hundert
Vom Hundertsten ins Tausendste kommen sagt man, wenn jemand bei einer Erzählung von seinem Stoff abspringt und abschweift und auch den neuen Faden wieder fallen läßt, um von etwas Drittem zu reden, was ihm gerade durch den Kopf geht, bis er nicht mehr weiß, wovon er eigentlich hatte sprechen wollen; als ob er nicht nur auf hundert, sondern schließlich gar auf tausend Dinge zu reden gekommen wäre. In Wirklichkeit ist etwas anderes mit den Worten gemeint, nämlich ein Irrtum beim Rechnen mit der vom Ende des 15. bis ins 17. Jahrhundert viel benutzten Rechenbank, auf der waagrechte Linien gezogen waren, die den aufgelegten Marken (Rechenpfennigen) einen um je eine Dezimalstelle steigenden Wert gaben (›Rechnung auf den Linien‹). Die Redensart lautet eigentlich: ›Das Hundert in das Tausend werfen‹. In dieser Form verzeichnet sie 1529 Joh. Agricola (Nr. 429): »Er wirfft das hundert in tausent. Er mengt es in einander, Hundert sind das zehend teyl von tausent, vnd tausent ist ein größere zal denn hundert. Wer nun hundert zu tausent wirfft, vnd rechnet nicht darzwischen die andern hundert, als zwey, drey, vier, funff, sechsß, sieben, acht, neun hundert vnd als denn tausent, der macht es also, daß niemand weyß, was er rechnet oder redet. Darumb wirt diß wort gebrauchet widder die, so vil gewesch machen, vnd sagen vil, sie aber selbs wissen nicht, wo es hat angefangen, oder wo sichs endet, die es hören, auch nicht«. So gebraucht die Redensart auch Luther und bucht sie 1663 Schottel. Erst als man das Bild nicht mehr verstand, kam die heutige Form auf: »Da fieng er wieder an zu wüten und das tausendste ins hundertste zu werffen« (Grimmelshausen, ›Simplicissimus‹ I,336); oder: ›weil ich auch sonst in meinem Diskurs das Tausend ins Hundertste warf‹ (ebd. II, Kapitel 19, S. 154). »Doch lassen sie uns nicht das Hundertste ins Tausendste schwatzen« (Lessing).
   Hundertfältige Frucht tragen beruht auf Mt 13,8.
   Auf hundert sein: sehr erbost sein; ähnlich Auf hundertzehn sein; hergenommen aus der Kraftfahrt: 100 bzw. 110 km Stundengeschwindigkeit entwickeln.
   Ähnlich Auf hundertachtzig sein: kurz vor der Explosion; Jemanden auf hundertachtzig bringen: ihn bis zum Äußersten reizen. Es kann damit aber auch ein Blutdruckwert von 180 gemeint sein, der weit über den Normalwert hinausgeht.
   Er ist ein Hundertfünfundsiebziger: Homosexueller; bezieht sich auf den § 175 des Strafgesetzbuches.
• H. MANÉ und L. VEIT: Münzen in Brauch und Aberglauben, hg. vom Germanischen Nationalmuseum (Nürnberg 1982), S. 234-235.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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  • hundert — • hụn|dert (als römisches Zahlzeichen C) I. Kleinschreibung: – hundert Millionen – [vier] von hundert – bis hundert zählen – von null auf hundert beschleunigen – Tempo hundert (für hundert Stundenkilometer) II. Klein oder Großschreibung bei… …   Die deutsche Rechtschreibung

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