Die Wendung gebrauchen wir heute schlechthin für ›sterben‹ (vgl. ›Das Zeitliche segnen‹, zeitlich), und gerade hierbei zeigt sich das Verblassen des ursprünglichen Bildes besonders auffällig, wenn z.B. niemand den Widerspruch merkt bei einer Erzählung etwa von dem Heldentod einer Schar tapferer Seeleute, die sämtlich ›ins Gras beißen‹ mußten. Es handelte sich mithin um eine Verallgemeinerung des Soldatentodes auf dem Festlande. Literarisch zum Beispiel bei Lessing in dem 87. Sinngedicht auf den Lupan:
   Des beissigen Lupans Befinden wollt ihr wissen?
   Der beissige Lupan hat jüngst ins Gras gebissen.
Die Redensart kann nicht getrennt werden von romanischen Redensarten wie französisch ›mordre la poussière‹ (wörtlich: in den Staub beißen); italienisch ›mordere la terra‹; spanisch ›morder la tierra‹. Im Deutschen ist an die Stelle von Erde und Staub auffallenderweise das Gras getreten, was die Erklärung dieser viel gedeuteten Redensart sehr erschwert hat. Die Redensart findet sich zuerst im 13. Jahrhundert, hat aber dort noch nicht den Sinn von ›sterben‹, sondern wird von Schafen gebraucht, die weiden, bedeutet also soviel wie ›Gras fressen‹. In der Bedeutung ›sterben‹ kommt sie erst im 17. Jahrhundert bei Opitz und Olearius vor. Bei Olearius (›Persianischer Rosenthal‹ I, 19) heißt es: »Viel haben müssen in der Frembde Hungers halben ins Grasz beißen / dasz man nicht weisz / wer sie gewesen seynd: Ihrer viel sterben umb denen keine Thränen vergossen werden«. Es läge nahe, zwischen den Worten ›Hungers halben‹ und ›ins Grasz beißen‹ einen Zusammenhang herauszufinden und diese Stelle zur Erklärung der Redensart zu verwenden, etwa in dem Sinne, daß man annimmt, ›ins Grasz beißen‹ sei ursprünglich von Menschen gebraucht worden, die in größter Not wie die Tiere Gras essen, und erst allmählich von der Todesgefahr auf den Tod selbst ausgedehnt worden (so auch Wander, s. Gras). Die Stelle bei Olearius berechtigt indes zu einem solchen Schlusse nicht, zumal andere Stellen, die auf diese Erklärung hinweisen, nicht bekannt sind. Unserem ›ins Graß beißen‹ entspricht englisch ›to go to grass‹, das sonst von Tieren im Sinne von ›weiden‹, ›auf die Weide gehen‹ gebraucht wird, gerade wie unser ›ins Gras beißen‹ bei seinem ersten nachweislichen Vorkommen im 13. Jahrhundert. Neben ›to go to grass‹ gebraucht der Engländer im Sinne von ›sterben‹ auch ›to go to the ground‹, ›to bite the ground‹ und ›to bite the dust‹, ähnlich die romanischen Redensarten (vgl. niederländisch ›in het zand bijten‹).
   Man hat die Redensart bisher auf vierfache Weise zu erklären versucht; einmal mit der sogenannten Notkommunion. Es war im Mittelalter üblich, daß Menschen, denen durch Mord oder im Kampf ein schneller Tod drohte, Erdbrocken ergriffen und sie statt des Leibes Christi als letzte Wegzehrung zu sich nahmen. Es wird auch öfters erzählt, daß Laien Sterbenden, denen das heilige Abendmahl nicht mehr gereicht werden konnte, Erdbrocken in den Mund steckten, in der Überzeugung, daß die Wirkung dieselbe sein werde wie beim Genusse des Sakraments. In dem Gedicht von ›Meier Helmbrecht‹ wird erzählt, daß die Bauern dem Räuber, den sie an den Baum gehenkt hatten, einen »brosemen von der erden« gaben, »zeiner stiuwer (Steuer) für daz hellefiuwer«. In dem Lied von der Ausfahrt des Riesen Ecke wird berichtet, daß Ecke einen verwundeten Ritter fand, dem er einen Brocken Erde in den Mund gab mit dem Wunsche:
   Der glaub der werd an dir volleyst (vollendet)
   Für das hellische fewre,
   Gott Vatter, Suon, heyliger Geyst
   Kum deiner seel zu stewre,
   Das dir der hymmel sey bereyt.
