Hammel
Um wieder auf besagten Hammel zu kommen: um nach einer Abschweifung wieder auf den eigentlichen Gegenstand der Unterhaltung zurückzukommen. Die Redensart ist eine Übersetzung von französisch ›Revenons à nos moutons!‹ und geht über die altfranzösische Farce ›Maître Pathelin‹ eines unbekannten Verfassers (15. Jahrhundert) auf den römischen Dichter Martial (1. Jahrhundert n. Chr.) zurück (›Epigramme‹ VI, 19): In einem Prozeß wegen veruntreuter Hammel (bei Martial sind es Ziegen) sucht der Richter den abschweifenden Kläger mit dem genannten Zuruf zur Sache zu bringen. Fischart übersetzt 1575 in seiner ›Geschichtklitterung‹ (Neudruck S. 37) das Rabelaissche »Retournons à nos moutons!« durch: »Aber laßt vns wieder auf vnsere Hämmel kommen!« Wir wenden die Redensart heute in der Form an, die ihr Kotzebue 1803 in den ›Deutschen Kleinstädtern‹ (III, 7) gegeben hat: »Wiederum auf besagten Hammel zu kommen«. Heinrich Heine: »doch, um wieder auf besagten Hammel zurückzukommen, im Collegium des Herrn geheimen Rates Schmalz hörte ich das Völkerrecht«. Oder bei Castelli (im ›Musicalischen Anzeiger‹ [Wien 1831]): »besagten Hammel anlangend, hat uns die Solostimme recht freundlich angelächelt«. Auch im Englischen findet sich das Wort. Es heißt in ›German Home Life‹ (London 1876, 17): »But to return to our sheep«. Eigentlich volkstümlich ist die Redensart nicht geworden.
   Einen bei den Hammelbeinen (berlinisch ›Hammelbeene‹) nehmen (kriegen): ihn drankriegen, ihn ergreifen, zur Verantwortung ziehen; Einem die Hammelbeine langziehen: ihn scharf herannehmen, schinden. Beide Redensarten sind erst in jüngerer Zeit aus der Soldatensprache in die allgemeine Umgangssprache übergegangen. Das zugrunde liegende Bild ist vom Metzger genommen, der dem geschlachteten Hammel die Beine langzieht, um sie zu enthäuten. Andere wiederum leiten die Redensart vom Bild des Schäfers her, der an seiner Schippe eine hakenartige Vorrichtung hat, mit der er Schafe am Hinterbein aus der Herde zieht, wenn sie beim Eintreiben z.B. in einen anderen Stall wollen.
   In den Mundarten gibt es eine große Zahl von Vergleichen, Schimpfworten und Redensarten mit Hammel. Die meisten von ihnen sind jedoch nicht über die engen Grenzen eines Dialektes oder sogar nur eines Dorfes, einer Stadt hinaus gebräuchlichgeworden und geblieben. Mit dem Hammel verbindet man vor allem folgende Eigenschaften: Unreinlichkeit, Gutmütigkeit, Geistesschwäche und Einfältigkeit. An redensartlichen Vergleichen findet sich Dumm wie ein Hammel, Geduldig wie ein Hammel (Lamm), Lamm; in der französischen Redensart ›doux comme un agneau‹ wird der Hammel als die Verkörperung der Sanftmut gebraucht. Der ›Streithammel‹ ( Streit, streiten) scheint allerdings das Gegenteil zu beweisen. Daher wohl auch: Grob wie ein Hammel.
