aufschneiden
(Gern) aufschneiden (wollen): unwahre Heldentaten erzählen, unglaubhafte Erlebnisse berichten, übertreiben, angeben, prahlen. Der Ausdruck ist eine seit dem 17. Jahrhundert bezeugte Kürzung der älteren Redensart Mit dem großen Messer aufschneiden (niederdeutsch ›dat grote Messer gebruken‹), die gebraucht wurde, wenn einer allzu ›starke Stücke‹ auftischte. Schon das Mittelalter sprach von einer ›snidenden lüge‹ (Hartmann, Büchlein, 2, 511).
   Der bildliche Gebrauch der Redensart ist in Dedekinds ›Grobianus‹ (durch C. Scheid [Erfurt 1615]) vollständig durchgedrungen, wenn er die Weisung gibt, bei Tische so viel Reiselügen zu erzählen, daß das Brotmesser Scharten und Zacken bekommt und der Gastgeber damit das Brot sägen kann. Mit dem großen Aufschneidmesser beschäftigt sich ein fliegendes Blatt vom Jahre 1621 sehr ausführlich, das den Titel trägt: »Ambassador des Lucifer, jetzo aus der Höllen in die Welt gesandt, ein großes Messer allda einzukaufen, damit man weidlich aufschneiden kann«.
   Eine schöne ›Aufschneidergeschichte‹ erzählt Grimmelshausen von Simplicissimus in den ›Kalendergeschichten‹: Simplicissimus befand sich eines Tages in einer Gesellschaft, »welche dergestalt zusammenschnitt, daß man ihre Lügen auch hätte greifen mögen«. (S. 20). Als nun Simplicissimus an die Reihe kommt, erzählt er ein Abenteuer, welches ihm auf der Jagd passierte: er gab einen Schuß auf eine Ente im Weiher ab, traf dabei gleichzeitig einen Hecht, einen Bienenstock mit Honig, erwischte einen Hasen bei den Ohren, diesen »schmiß ich ... aus allen Kräften wider den Boden und warf eine Kütt Feldhühner unversehens damit zu Tod«. (S. 20). Hinter dem Baum fand er »einen Hirsch von 16 Enden, den bemeldete Kugel auch getroffen hatte, in den letzten Zügen liegen, wie nicht weniger auch gleich hinter diesem eine Sau sitzen ...« (S. 21). Seine Zuhörer wollen die Geschichte nun nicht recht glauben, und so gesteht Simplicissimus, daß er aufgeschnitten habe, aber »es hat mich ... die Anhörung Eurer Erzählungen verwähnt, daß ich glaubte, es müßte jedweder so etwas daherschneiden« (S. 21).
   Noch bis in unser Jahrhundert hing früher in manchen Bierstuben ein großes Aufschneidmesser mit einer Glocke an der Decke befestigt, an der man läuten konnte, wenn einer eine handgreifliche Lüge erzählte. Dem entspricht auch die bildliche Darstellung der Aufschneidmesser schon in Bilderbogen des 16. und 17. Jahrhunderts Ihre illustrierenden Holzschnitte enthalten meist erläuternde Verse, z.B.:
   Man schaut dich mit verwundrung an,
   Jung Alt so wol, alß Frau vnd Man
   Das Auffschneidt Messer, Hör, ich frag
   Ist nit darvon ein grose Sag?
Endlich knüpft sich an das Aufschneiden ein ursprünglich wohl französischer Schwank, der selbst eine Aufschneiderei im wörtlichen wie im bildlichen Sinne des Wortes ist. Ein Schmied erzählt: »Do er hette Morgenbrod gessen und das Brod angeschnitten, hett er durch das Brod mitten durch geschnitten, und durch seinen Leib und durch die Wand und seinen Nachbarn etlichermassen in Rücken verwundet«. In Franken und Schwaben heißen lustige Geschichten, Schwänke und besonders Lügenerzählungen ›Schnitze‹. Gleichbedeutende Redensarten wie aufschneiden sind: ›Starke Stücke auftischen‹ und (heute veraltet) ›Das Beil zu weit werfen‹, Beil.
• K. MÜLLER-FRAUREUTH: Die deutschen Lügendichtungen bis auf Münchhausen (Halle 1881, Neudr. Hildesheim 1965), S. 27f.; J. BOLTE: Bilderbogen des 16. und 17. Jahrhunderts, in: Zeitschrift für Volkskunde 47 (1938), S. 3-18, besonders S. 6 ff. (›Das Aufschneid-Messer‹); GRIMMELSHAUSEN: Simplicianische Kalendergeschichten, hrsg. v. H. Gersch (Frankfurt/M. 1966); E. MOSER-RATH, J. RUSSELL REAVER: Artikel ›Aufschneider‹, in: Enzyklopädie des Märchens I, Spalte 983-989; L. RÖHRICH: Artikel ›Grimmelshausen‹, in: Enzyklopädie des Märchens VI, Spalte 195-205.
Aufschneider. Kupferstich eines allegorischen Reimspottblattes auf die Großmannssucht der Zeit, um 1610/20, aus: Brückner: Druckgraphik, S. 72, Abbildung 63.
Aufschneidmesser. Scherzhaftes Flugblatt mit Kupfer, 17. Jahrhundert, gedruckt von Johann Klockher, München, Kupferstichkabinett.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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