Ähnliches wird erzählt in den Gedichten von der Ravennaschlacht und von Wolfdietrich. In einem altfranzösischen Gedicht auf die Schlacht von Roncevalles wird von dem Helden Olivier berichtet, daß er, zum Tode verwundet liegend, drei Grashalme genommen habe, um damit für sich das heilige Abendmahl zu feiern. Statt der Erdbrocken werden also auch Grashalme erwähnt. Diese Erklärung ist jetzt wohl allgemein mit Recht aufgegeben worden. Grashalme werden bei der Notkommunion nur äußerst selten erwähnt, so daß es ganz unwahrscheinlich ist, daß sie Anlaß zu einer sprichwörtlichen Redensart gegeben haben sollten. Die zweite Erklärung geht davon aus, daß das Wort ›beißen‹ nichts anderes ist als mittelhochdeutsch beizen, althochdeutsch beizên = absteigen, dann auch soviel wie unterliegen. In mittelhochdeutschen Epen wird öfters erzählt, daß ein Ritter ›in daz gras erbeizt‹, d.h. vom Pferde absteigt (beizen heißt eigentlich: essen lassen, also: um das Pferd fressen zu lassen, ins Gras absteigen), z.B. ›Heldenbuch‹ 442, 28:
   da beist wolfdietreiche
   da nider in das gras
und 361, 18:
   er beiste von dem rossen
   hin nyder auff das lant.
Dieses ›beißen‹ ist später Gebrauch für ›erbeizen‹ der gebildeten mittelhochdeutschen Literatur. So heißt es z.B. im ›Nibelungenlied‹ Strophe 200, 3:
   Dô si in hêt empfangen, er si hiez ûf daz gras
   erbeizen mit den frouwen, swaz ir dâ mit ir was.
Aber weder erbeizen noch das in gleichem Sinne verwendete beißen wird in charakteristischer Weise mit Gras in Verbindung gebracht, ja, das Gras fehlt oft gerade da, wo wir es am ersten erwarten müßten, wenn die Redensart auf dieses ›erbeizen‹ zurückginge, nämlich wo es sich um im Kampf Verwundete oder Getötete handelt, wie z.B. im ›Nibelungenlied‹ 32, 7: »In dem starken sturme erbeizte manec nider von den rossen«. Sprichwörtliche Redensarten pflegen nicht auf mißverstandene Worte zurückzugehen. Hier ist das um so unwahrscheinlicher, als ›beißen‹
für ›erbeizen‹ doch nur ausnahmsweise und gewiß nur im Dialekt gebraucht wurde.
   Die dritte Erklärung ist hergenommen von der Tatsache, daß tödlich verwundete Krieger häufig im letzten Todeskampfe Sand, Erde oder Gras mit dem Munde erfassen. Dafür beruft man sich auf zahlreiche Stellen in der Literatur von Homer an. So ruft z.B. Agamemnon (›Ilias‹ II, 412ff.) den Zeus an:
   Laß doch die Sonne nicht sinken
   und sende nicht früher das Dunkel,
   Ehe nicht niedergerissen
   des troischen Königs verrußtes
   Deckengebälk und das Tor
   mit loderndem Feuer beschüttet,
   Eh' nicht des Hektor Gewand
   an der Brust ich in flatternden Fetzen
   Riß mit dem ehernen Speer
   und um ihn viele Gefährten
   Häuptlings gestürzt in den Staub,
   den Sand mit den Zähnen zu beißen!
Und im 19. Gesang (V. 61) heißt es:
   Ehe so viel Achäer
   den Staub mit den Zähnen gebissen.
Ähnlich sagt Vergil (›Aeneis‹ XI, 418): »procubuit moriens et humum semel ore momordit«, (X, 489): »et terram hostilem moriens petit ore cruento«, und Ovid (›Metamorphosen‹ IX, 61): »arenas ore momordi«. Daraus sind die romanischen Redensarten ›mordre la poussière‹ u.a. entstanden. Auch gegen diese Erklärung scheint zu sprechen, daß nur äußerst selten in dem erwähnten Falle vom Grase die Rede ist. Erde und Staub sind leicht verständlich, Gras nicht in demselben Maße.
   4. Deutung: R. Pischel glaubt den Ursprung der Redensart in einem Brauche zu finden, der sich praktisch bei allen indogermanischen Völkern findet, nämlich in der Sitte, in bestimmten Fällen Gras in den Mund oder in die Hand zu nehmen. Pischel sagt: Für Indien steht ganz fest, daß ›ins Gras beißen‹ nicht ›sterben‹ bedeutete, sondern im Gegenteil ein Mittel war, um sich bei Lebensgefahr vor dem Tode zu retten. Aber wer ins Gras biß, gab damit zu erkennen, daß er mit seinen Kräften zu Ende war und sich fremder Gewalt überließ. Das Gras war das Symbol der Schwäche und des Schutzheischens. Statt in das Gras zu beißen oder es in den Mund zu nehmen, nahm man es auch in die Hand wie bei den Römern, Germanen, Slawen, und bei den Indern das Schilfrohr. Man könnte versucht sein, anzunehmen, daß der Ausdruck von den Kriegern im Kampfe allmählich auf alle Menschen überhaupt ausgedehnt worden sei, die ›mit dem Tode ringen‹. Dafür bringt Pischel Belege aus der indischen Literatur, wo das Gras als Zeichen der Unverletzlichkeit galt. Aus dem Sinn: Ich beiße ins Gras, d.h., ich bin mit meinen Kräften zu Ende, und der Vermischung mit einer Redensart wie französisch ›mordre la poussière‹ habe sich die heutige Bedeutung entwickelt. Doch befriedigt auch diese Deutung nicht völlig. Das Begräbnis unter dem Rasen, das ja auch sprichwörtlich ist, wird jedenfalls noch nicht zur Erklärung der Entstehung der Redensart ausreichen.
