Karre(n)
Den Karren (die Karre) aus dem Dreck ziehen: eine verfahrene Sache wieder in Ordnung bringen; seit dem 17. Jahrhundert bezeugt, doch spricht vom ›Karren im Schlamm‹ als von einer ›verfahrenen Angelegenheit‹ schon Luther. Zu Anfang des Dreißigjährigen Krieges ließ protestantischer Siegesübermut in einem Spottlied die katholische Geistlichkeit ausrufen:
   Thu dich (o Papst) hortig besinnen
   Und schick uns Hülf in kurzer Zeit,
   Denn der Karn in der Pfitze leit,
   Niemand kann ihn herausschleppen.
Die Wendung ist auch mundartlich verbreitet, z.B. heißt es westfälisch ›de Kar ut'm Dreck trecken‹, sich aus widerwärtigen Verhältnissen befreien. Das Bild vom Karren wird oft übertragen gebraucht für eine Sache, die vorangetrieben wird oder werden soll. Geiler von Kaysersberg redet sogar von der ›Karr Gottes‹ und sagt sprichwörtlich: ›man kan niemandts helfen den Karren ziehen, der nit selbst auch ziehet‹. Die gegensätzliche Wendung ist: Den Karren in den Dreck (Kot) schieben (führen): eine Sache gründlich verderben. Gleiche Bedeutung hat die Redensart Den Karren verfahren, meist als Feststellung gebraucht, wenn das Unglück geschehen ist: Die Karre (der Karren) ist (gründlich) verfahren. Ähnlich Den Karren ins Dickicht gezogen (gefahren) haben: sich selbst in Verlegenheit gebracht haben. Holtei braucht diese Wendung im ›Eselsfresser‹ (I, 82): »Wird nicht jeder Kritiker ausrufen: Er hat sich verrannt, hat die Karre in das Dickicht gezogen, und nun läßt er sie stehen«.
   Den Karren stehen lassen (im Kot stecken lassen): sich nicht weiter um eine unerfreuliche Angelegenheit kümmern, eine anstrengende Beschäftigung, ein mühevolles Amt aufgeben, kein Interesse mehr am Fortgang oder Gelingen von etwas haben, das wahrscheinlich doch zu nichts führen wird. Die Wendung ist mehrfach literarisch bezeugt, z.B. sagt in Schillers ›Kabale und Liebe‹ (III, 2) der Präsident frostig zum Hofmarschall: »sie haben vollkommen recht. Ich bin es auch müde. Ich lasse den Karren stehen«.
   Die Karre einfach laufenlassen: in eine Entwicklung nicht eingreifen, tatenlos zusehen, gleichgültig und leichtsinnig handeln, resignieren.
   An einem Karren mit jemandem ziehen: gemeinsame Interessen, Ziele haben, das gleiche Schicksal erdulden müssen. Vgl. lateinisch ›idem iugum trahere‹ und französisch ›être dans le même bateau‹ (wörtlich: im selben Boot sitzen), Boot, oder ›etre logé a la même enseigne‹ (wörtlich: in derselben Wirtschaft untergebracht sein), beides im Sinne von: dasselbe Schicksal erleiden. In Leipzig kennt man einen Reim mit der gleichen Bedeutung:
   Sie ziehen beide an einem Karren,
   Der eine tut keuchen, der andere schnarren.
Alle vor den gleichen Karren spannen: seine Mitarbeiter und Helfer für eine große Aufgabe einsetzen, mit den Kräften anderer ein Ziel zu erreichen suchen.
   Jemanden vor seinen Karren (Wagen) spannen: ihn für seine eigenen Zwecke ausnutzen. Den Karren schmieren: eine Sache fördern, wenn nötig durch Bestechung; an seinem eigenen Verderben oder an dem anderer arbeiten. Murner braucht in der ›Narrenbeschwörung‹ (42, Kloster, IV, 750) die Redensart in der 2. Bedeutung: »Wo Einer yetz verderben will, so hilft man im fols (vollends) zu dem zil, vnd schmiert am karren jedermann«.
   Von dem Karren gefallen sein: unehelich geboren sein. Die Wendung ist bereits bei Sebastian Franck (II, 62a) bezeugt und bis heute mundartlich verbreitet, z.B. sagt man westfälisch ›Hei is van der Kar fallen‹. Vgl. auch niederländisch ›hij is achter von de kar gevallen‹.
   Unter den Karren (Schlitten, unter die Räder) kommen: einen Mißerfolg haben, untergehen, verkommen.
   Aus der Karre in den Wagen gespannt werden: in eine üblere Lage kommen, eine größere Bürde bekommen, eigentlich statt eines leichteren zweirädrigen Karrens einen schwereren vierrädrigen Wagen ziehen müssen. Murner braucht diese Wendung mehrmals, z.B. im ›Narrenschiff‹ (47, Kloster I, 482) und im ›Lutherischen Narren‹ (Kloster, X, 13), wo es heißt: »Ich mag wol erst vom vnfal sagen, daß ich in meinen alten tagen von dem karren kum erst in den wagen«.
   Jemandem an den Karrenfahren (kommen): ihm zu nahe treten, ihn belangen, zurechtweisen; gleichbedeutend in der Gegenwartssprache auch: ›Jemandem an die Karre pinkeln‹; ›Er kann mir nicht an den Karren pissen‹ usw.
   Unerklärt ist die vom 16. bis 18. Jahrhundert bezeugte Redensart Einen Karren machen (oder anlegen): einen heimlichen Plan schmieden; Ein angelegter Karren: ein abgekartetes Spiel. Seinen Karren ins trockene schieben: Sein Schäfchen ins trockene bringen, Schaf.
   Mit dem Kärrlin fahren bedeutet in älterer Sprache: gepfändet werden.
   Den Karren vor den Ochsen spannen: etwas verkehrt anfangen. Die Redensart gehört zur Metaphern- Sprache der verkehrten Welt. Vgl. französisch ›Mettre la charrue avant les batufs‹. Ähnlich: ›Den Karren vor die Pferde anschirren‹.
• Schweiz: Volkskunde, Korr.-Bl. 42 (1952), S. 73.
Den Karren aus dem Dreck ziehen. Karikatur von Haitzinger, 78. Aus: Badische Zeitung., vom 5.VII.1978, S. 4.
Mit dem Kärrlin fahren. Gerichtliche Karrenfahrt, Basel 1795, aus: Schweizerische Volkskunde 42. Jg., Basel 1952.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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  • Karre — Der Ausdruck Karre oder Karren (lat.: carrus = „Wagen“, „Karre(n)“) bezeichnet einfache auf Rädern laufende Transportmittel, zumeist einachsige Wagen: durch Menschen bewegt, ein bis dreirädrig: Handkarren Sackkarre Schottsche Karre Schubkarre… …   Deutsch Wikipedia

