Antonius
Daß dich Sanct-Antoni ankomme! ist eine Verfluchung und Verwünschung zu einer schweren Krankheit, dem sogenannten ›Antoniusfeuer‹ (vgl. englisch ›Anthony's fire‹), auch als ›Antoniplage‹ und ›Antoniraach‹ bezeichnet. Man glaubte, der hl. Antonius könne davor bewahren oder die Krankheit heilen, wenn man ihn inständig darum bitte, doch fürchtete man gleichzeitig auch, daß er sie als Strafe verhängen würde; wenn er nicht genügend Verehrung fand, auch aus Rache. Die Römer nannten die Krankheit ›ignis sacer‹ (heiliges Feuer), im Mittelalter breitete sie sich aus und wurde zu einer gefürchteten Geißel der Menschheit, der viele zum Opfer fielen. Erst 1630 wurde ihre Ursache durch Tuillier entdeckt (Bauer, S. 53): ein Pilz (Claviceps purpurea) verursacht das sog. ›Mutterkorn‹ im Getreide. Die Körner in den Ähren werden schwarz; werden sie mit den übrigen, gesunden zusammen gemahlen, kann das in ihnen enthaltene Gift brennende Schmerzen verursachen, es läßt die Glieder schwarz werden, so daß sie wie verbrannt aussehen und amputiert werden müssen. Im Mittelalter führte diese Vergiftung häufig zu geistiger Verwirrung und zum Tode. Ahnungslos aßen sich die Leute mit Mehlspeisen und Brot krank.
   Der hl. Antonius der Einsiedler (um 251-356) galt als Schutzheiliger der an der Mutterkornvergiftung, dem Ergotismus, Erkrankten, die in den Klöstern des 1095 eigens dafür gegründeten Antoniterordens versorgt wurden.
   Im Feldarzneibuch von Gersdorf (1517) ist das Gebet eines Mannes überliefert, dessen rechter Fuß durch die Krankheit bereits abgefallen und dessen Hand angeschwollen war:
   O heiliger Antoni groß,
   Erwirb uns Gnad' ohn' Unterloß.
   Ablaß der Sünden, Gottes Huld und Gunst,
   Behüt uns vor deiner schweren Brunst.
Das Kloster Isenheim im Elsaß war ein Zentrum für die Pflege der Erkrankten durch die Antoniter. Matthias Grünewald schuf dafür sein berühmtes Hauptwerk, den ›Isenheimer Altar‹, der heute im Unterlinden-Museum in Colmar aufgestellt ist. Ursprünglich diente vor allem die eindringliche Kreuzigungsszene dieses Wandelaltars zu einer Art Schocktherapie für die Hilfesuchenden. Vor ihrer endgültigen Aufnahme in das Kloster mußten sie eine Nacht vor dem Bild des Gekreuzigten verbringen, um dann willig ihr eigenes Leid auf sich zu nehmen und sich in die Regeln und Anordnungen der Ordensbrüder zu schicken. Auf einem Ausschnitt der Bildtafel ›Versuchung des hl. Antonius‹ ist ein Krankheitsdämon mit den Symptomen des ›Ergotismus gangraenosus‹ von Grünewald dargestellt worden, die er wohl aus eigener Anschauung kannte.
   Der Stoßseufzer: Hilf heiliger Antonius! gilt Antonius von Padua (1195-1231), einem Heiligen, der als Nothelfer für hoffnungslose Fälle zuständig ist. Sein Grab in der Basilica del Santo in Padua ist das heutige Zentrum des Antoniuskultes. Um Verlorenes oder Gestohlenes wieder zu erhalten, wallfahrtet oder betet man zu Antonius.
   In Deutschland ist der hl. Antonius besonders zuständig für alles, was man nicht finden kann (›Patron der Liederlichen‹), deshalb heißt es bei Katholiken: Da mußt du dich an den hl. Antonius wenden. Dies soll in vielen Fällen zum Erfolg geführt haben, da man sich nach dem Gebet plötzlich erinnerte, wo der vermißte Gegenstand sein könnte. Die Vorstellungen von dem Wirken des hl. Antonius von Padua haben sich verschiedentlich mit denen des Einsiedlers gleichen Namens vermischt.
• P. SARTORI: Artikel ›Antonius, der Einsiedler‹ und ›Antonius von Padua, hl.‹, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens I, Spalte 503-507; E. STEMPLINGER: Artikel ›Antoniusfeuer‹, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens I, Spalte 507-508; V.H. BAUER: Das Antoniusfeuer in Kunst und Medizin (Berlin – Heidelberg – New York 1973); K. LUSSI: Der hl.
Antonius von Padua in Wettersegen, in: Schweizerische Volkskunde 78 (1988), S. 49-57.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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