Hein
Hein ist wie Heinz und Hinz eine Kurzform von Heinrich. Da dieser Name ungemein häufig vorkam, hat er seine Bedeutung als Eigenname verloren und ist zum Teil ganz allgemein zur Bezeichnung männlicher Personen angewendet worden, deren eigentliche Namen man nicht kennt oder nicht nennen will (Hinz und Kunz), z.B. ›Ein fauler Heinz‹, Hinz und Kunz. ›Heinz Narr‹ ist die Inschrift eines Bildes in Sebastian Brants ›Narrenschiff‹, womit eben die Jedermanns- oder Allerweltstorheit bezeichnet wird. Hagedorn nennt (schon vor Claudius) einen x-beliebigen Bauern ›Gevatter Hein‹. Niederdeutsch ist ›isern Hinnerk‹ ein starker, mutiger Mensch, ›holten Hinrek‹ ein klotziger, vierschrötiger Mensch, ein ›Sanfter Heinrich‹ ein gutmütiger, schüchterner oder überhöflicher Mensch. Die Soldatensprache kennt ›blauer Heinrich‹ (Graupen), ›stolzer Heinrich‹ (Reisbrei). In allen niederdeutschen Moorgebieten kennt man ›Baukweeten Jan-Hinnerk‹, Buchweizenpfannkuchen, früher eine Volksnahrung. – Heinrich und die Nebenformen dieses Namens treten auch als Namen für solche gefürchtete Wesen ein, deren eigentliche Namen man zu nennen sich scheut. ›Heinzel‹, ›Heinzelmann‹, Heinzelmännchen sind Koboldnamen, Heinzelmännchen. Schon Luther nennt einen Hausgeist ›Heinzlein‹. Vgl. auch Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm 1: ›Der Froschkönig und der eiserne Heinrich‹ und die darin erscheinende Wendung: »Heinrich, der Wagen bricht«. Von sprichwörtlicher Bedeutung ist der heute oft scherzhaft verwendete Satz: »Heinrich! Mir graut vor dir!« Gretchen sagt dies in der Kerkerszene zu Faust (Faust I,1808).
   Weniger streng klingt der Name in der abgewandelten Koseform ›Heinerle‹. Sie wurde weithin bekannt durch die Worte: »Heinerle, Heinerle, hab' kein Geld« aus der Operette ›Der fidele Bauer‹ von Leo Fall (1873-1925).
   Freund Hein als Bezeichnung für den Tod ist durch M. Claudius und Lessing weithin bekanntgeworden. Allerdings ist sie mindestens ein Jahrhundert älter, denn sie findet sich bereits auf einem Flugblatt kurz nach 1650. Dort heißt es: »Freund Hain läßt sich abwenden nit Mit Gewalt, mit Güt, mit Treu und Bitt«. In Theobalds ›Hussitenkrieg‹ (1623) heißt es: »Mancher höret ein solches Vöglein, oder wie sie reden Heintzlic singen, daß er den Vor-Reigen am Todtentanz springen muß«. Hein ist ein schon mittelalterlich bezeugter Übername für den Teufel: »Er siehet eben als hab er holzöpfel gessen ... wie Henn der Teufel«. Auch die oberdeutschen Mundarten kennen verwandte Versionen. So heißt der Tod schweizerisch gelegentlich ›Beinheinrich‹, was dem niederdeutschen ›knökern Hinrik‹ entspricht. Heinz und Hein sind vermutlich also schon vor Claudius volkstümliche niederdeutsche Tabubezeichnungen. Dennoch hielten die Zeitgenossen Claudius für den Erfinder des Wortes. Wenn Lessing den Ausdruck schon im Jahre 1778 in einem Brief an Claudius braucht (»Bei Gott, lieber Claudius, Freund Hein fängt auch unter meinen Freunden an, die Oberstelle zu gewinnen«), so will er dem Einführer dieses Wortes in die Schriftsprache nur andeuten, welchen Gefallen auch er daran hatte. Die Wendung ist dann schnell populär geworden. Heinrich Heine dichtet:
   Da flucht ich den Weibern und reichen Halunken,
   Und mischte mir Teufelskraut in den Wein,
   Und hab mit dem Tode schmollis getrunken,
   Der sprach: fiducit, ich heiße Freund Hein!
Daß der seit M. Claudius literarisch bekanntgewordene ›Freund Hein‹ als Kurzform zu ›Heinrich‹ gehöre, wird freilich zum Teil bestritten. Andere Erklärer führen das Wort auf ein altes Wort für ›Tod‹ und ›Toter‹ zurück: Hunne, Hinne, Heune, Hein (vgl. Hünengrab, das Hühnerloch im Volkslied). Alle Deutungen aus der Mythologie scheinen indessen zu weit hergeholt. Es ist viel wahrscheinlicher, daß für den Tod ein Hüllwort gebildet wurde, das durch die Verwendung eines sehr häufigen Vornamens das Ungeheure des Todes in den Bereich des Geheuren und Vertrauten ziehen sollte. Durch die Verbindung mit ›Freund‹ wird dies in unserem Ausdruck noch besser erreicht als in den mundartlichen Verbindungen. Wenn sich auch hierfür bis jetzt kein eindeutiger Beweis erbringen läßt, so wird diese Erklärung doch gestützt durch zahlreiche ähnliche Hüllwörter und Euphemismen in den verschiedenen Sprachen. Im England kommt z.B. in gleicher Bedeutung ›Old Henry‹ vor. Vgl. auch ›Das Zeitliche segnen‹, zeitlich.
   Der beliebt gewordene Ausdruck ›Freund Hein‹ begegnet u.a. auch als Titel eines Versepos' von K.A. Musäus (1735-1787): ›Freund Heins Erscheinungen in Holbeins Manier‹ und in neuerer Zeit als Titel des Romans ›Freund Hein‹ (1902) von Emil Strauß.
• J. GRIMM: Deutsche Mythologie (4. Ausgabe Gütersloh 1876) Band II, S. 710; TH. SIEBS: Von Henne, Tod und Teufel, in: Zeitschrift für Volkskunde. 40 (1930), S. 49-61; G. BARBARIN: Der Tod als Freund (Übersetzung Kuno Renatus) (Stuttgart – Berlin 1938); P. GEIGER: Artikel ›Hein, Freund‹, in: Handbuch des Aberglaubens III, Spalte 1694-1695; ›Wie die Alten den Tod gebildet‹ (= Kasseler Studien zur Sepulkralkultur 1) (Mainz 1979); ›Freund Hein und der Bücherfreund‹ (Ausstellungskatalog) (Kassel 1982).
Freund Hein. Illustration von Moritz von Schwind zu Dullers ›Freund Hein‹, 1833/34: Freund Hein öffnet einem Gefangenen die Tür.
Freund Hein. Illustration von Moritz von Schwind zu Dullers ›Freund Hein‹, 1833/34: Freund Hein als Freier im Kirchhof.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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