   Im niederdeutschen Raum mit seinen großen Schafzuchtgebieten wird der Hammel in vielen Vergleichen, Sprichwörtern und Redensarten genannt. So sagt man von einem Verrückten ›Der hätt sick mit'n narrschen Hammel stött‹, er ist mit einem tollgewordenen Hammel zusammengestoßen. Auf O-Beine spielt die Redensart an ›Dei geht keinen Hamel ut'n Wäg, dei löppt der mank dörch‹. Von einem, der ohne sein Dazutun zu einer Weisheit gekommen ist, sagt man ›Hei kümmt der achter as Thoms hinner (achter) dei Hamel‹ (er kommt dahinter wie Thoms hinter die Herde). Thoms, der Schäfer, pflegte, weil er ein schlechter Schäfer war, stets vor seiner Herde zu gehen, bis diese eines Tages über ihn hinwegging. So kam er ›achter dei Hamel‹. Von einem, der sein Schäfchen ins Trockene zu führen weiß, sagt man ›He wet sinen Hamel to leiden wo Gras wasst‹, er nimmt seine Vorteile wahr. ›Dei nimmt fif Poten up'n Hamel‹ sagt man von einem, der unverschämte Forderungen stellt; ›he is ook ein von dei Oort, dei'n Hamel mit fif Bein söcht‹ von einem, der gierig ist. Diese Redensart findet sich in den romanischen Sprachen wieder; hier wird sie auf einen übergenauen Menschen bezogen, einen, der Schwierigkeiten sucht, wo keine sind. ›Chercher cinq pattes à un mouton‹ oder ›chercher un mouton à cinq pattes‹ heißt die Redensart französisch, ›cercare cinque piedi al montone‹ italienisch.
   Elsässisch ›loß de Hamel brunse!‹, laß die Dinge nur ungehindert ihren Weg gehen, es wird schon von selbst zu einem guten Ende kommen. Das Rheinische kennt die Redensart ›Der sieht vor Woll de Hammel nit!‹ Sie wird angewendet auf einen, der vor lauter Drumherum das Wesentliche nicht sieht, und steht parallel zu der Redensart ›Vor Bäumen den Wald nicht sehen‹.
   ›Leithammel sein‹: eine blind gehorchende ›Hammelherde‹ anführen. Auf die Eigenschaft der Schafe, ihrem Hammel blind nachzufolgen, bezieht sich die französische Redensart ›comme les moutons de Panurge!‹ Der Schafhändler Didenault hatte Panurge beleidigt. Panurge kaufte ihm daraufhin den schönsten Hammel ab und warf ihn ins Meer. Die ganze Herde folgte nun dem Leithammel nach und ertrank. Der Schafhändler und seine Gehilfen, die die Herde aufhalten wollten, kamen gleichfalls im Meer um. Dazu paßt die pfälzische Redensart ›Der laaft mit wie e Hammel‹, der hat keinen eigenen Willen, der läuft überallhin mit. Auf die Sanftmut und Wehrlosigkeit der Hammel bezieht sich die französische Redensart ›se laisser égorger comme un mouton‹. Sie geht auf die erste Protestantenverfolgung in Frankreich zurück, als sich die Hugenotten regelrecht abschlachten ließen.
   Die Abstimmung durch Hammelsprung ist ein parlamentarischer Abstimmungsvorgang, bei dem die Abgeordneten den Saal verlassen und durch die Ja- bzw. Nein-Türe oder durch die dritte Türe, die der Stimmenthaltung, wieder eintreten. Der Ausdruck ist nicht vom Leithammelprinzip abgeleitet, sondern von der Beobachtung, daß beim Überspringen eines Grabens, einer Hecke usw. ein Schaf nach dem anderen springt; das Nacheinander wird betont. (›Springt ein Hammel über'n Bach, springen alle andern nach.‹) Er wird dann durchgeführt, wenn beim Präsidium Zweifel über die Mehrheit der Ja- oder Nein-Stimmen herrschen. Der Ausdruck wurde im alten deutschen Reichstag geprägt, weil dort als Sinnbild der Stimmenzählung ein Schäfer über der Tür abgebildet war, der die Schafe zählte, indem er sie durch seine Beine laufen ließ.
• L. HEROLD: Artikel ›Hammel (Schöps)‹, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens III, Spalte 1367-1370; TH. HORNBERGER: Der Schäfer, in: Schwäbische Volkskunde, N.F. Bd. 11/12 (Stuttgart 1955); W. JACOBEIT: Schafhaltung und Schäfer in Zentraleuropa bis zum Be-
ginn des 20. Jahrhunderts (Berlin 1961); V.B. DRÖSCHER: Mich laust der Affe (Düsseldorf 1981), S. 45f.; J. VAN DER KOOI: Artikel ›Hammel Gottes‹, in: Enzyklopädie des Märchens VI, Spalte 425-427.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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