grün
bezeichnet in seinem ursprünglichen Sinn das Wachsende, Frische in der Natur und steht damit im Gegensatz zum Trockenen, Welken, aber auch zum bereits Ausgewachsenen, Ausgereiften. Daher die Redensarten ein Ding zu grün angreifen; vgl. französisch ›Ils sont trop verts‹ (wörtlich: Die Trauben sind noch zu grün): die Sache ist verfrüht, und etwas zu grün abbrechen (sächsisch): eine Sache nicht zur Reife kommen lassen, etwas übereilt, unvorbereitet tun oder davon sprechen; dazu kommt die Bedeutung des kecken, unverschämten Auftretens, die in dieser Redensart schon 1582 in der Komödie ›Hans Pfriem‹ des Hayneccius vorkommt:
   Ey lieber Pfaff, und bistu kün,
   Und darffst es abbrechen also grün,
   So nimb den Pfahl aus deinem hertzen,
   Und steck ihn in das meine mit schmertzen.
Grün im Sinne des Unzubereiteten, Rohen begegnet in der niederdeutschen Redensart ›Dat kan ik gliks sau greun wegputzen‹ als Ausdruck der Vorliebe für eine Sache.
   Die Bedeutung des frischen Grüns wird aus dem pflanzlichen Bereich auch in den des Menschen übertragen, wo grün oft mit ›frisch‹ und ›jung‹ gleichzusetzen ist. Sich grün machen: sich viel zutrauen, sich frisch zeigen; vgl. das Sprichwort ›Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen‹.
   Seit dem 17. Jahrhundert bezeichnet grün auch ›Unerfahrenheit‹, ›geistige Unreife‹, so z.B. Heupold (1620): »einen grünen, unweisen, ungerechten Narren«; daher die umgangssprachlichen Ausdrücke ›Grüner Junge‹, ›Grünschnabel‹ u.ä.; vgl. englisch ›greenhorn‹, womit ursprünglich die Amerikaner die neuen Einwanderer bezeichneten, später allgemein für unerfahrene Menschen gebraucht; Greenhorn.
   Im 20. Jahrhundert kam der Ausdruck ›Grünzeug‹ als Parallelbildung zu ›Junges Gemüse‹ auf, womit junge, unerfahrene Leute bezeichnet werden; die Redensart ist auch in Luxemburg geläufig: ›esou grengt Gemeis‹. ›Frisch‹, ›unbearbeitet‹ meint auch das ›grün‹ in den Zusammensetzungen: ›Grüner Baum‹, ›grüner Hering‹ (›So jung und frisch wie grüne Heringe‹), ›Grüner Speck‹, ›Grüne Häute‹. Grün in der ausgesprochen positiven Bedeutung von ›günstig‹, ›gewogen‹ findet sich in der Redensart von der Grünen Seite (die Herzseite); ursprünglich ist wohl die ›frische, lebendige Seite‹ gemeint, die der Sitz der grünenden Lebenskraft ist, dann auch die ›günstigste, liebenswürdigste Seite‹ eines Menschen. Jedoch sei auch an die Farbensymbolik in der Kleidertracht des 15. Jahrhunderts erinnert sowie an die Blumensprache des Mittelalters, in der grün ausdrücklich den Anfang einer Liebe meint und in einer letzten Steigerung als Symbolfarbe für die Liebe selbst gilt; so heißt es in der ›Jagd‹ von Hadamar von Laber (1335-40):
   Gruen anefanges meine
   heile wünschet dem anefange,
   so daz sich lieb vereine
   mit lieb und daz es lieblich were lange.
Populär geworden ist die Redensart durch das schwäbische Volkslied aus Friedrich Silchers Volksliedern 1836 »Mädle ruck, ruck, ruck an meine grüne Seite« (E.B. II, 348); als frühester Beleg darf gelten »kum grad zu mir, mins Cordelin, sitz an die grüene siten min« (Manuel Weinspiel [1548], 470). Die Redensart ist auch im Niederländischen bekannt als ›iemands groene zijde‹, im Französischen sagt man bestimmter ›s'asseoir du côté du cœur de quelqu'un‹.
   In der gleichen Bedeutung ›günstig‹, ›gewogen‹, ›wohlgesinnt‹, jedoch in der Regel nur verneinend, steht grün in der Redensart jemandem nicht grün sein: ihm nicht gewogen sein; niederländisch ›niet groen zijn op iets‹. Der älteste Beleg findet sich im mittelhochdeutschen Passional (675, 74), in dem es von der heiligen Katharina heißt:
   sus gienc die edele gotes dirn
   sô hin uf den palas,
   da die samenunge was
   gegen ir vil ungrune.
Grün als Farbe, meist in Verbindung mit ›gelb‹ oder ›blau‹, erscheint in der Redensart Es wird einem grün und gelb vor Augen, niederländisch ›Het wordt mij groen en geel voor de ogen‹, wobei wohl ursprünglich an Grün als die Farbe der Galle, an Gelb als die des Neides zu denken ist; diese Beziehung wird deutlich aus einer Stelle im ›Simplicissimus‹: »... diesem ward (vor Zorn)... grün und gelb vor den Augen, weil ihn die Eifersucht ohn das zuvor eingenommen«.
   Ebenfalls auf die Gemütsverfassung beziehen sich die Redensarten Sich grün und gelb ärgern und vor Neid grün und gelb werden. Die Verfärbung der Haut meint die Wendung jemanden grün und blau schlagen.
