Hexe
Unter den Redensarten, die aus Volkssagen herausgewachsen sind, stehen solche zum Hexenglauben zahlenmäßig an der Spitze. Nicht hexen können: Unmögliches nicht vollbringen können; nicht noch schneller arbeiten können (›Ich kann doch nicht hexen!‹). Die Redensart ist im 18. Jahrhundert im Geiste der Aufklärung aufgekommen.
   Mecklenburgisch sagt man von einem Schläfrigen: ›Dee is wol mit de Hexen nah'n Blocksberg wäst‹; vgl. die abweisende Antwort: ›Geh zum Blocksberg!‹, ›Daß du auf dem Blocksberg wärest‹. Von der stumpfen Sense heißt es mecklenburgisch ›Dor kann'n up nah'n Blocksbarg riden!‹; ähnlich schleswig-holsteinisch ›Das Meß is so stump, dor kannst mit'n bloten Ars op na'n Blocksbarg rieden‹, oder ›Op sien Mess kann en Hex ahn Ünnerbüx up na'n Blocksbarg rieden‹; hessisch ›Auf dem Messer kannst du von hier bis Paris (auch: nach Rom, Köln) reiten‹. Dieser Messerritt ist unverkennbar ein Hexenritt und bezieht sich auf den Volksglauben: man darf sein Messer nicht mit der Schneide nach oben legen, weil sonst die Hexen darauf nach dem Blocksberg reiten.
   Die Katze als Verwandlungsgestalt der Hexe und als Hexentier der Sage kommt in einigen Redensarten vor. Wenn eine Katze Brot frißt, sagt man schweizerisch (Kt. Uri): ›Das isch ämel kei Häx‹, denn Brot ist heilig, an Brot würde eine Hexe nicht gehen. Ostfriesisch ›Dan is Kat'n Heks‹ bedeutet: dann tritt die größte Verlegenheit ein. Nach der Hexensage wird eine zwanzigjährige Katze zur Hexe und eine hundertjährige Hexe wieder zur Katze.
   Die Teufelsbuhlschaft der Hexe begegnet in Volksglauben und Sage nicht mehr, aber die sprachliche redensartliche Wendung zeigt noch den Zusammenhang von Hexe und Teufel, z.B. ›Was sich hext, deiwelt sich‹, was sich liebt, das neckt sich. ›Verklage die Hexe beim Teufel‹, du bekommst dein Recht doch nicht, weil eine Krähe der andern kein Auge aushackt.
   ›Aussehen wie die Hexe von Binzen‹ ist eine Basler Redensart für eine Frau mit zerzausten Haaren. Die Hexe von Binzen war die Frau eines Knechtes von Graf Dietrich auf Schloß Rötteln. Eines Tages krepierte der Lieblingshund des Grafen vermeintlich infolge ungenügender Pflege durch den Knecht. Der Graf war darüber so erbost, daß er den Knecht von seinen Hunden zerfleischen ließ. Hierauf verfluchte dessen Frau das Schloß und seine Bewohner, und die Folge dieses Fluches war, daß der Bräutigam des Schloßfräuleins beim Schloß zu Tode fiel.
   ›D' Hex gronet‹ sagt man schwäbisch bei rekonvaleszenten Frauen. Schwäbisch ist ferner der redensartliche Fluch: ›Kotz Mahra und a Hex!‹ sowie das Sprichwort: ›Es tut keine Hex mehr, als sie kann‹.
   Es ist eine Hexe im Feuer sagt man, wenn es im Feuer knistert. In Sagen und Märchen erscheint die Hexe öfters in irgendeiner Weise mit dem Feuer verbunden.
• L. WEISER-AALL: Artikel ›Hexe‹, in: Handbuch des Aberglaubens III, Spalte 1827-1920, insbesondere 1919; A. WITTMANN: Die Gestalt der Hexe in der deutschen Sage (Diss. Heidelberg 1933); J. KRUSE: Hexen unter uns? (Hamburg 1951); L. BERTHOLD: Sprachliche Niederschläge absinkenden Hexenglaubens, in: Volkskundliche Ernte (Gießen 1938), S. 32-39; E. HOFFMANN-KRAYER: Die Hexe von Binzen, in: Schweizer Archiv für Volkskunde 14 (1910), S. 170; W.E. PEUCKERT: Der Blocksberg, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 75 (1956), S. 347ff.; L. RÖHRICH: Sprichwörter und sprichwörtliche Redensarten aus Volkserzählungen, S. 260f.; L. HONKO: Krankheitsprojektile. Untersuchungen uber eine urtümliche Krankheitserklärung, Folklore fellows communications 178 (Helsinki 1967); H. GERLACH: Artikel ›Hexe‹, in: Enzyklopädie des Märchens VI, Spalte 960-992.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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