Kohle
Feurige (glühende) Kohlen auf jemandes Haupt sammeln: in jemandem durch Verzeihen oder Großmut Scham erwecken, ihn beschämen; vgl. englisch ›to heap coals of fire on a person's head‹; niederländisch ›vurige kolen op iemands hoofd hopen (stapelen)‹ und französisch ›accumuler des charbons ardents sur la tête de quelqu'un‹ (nur gehobene Sprache).
   Die Redensart ist biblischen Ursprungs Spr 25,21f. heißt es: »Hungert deinen Feind, so speise ihn mit Brot, dürstet ihn, so tränke ihn mit Wasser. Denn du wirst feurige Kohlen auf sein Haupt häufen, und der Herr wird dir's vergelten«. Indem der Apostel Paulus im Röm 12,20 das Wort von den feurigen Kohlen, die der wohltätige Mensch auf das Haupt seines Feindes häufe, aus dem Dunkel eines bloß literarischen Daseins im Spruchbuch (25,22) an das Licht der christlichen Lebensöffentlichkeit rückte, hat er dem Bewußtsein des modernen Bibellesers eine antike Merkwürdigkeit einverleibt. Die Kommentatoren des Spruchbuches wie des Röm. heben im allgemeinen nur das Sinnbildliche dieser Stelle hervor, daß sie eben Beschämung, Bedauern oder Reue des Betroffenen zum Ausdruck bringe. Es liegt aber ursprünglich ein kulturgeschichtliches Faktum zugrunde: ›Feurige Kohlen‹ sind ursprünglich nicht bildlich, sondern wirklich aufs Haupt gehäuft worden, und wer sie trug, befand sich in einem Ritus der Sinnesänderung, der Reue, Buße oder Beschämung. Ein Hinweis auf den Lebenszusammenhang der Wendung findet sich z.B. in der demotischen Erzählung vom Seton Chaemwese: Chaemwese ist in das Grab des Noferkaptah eingedrungen und entwendet dem Grabinhaber dessen wirkungskräftiges Zauberbuch, auf dessen Besitz er kein Recht hat. Der Bestohlene unternimmt trotz Betreibens seiner Frau nichts gegen den Dieb. Er sagt, er werde Chaemwese zwingen, das Buch, das ihm nur schaden wird, wiederzubringen, »indem« – so heißt es wörtlich (IV,35,6) – »ein gegabelter Stab in seiner Hand und ein Kohlenbecken von Feuer auf seinem Haupte ist«. Kaum hat Chaemwese mit dem Buche Oberwelt und Residenz erreicht, als ihn der Pharao, sein Vater, zur schleunigen Rückgabe auffordert, andernfalls ihn der Zauberer zwingen werde, es zurückzubringen. Nach schwerem Unglück begibt sich Chaemwese ritusgemäß mit gegabeltem Stab in der Hand und Kohlenbecken von Feuer auf dem Haupt zu Noferkaptah. Er bringt so das widerrechtlich Angeeignete dem bestohlenen Eigentümer zurück, der ihn lachend empfängt, zugleich der tatsächliche und der moralische Sieger.
   Was im Spruchbuch sentenzenhaft und dementsprechend abstrakt gesagt ist, geschieht hier wirklich.
Ein tatsächlicher brauchtümlich-ritueller Gestus und Ritus der Sinnesänderung hat sich dann erst zur Bildrede und Metapher verflüchtigt.
   (Wie) auf (heißen, glühenden) Kohlen sitzen (oder stehen): etwas vor Ungeduld kaum erwarten können, sich in einer unangenehmen Lage befinden; diese Redensart geht vermutlich entweder auf ein Gottesurteil oder eine Folterung dieser Art zurück; man denke nur an Wendungen wie ›Der Boden brennt ihm unter den Füßen‹ oder ›Ein heißes Eisen anfassen‹ oder ›Wie auf Nadeln sitzen‹ usw, Boden, Eisen, Nadel. Luther weiß den Trost: »Wenn ihr auch auf feurigen Kohlen ginget, so soll's euch dünken, als ginget ihr auf Rosen«. Im 17. Jahrhundert ist unsere Redensart literarisch bezeugt, so mehrfach sprichwörtlich bei Lehmann: »Auff heißen Kohlen ist böß still sitzen« (837, ›Unglück‹ 11) und »Wer auff heißen Kohlen sitzt, kan nicht ruhig seyn« (82, ›Beschwerden‹ 48). Auch Pieter Bruegel d.Ä. hat sie in seinem berühmten Redensarten -Bild dargestellt. Vgl. niederländisch ›op hete (oder gloeiende) kolen zitten (oder staan)‹ und französisch ›être assis sur des charbons ardents‹. Wie der Hahn über die Kohlen laufen: sehr flüchtig, eilig, schon seit dem 12. Jahrhundert bezeugt.
   Die Kohlen unter der Asche anblasen: alte Leidenschaften neu entfachen, eine vergessen geglaubte Sache wieder ›aufwärmen‹; erst im 19. Jahrhundert dürfte diese Redensart aufgekommen sein, Bismarck bediente sich ihrer (›Reden‹ 1,247): »Ich möchte Sie also bitten, alles zu tun, was in Ihrer Macht steht, damit dieser Blasebalg der Demokratie nicht in den Händen verbleibe, um die Kohlen unter der Asche anzublasen«. Vgl. französisch ›ranimer les charbons sous la cendre‹.
   Luther kennt noch eine Redewendung (Weimarer Ausgabe IV,673), die uns heute nicht mehr geläufig ist: »Es ist ausz, dasz man speck auf kolen brate«. Die Redensart bedeutet: Es ist kein Geheimnis mehr, man braucht diese Sache nicht mehr zu verheimlichen, denn daß man Speck auf Kohlen brät, ist allgemein bekannt.
   Die Kohlen stimmen: das Geld reicht.
   Keine Kohle(n) haben: kein Geld haben.
   Für jemanden die Kohlen aus dem Feuer holen Kastanie.
• P. WÜST: Zu der Redensart ›feurige Kohlen auf jemandes Haupt häufen‹ oder ›sammeln‹ in: Germ.-Roman. Monatsschrift 2 (1910),S. 679-681; O. JIRICZEK: Nochmals zu der Redensart ›feurige Kohlen auf jemandes Haupt häufen‹, in: Germ.-Roman. Monatsschrift 3 (1911), S. 24 6247; S. BARTSTRA: Kolen vuurs hoopen op iemands hoofd, in: Nieuw Theologisch Tijdschrift 23 (1934), S. 61-68; S. MORENZ: feurige Kohlen auf dem Haupt, in: Theologische Literatur-Zeitung 78 (1953), S. 187-192.
Auf glühenden Kohlen sitzen. Detail aus dem Sprichwörterbild von P. Bruegel, 1559.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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