   So wird man sie noch am ehesten wohl als naturalistische Schilderung des Verhaltens zu Tode getroffener Krieger auffassen dürfen. Das geht auch daraus hervor, daß die deutsche Wendung sinngemäß der englischen wie auch der französischen entspricht, obwohl darin zumeist der Begriff ›Staub‹ oder ›Erde‹ verwendet wird, d.h., alle Varianten beziehen sich auf die Tatsache, daß schwer verwundete Krieger im letzten Todeskampf Sand, Erde oder Gras mit dem Munde erfassen und sich darin festbeißen. Diese Meinung vertritt auch F. Oinas, der als Beweis eine Stelle aus einem historischen Bericht des dänischen Geschichtsschreibers Saxo Grammaticus (ca. 1204) über den Heldentod des Dänen Skarkather anführt. Darin wird erzählt, wie sich beim Fall des abgeschlagenen Kopfes auf das Gras die Zähne festbissen. Oinas folgert daraus, daß die englischen Redensarten ›to bite the dust (earth)‹ bzw. ›to bite the grass‹ (auch: ›to go to grass‹) unabhängig von anderen Einflüssen entstanden sind, und zwar allein aufgrund der Beobachtung schwer verletzter Krieger, bei denen ›in ihren letzten Zuckungen‹ »ein krampfartiges Öffnen und Schließen des Mundes einsetzte« (Oinas), wobei die Zähne in Staub, Erde oder Gras bissen. Oinas schließt eine sprachliche Überlieferung aus der griechischen und römischen Literatur daher aus. Gleichwohl verdienen die entsprechenden Belege der Erwähnung, da sie die ältesten Zeugnisse für das oben genannte Phänomen sind.
   Wenn in diesen Belegen von Staub und Sand die Rede ist, in der dänischen historischen Legende jedoch von Gras, so dürfte das wiederum ein Beweis für die Herkunft der Redensart aus dem realen Verhalten des Kriegers im Todeskampf sein: er beißt in das Nächstgelegene – das ist im Süden eher Sand und Staub, im Norden dagegen Erde oder Gras.
   Viel verwendet wird auch der redensartliche Vergleich ›Grün wie Gras‹, der schon im frühen Mittelalter begegnet und heute vielfach in der Verkürzung ›grasgrün‹ vorkommt. Ähnlich der Vergleich ›wie Spitzgras‹, der im Sinne von zuwider, unsympathisch, unangenehm vor allem auf Personen bezogen wird, wie z.B. in dem Ausspruch: ›Er ist mir zuwider wie Spitzgras‹, grün.
• I.V. ZINGERLE: ›Ins Gras beißen‹, in: Germania 4 (1859), S. 112-113; J.D.M. FORD: ›To bite the dust‹ and symbolic lay communion, in: Publications of the Modern Language Association 20 (1905), S. 197-230; E. HOFFMANN-KRAYER: ›Ins Gras beißen‹, in: Archiv für das Studium der neueren Sprachen u. Literatur, Bd. 117, S. 142; L. GÜNTHER: Wörter und Namen, S. 45; R. PISCHEL: Ins Gras beißen, in: Sitzungsberichte der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften 23 (1908), S. 445-464; SEILER: Sprichwörterkunde, S. 233; Richter-Weise, Nr. 67, S. 69-71; K. HECKSCHER: Artikel ›Gras‹, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens III, Spalte 1114-1119; A. TAYLOR: ›Attila and modern riddles: Where the Turk's horse has trod, grass never grows‹, in: Journal of American Folklore 56 (1943), S. 136-137; W. DANCKERT: Symbol, Metapher, Allegorie im Lied der Völker, Bd. I, S. 850ff.; F. OINAS: ›To bite the dust‹, in: Proverbium (N.F.) 1 (1984), S. 191-194;
Über etwas ist Gras gewachsen. Politische Karikatur von Hans Geisen, 1983, Cosmopress. Aus: Badische Zeitung, Nr. 8, vom 12.I.1983, S. 4.
Ins Gras beißen. Nach einem handkolorierten Druck von Geißler (1770-1844).

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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