Heulen
Die Zwillingsformel Heulen und Zähneklappen (nicht klappern, wie vielfach angenommen wird) bezieht sich auf das Heulen und Zähneklappen, das (nach Mt 8,12 und Lk 13,28) die Sünder in der Hölle erwartet. Es handelt sich hierbei um eine Paarformel, die der Betonung und Verstärkung dient.
   Etwas ist zum Heulen: es ist so schlimm, daß man nicht wie ein Mensch weinen, sondern wie ein Tier (auf-) heulen muß, wobei die Stärke der Klage einen Rückschluß auf die Größe des Übels zuläßt.
   ›Weinen‹ (für Tränenvergießen) gehört eher der gehobenen Umgangssprache an. Volkssprache und Mundarten bevorzugen statt dessen das kräftigere ›Heulen‹, was sonst eher auf Tiere bezogen wird: Heulen wie ein Schloßhund, Mit den Wölfen heulen Wolf.
   ›Heuler‹ werden die Seehundbabies genannt. Andere verbale Ausdrücke sind: flennen, brüllen, plärren, greinen, jammern, schluchzen, wimmern, plinseln, Tränen vergießen oder in Tränen zerfließen, sich in Tränen auflösen, die Augen aus dem Kopf weinen, Rotz und Wasser heulen. Oder das Klagen wird umschrieben mit Nölen, Quengeln, Jaulen, Maulen, Lamentieren, Winseln. Wem zum Weinen ist, der ›stellt‹ oder ›dreht die Wasserleitung‹ oder den ›Wasserhahn‹
an, hat ›Nahe am Wasser gebaut‹. Solche Leute nennt man Jammerlappen, Waschlappen, Heulsuse, Nölpott, oder man sagt: ›Der ist nicht ganz dicht‹. ›Heulboje‹ nennt man einen Menschen, der bei jedem kleinsten Anlaß in Tränen ausbricht. Hier handelt es sich um den Vergleich mit einem technischen Gerät, mit der Heulboje auf See, deren eingebaute Sirene durch Wind und Seegang zum Tönen gebracht wird.
   Anlässe zum Heulen (Weinen) sind mannigfaltig: Man weint aus Schmerz, Verlassenheit, Einsamkeit, Verlust, Schwäche, Angst, Trauer, Ohnmacht, Kummer, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Unglück, Sehnsucht, Heimweh, Enttäuschung, Kränkung, Gram, Not, Erschütterung, Schreck, Wut, Zorn, Trotz, Reue, Scham, Zerknirschung, Rührung, Glück, Freude, Ergriffenheit. Vor allem ist Heulen Ausdrucksform des Leids bei Trennung, Abschied, Verlust von Personen oder Dingen. Man bekommt das ›heulende Elend‹. Es gibt von Volk zu Volk unterschiedliche Scham- und Peinlichkeitsgrenzen des Weinens. In südlichen Ländern, in denen sich Menschen ihren Gefühlen ungenierter hingeben, wird schneller geweint, geklagt, eher geheult. Bei uns wird relativ wenig geweint. Es gibt ferner Unterschiede des Alters: Kleinkinder heulen viel. Lange bevor das Kind sprechen lernt, benutzt es das Weinen und Heulen als Ausdruck seines Nicht-Wohlbefindens. Auch im Alter hat man oft ›nahe am Wasser gebaut‹; schnell stellen sich Tränen der Rührung ein. Außerdem gibt es eine erlernte Geschlechtsspezifik: laut der Zeitschrift ›Brigitte‹ weinen Frauen viermal so viel als Männer. Männer sind vermeintlich härter und durch den kulturspezifischen Zivilisationsprozeß dazu erzogen, ihre Gefühle zu unterdrücken.
   Sie ›trotzen lachend allen Stürmen‹ und sind dazu erzogen, Stärke und Härte zu zeigen. Sie weinen nicht bei Gelegenheiten, bei denen Frauen ihre Gefühle zeigen dürfen, z.B. Abschiedstränen. Der Volksmund versichert andererseits die Überflüssigkeit von Tränen und spendet nicht immer wirksamen Trost und Aufmunterung mit formelhaften Sätzen wie: ›Nun heul mal nicht, das nützt auch nichts!‹, ›Du hast gar keinen Grund zum Weinen‹, ›Blarren helpt nix‹ etc.; oder Tränen werden ironisiert mit der Wendung: ›Mit einer Träne im Knopfloch‹. In anderen Kulturen hat sich ein anderes Weinverhalten entwickelt. Es gibt Länder – vor allem in Ost-, Süd- und Südosteuropa, in denen bei der rituellen Totenklage lange und ausgiebig geheult wird – auch hier vorzugsweise von Frauen, sog. ›Klageweibern‹, von denen schon die Bibel berichtet. In anderen Epochen unserer Kulturgeschichte wurde unterschiedlich oft und intensiv geweint, häufiger z.B. im 18. Jahrhundert und in der Romantik. Goethes ›Faust‹: »Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder«. »Aschenputtel ging zu seiner Mutter Grab, pflanzte das Reis darauf und weinte so sehr, daß die Tränen darauf niederfielen und es begossen«, heißt es in Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm 21.
   Im Zeitalter der modernen ›neuen Innerlichkeit‹ gibt es bis zu einem gewissen Grad eine Renaissance der Tränenkultur, Tränen, weinen.
• E. MAHLER: Die russische Totenklage (Leipzig 1935); H. PLESSNER: Lachen und Weinen (Bern 3. Auflage 1961); L. HONKO: Balto-Finnic Lament Poetry, in: Studia Fennica 17 (1974) S. 941 (im selben Band noch weitere Aufsätze zum Problemkreis der Totenklage, ›Language of Laments‹); G. BERKENBUSCH: Zum Heulen. Kulturgeschichte unserer Tränen (Berlin 1985).