  • Karre — die Karre, n (Aufbaustufe) kleiner ein , zwei oder dreirädriger Wagen, der von Menschen gezogen oder geschoben wird Synonyme: Karren (SD, A) Beispiele: Er hat Sand auf die Karre geladen. Er hat eine Karre voller Altpapier gezogen …   Extremes Deutsch

  • Karre — Kutsche (umgangssprachlich); Automobil; PKW; Personenkraftwagen; fahrbarer Untersatz (umgangssprachlich); Personenwagen; Kiste (umgangssprachlich); Schlitten (umgangssprach …   Universal-Lexikon

  • Karre, die — Die Karre, plur. die n, ein Wort, welches jetzt nur noch von einem mit Einem Rade versehenen Kasten gebraucht wird, welchen ein Mann vor sich hin schieben kann, besonders im Niedersächsischen; eine Schubkarre oder Schiebekarre, wofür doch auch in …   Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart

  • Karre — Kạr·re die; , n; 1 ein kleiner Wagen zum Schieben (meist mit einem oder zwei Rädern und langen Griffen), auf dem man z.B. Mist, Erde oder Steine transportiert || Abbildung unter Gartengeräte || K : Karrenrad; Karrenweg || K: Mistkarre,… …   Langenscheidt Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache

  • karre — karrat, karrawan, karre, karreine, karrek obs. ff. carat, caravan n., carr2, carrion, carrack …   Useful english dictionary

  • Karre — 1Kạr|re , die; , n, auch und österreichisch nur Kạr|ren , der; s,   2Kạr|re , die; , n meist Plural (Geologie Rinne, Furche in Kalkgestein) …   Die deutsche Rechtschreibung

  • karré — s ( n, er) MATL …   Clue 9 Svensk Ordbok

  • Ouvrage Bois-Karre — Part of Maginot Line Northeast France …   Wikipedia

  • Karren — Der Ausdruck Karre oder Karren (lat.: carrus = „Wagen“, „Karre(n)“) bezeichnet: einen ein oder zweirädrigen durch Menschen bewegten Lastenträger: Handkarren Sackkarre Schottsche Karre Schubkarre ein einachsiges, zweirädriges Fahrzeug für Zugtiere …   Deutsch Wikipedia

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