   Von zweien, die sich streiten und sich nicht einigen können, heißt es: Sagt er grün, sagt sie gelb.
   ›He snackt gel mit gröne Pricken‹ sagt man in Schleswig-Holstein von einem, der hochdeutsch mit einzelnen plattdeutschen Ausdrücken spricht, ebenso ›He snackt gel un grön‹, er spricht ein Gemisch aus Hochdeutsch und Plattdeutsch.
   Sehr bekannt ist der Ausdruck ›Grüne Minna‹ für den Gefängniswagen; diese Farbbezeichnung grün kann sich vom Anstrich des Berliner Wagens herleiten, jedoch darf auch ein Einfluß von rotwelsch grün
= unangenehm, nicht geheuer angenommen werden. So ist die ›grüne Minna‹ nicht so sehr äußerlich nach der Farbe benannt (obwohl diese zufällig grün sein konnte), sondern weil sie im rotwelschen Sinne grün ist; daß es sich wirklich um das Grün in diesem Sinne handelt, wird aus der Bezeichnung für das Berliner Gefängnis in der Antonstraße deutlich: ›grüner Anton‹. Zudem werden auch in Schwaben und in Österreich die Polizeiwagen als grün bezeichnet: ›grüner August‹ und ›grüner Heinrich‹. (Dagegen wird in Moskau der – schwarze – Gefangenenwagen traditionell ›schwarzer Rabe‹ genannt.) Vgl. französisch ›Panier à salade‹ (wörtlich: Salatkorb), in Anlehnung an die vergitterten Fenster des Wagens.
   Das ist dasselbe in Grün: das ist fast genau dasselbe, ähnlich wie ›Das ist Jacke wie Hose‹, Jacke; die Redensart mag sich von der Gleichheit zweier Kleidungsstücke herleiten, die sich nur durch die Farbe unterscheiden. Nach einem Hinweis von E. Heise ist die Redensart zuerst belegt bei J. Schopenhauer (›Im Wechsel der Zeiten, im Gedränge der Welt‹ [o.J., erschienen um 1800], S. 124). Dort heißt es: »Dieselbe Couleur, aber in Grün, forderte, wie eine bekannte Anekdote erzählt, ein Dienstmädchen einst in einem Laden und reichte ein Pröbchen ... rosarotes Band dem Kaufmann hin«. Demnach war die Wendung schon im 18. Jahrhundert geläufig.
   Aus dem 20. Jahrhundert stammt dagegen die Redensart: Grünes Licht für eine Sache (eine Person): es steht ihr nichts mehr im Wege, die Person besitzt völlige Handlungsfreiheit; dieser Ausdruck, der sich vom grünen – ursprünglich Eisenbahn- – Lichtzeichen für ›Freie Fahrt‹ herleitet, ist auch im Englischen bekannt: ›He has a green light‹, er hat freie Fahrt; vgl. französisch ›donner le feu vert pour quelque chose‹.
   Eine Sache, die Vom grünen Tisch aus behandelt wird, ist zwar theoretisch begründet, in der Praxis jedoch meist nicht durchführbar. Die Redensart mag von dem grünen Filzbezug der Kanzleitische abgeleitet sein.
   Bei Mutter Grün schlafen (übernachten): im Freien, Mutter.
   Auf keinen grünen Zweig kommen Zweig; etwas über den grünen Klee loben Klee; Er ist grün Holz Holz; ach, du grüne Neune! neun.
   Neuere sprachliche Wendungen, die sich auf die Symbol- und Signalfarbe Grün beziehen, sind u.a.: ›Grüne Welle‹, d.h., durch koordinierte Ampelschaltung ist über ganze Straßenzüge hinweg die freie Durchfahrt gewährleistet. ›Grüne Witwe‹: Hausfrau, die etwas weltabgeschnitten vor der Stadt im Grünen lebt. ›Grüne Woche‹: einwöchige große Ausstellung von landwirtschaftlichen Produkten aller Art in Berlin; bekannt sind des weiteren die ›Grünen Männchen‹: Marsmenschen, daher: Grüne Männchen sehen: Halluzinationen haben. Jüngeren Datums ist auch die Redensart Sie hat einen grünen Finger (Daumen), eine grüne Hand: sie hat viel Geschick in der Blumenpflege.
   Bei der Partei ›Die Grünen‹ steht die Farbe Grün dagegen allgemein für die grüne Natur, für die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen.
• O. LAUFFER: Farbensymbolik im deutschen Volksbrauch (Hamburg 1948); W. DICKERTMANN:›Der grüne Zweig‹, in: Muttersprache 62 (1952), S. 56-57, 71 (1961), S. 376; ANONYMUS: ›Jemandem nicht grün sein‹, in: Sprachpflege 10 (1961), S. 162; A. HERTLING: ›Die grüne Seite‹, in: Muttersprache 83 (1973), S. 278-282: W. DANCKERT: Symbol, Metapher, Allegorie im Lied der Völker, Bd. I (Bonn – Bad Godesberg 1976), S. 421ff.; G. MÜLLER: ›In Grün will ich mich kleiden‹, in: Der Sprachdienst 22 (1978), S. 122f.; W. MIEDER: ›In Grün will ich mich kleiden‹, in: Der Sprachdienst 23 (1979), S. 12-13; CH. HINCKELDEY (Hrsg.): Strafjustiz in alter Zeit (Rothenburg 1980), S. 313; E. TUCKER: Artikel ›Farben, Farbsymbolik‹, in: Enzyklopädie des Märchens IV, Spalte 846-853.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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