Kugelfuhr

Kugelfuhr
Die Ausrufe So eine Kugelfuhr! Was für eine Kugelfuhr! und die Feststellung Das war eine schreckliche Kugelfuhr sind vor allem im Oberdeutschen gebräuchlich und mundartlich schwäbisch, bairisch und schweizerisch bezeugt. In heutiger Anwendung und Bedeutung bezeichnen die Wendungen einen umständlichen, mühevollen Weg, Verzögerungen, Hindernisse und Umstände, also alles, was nicht reibungslos abläuft, was nicht ›glattgeht‹. Volkstümlich wurde der Ausdruck an ›Kugel‹ angelehnt, obwohl er auf ›Gugel‹ zurückgeht; ein Transport von schweren Kanonenkugeln z.B. war ja früher tatsächlich mühevoll und gefährlich und darum der sprachliche Vergleich naheliegend. Auch eine Poststrecke in Baden- Württemberg, auf der man nicht recht vorankam und Hindernisse bei der Reise zu erwarten hatte, soll diese Bezeichnung getragen haben, Schneckenpost.
   Der Ausdruck ist bereits in mittelhochdeutscher Zeit als ›gogelvuore‹ im Sinne von mutwilligem Treiben, lärmender Lustbarkeit, Narrenpossen bezeugt, wobei bereits die Bedeutung von ›gogel‹ = Scherz, Posse und ›gugel‹ = Narrenkappe, eigentlich Obergewand mit Kapuze, das auf lateinisch ›cuculla‹ zurückgeht, vermischt worden sind. Parallele Ausdrücke dazu wie ›Gugelfahrt‹ und ›Gugelfeuer‹ wurden später gebildet. Johann Fischart läßt im ›Bienenkorb‹ (237a) die häufige Redensart Gugelfuhr treiben noch ganz deutlich in dem alten Wortzusammenhang mit Gugel und Kapuze. Es ist gleichsam ein Beweis für die Herleitung der Wendungen, wenn er schreibt: »Und man kan sie darbei underscheiden, dasz sie ein käpplin oder gugelchen auf dem häubtlein haben und daher seltzam gugelfur treiben«.
   Der Ausdruck begegnet literarisch häufig besonders im 16. Jahrhundert, z.B. bei Hans Sachs (5,60, Bibliothek des Lit. Vereins): »Was habt ir für ein gugelfur?«, und gleich mehrmals in der ›Zimmerischen Chronik‹ (1,455, Barack): »Die herzogin wust nit, wer dise gugelfuer anfieng« und (4,89, Barack): »Wiewol er (der geist) nit gesehen worden, hat er den mägten die schlüsel ab der gürtel hinweg gerissen und dergleichen gugelfuren getriben«. Auch Paracelsus gebraucht ›Gugelfuhr‹ als Lieblingswort mehrmals in seinen gelehrten Schriften, jedoch in der wechselnden Bedeutung von Absonderlichkeit, Narrheit und moralisch Verwerflichem. Die Wendungen Eine Gugelfuhr haben und Gugelfuhr anfangen (verführen) dienen auch zur Kennzeichnung eines derben Liebesabenteuers. In diesem Sinne heißt es auch in der ›Zimmerischen Chronik‹ (2, 555, Barack): »Ich waisz aber nit, was der maister mit der magt ... für ain schimpf und gugelfur anfieng. Sie wardt schwanger«. Ähnlich Mit einem die Gugelfuhr treiben: ihn zum Narren haben, durch derbe Späße necken, aber auch: geschlechtlich verkehren. Das Wort ist auch im Rotwelschen meist als ›Kugelfuhr‹ reich bezeugt und bezeichnet auch dort geräuschvolle Späße, provozierte Streitigkeiten und lärmendes Durcheinander bei Zänkereien und Aufläufen, die man geschickt zu seinem Vorteil nutzen konnte. Die heutige abgewandelte Bedeutung der Redensart ist wohl von daher zu verstehen, denn herausfordernde Zänkereien und Narrenpossen verursachen eben für den Betroffenen Umstände, Schwierigkeiten und Verzögerungen.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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