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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  • Heulen — Heulen, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert. Es druckt 1) einen starken, gedehnten, kläglich und zugleich widerlich klingenden Laut aus, welchen ein starker Wind, wenn er sich an einem Orte fänget, ingleichen die Hunde zu… …   Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart

  • heulen — V. (Mittelstufe) hohe Laute von sich geben Beispiel: Der Hund heulte die ganze Nacht. heulen V. (Aufbaustufe) ugs.: Tränen vergießen und dabei laut klagen Synonyme: plärren, flennen (ugs.), greinen (ugs.) Beispiel: Das Kind heulte um sein… …   Extremes Deutsch

  • heulen — Vsw std. stil. (11. Jh.), mhd. hiulen, hiuweln, ahd. hūwilōn, hūlōn, mndd. hulen Stammwort. Eigentlich schreien wie eine Eule zu mhd. hiuwel, hūwel, ahd. hūwo Uhu, Eule . Ähnlich l. ululāre heulen von l. ulula Kauz . Im Grunde sind Nomen wie Verb …   Etymologisches Wörterbuch der deutschen sprache

  • Heulen — Heulen, 1) einen widerlichen, gedehnten, hellklingenden Laut von sich geben; so vom Winde, wenn er sich an einem Orte verfängt, von Hunden u. Wölfen, auch von Tauben, bes. den wilden, in der Paarungszeit; 2) laut u. kläglich weinen …   Pierer's Universal-Lexikon

  • heulen — heulen: Das Verb (mhd. hiulen, hiuweln), das ugs. und mdal. auch im Sinne von »weinen, plärren« gebraucht wird, ist von mhd. hiuwel, ahd. hūwila »Eule« abgeleitet und bedeutet demnach eigentlich »wie eine Eule schreien« (vgl. ↑ Eule) …   Das Herkunftswörterbuch

  • heulen — zetern; wehklagen; jammern; meckern; mäkeln (umgangssprachlich); lamentieren; nörgeln; raunzen (österr.) (umgangssprachlich); greinen ( …   Universal-Lexikon

  • Heulen — Der Ausdruck Heulen (v. mittelhochdt. hiulen; v. hiuwel Eule) bezeichnet das Hervorbringen langgezogener singender weithin hörbarer Töne. Lautmalerisch übertragen wendet man den Begriff Heulen für starkes vernehmliches Weinen an… …   Deutsch Wikipedia

  • Heulen — 1. Es ist nicht vom Heulen der Hunde, dass die Kälber sterben. Widerspricht dem Aberglauben, dass das Hundegeheule Todesfälle anzeige. 2. Heulen gehört zur Sprache des Windes. 3. Heulen gilt nicht vors Sterben. 4. Wenn du selber heulst, so schrei …   Deutsches Sprichwörter-Lexikon

  • heulen — heu·len; heulte, hat geheult; [Vi] 1 ein Tier heult ein Tier gibt die langen (klagenden) Laute von sich, wie es z.B. Wölfe oder Hunde nachts tun 2 etwas heult etwas erzeugt lange und laute (durchdringende) Töne <eine Sirene, ein Motor> || K …   Langenscheidt Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache

  • heulen — 1. jaulen. 2. weinen; (ugs. abwertend): bläken, brüllen, flennen, greinen; (emotional abwertend): plärren; (nordd.): plieren; (nordd. abwertend): plinsen. * * * heulen:1.⇨weinen(1)–2.mitdenWölfenh.:⇨anpassen(II,2);RotzundWasserh.,wieeinSchlosshund… …   Das Wörterbuch der Synonyme

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