Laban
Langer Laban ist besonders im Rheinland eine verbreitete Bezeichnung für einen langen, meist schlaffen Kerl; abfällig, aber auch humorig-freundlich gemeint. Die Herkunft des Wortes ist zeitlich und bedeutungsmäßig unklar, denn der biblische Laban (Gen 29), Sohn Nahors, Schwiegervater Jakobs, wird im A.T. nicht als lang bezeichnet Allerdings mußte Jakob bei ihm sehr lange dienen, nämlich zweimal sieben Jahre, um Labans Tochter Rahel zur Frau zu bekommen. Es entspräche durchaus der oft alogischen Struktur volkstümlicher Redeweise, wenn Labans lange Hinhaltetaktik gegenüber Jakob ihm nun einfach adj. als Eigenschaft beigelegt worden wäre. Zudem entspricht die Bezeichnung eines bestimmten Typus durch einen biblischen Namen dem Bedürfnis volkstümlicher Ausdrucksweise – zumindest bis in die Neuzeit. Daß das Wort bis ins 16./17. Jahrhundert zurückreicht, zeigt die in Schlesien erhaltene Form Labander. Es ist aber dennoch nicht sicher, ob der lautliche Anklang im Sinne des biblischen Laban zu verstehen ist oder eine Anlehnung an das schlesische Städtchen Laband vorliegt. Auch ist nicht klar, ob die mögliche biblische Deutung ursprünglich war oder erst nachträglich vorgenommen wurde. Auch eine volksetymologische Deutung, die der vorigen nicht widersprechen muß, kann zutreffen, nämlich für einen langen Menschen einen Namen zu finden, der an ›lang‹ anklingt. Es gibt deren viele: Langer Laband (Ostpreußen), L. Labommel (Pommern, Ostpreußen), Lakeband (Pommern), Labbatsch (um Elbing), L. Lampe, L. Laster, L. Latte, L. Labbes, L. Lakes, L. Lulatsch. Möglich ist auch die Abhängigkeit von dem Stamm ›lab‹, der in labberig (gehaltlos, fade) und labbern (schlaff werden) steckt ( Laffe). Diese Deutungen brauchen einander nicht auszuschließen; sie können durchaus gemeinsam den Sinn der Redensart herstellen, ja solche Bezeichnungen entstehen oft nur unter der Bedingung der Mehrdeutbarkeit.
   Neues Licht auf die Entwicklung der Redensart wirft eine Untersuchung von H. Rosenfeld: Die pommerischen, preußischen, schlesischen und schleswig- holsteinischen Mundart-Wörterbücher registrieren seit 1768 das Wort vom langen, schlaksigen, ungeschickten, faulen, flegelhaften, sich herumtreibenden Laban. Dagegen engt sich das Problem der Entstehung und Deutung der Redensart auf Nord- und Ostdeutschland ein, d.h. auf Gebiete, in denen eine Jahrhunderte währende Gemeinsamkeit der Auseinandersetzung von deutschen und slawischen Siedlern stattfand.
   Der bisher älteste literarische Beleg spricht nicht von ›langer Laban‹, sondern von ›Labómmel‹ (also mit Zweitsilbenbetonung). Er findet sich bei Bogomil Goltz in ›Ein Jugendleben, biographische Idylle‹ (1852), wo Labómmel einen verlotterten Jüngling bezeichnet Der märkische Erzähler Hanns von Zobeltitz (1853-1918), Gutsbesitzersohn aus dem Kreis Sternberg, spricht in seinem Roman ›Aus märkischer Erde‹ (1910, S: 14) vom Kantor als »der lange Labammel«. Der nächste literarisch fixierte Beleg bringt die kunstvolle Wortverbindung ›langer Labander‹. Er findet sich in den ›Soldatengeschichten‹ (Band 3, 1853, S. 150) von Friedrich Wilhelm Hackländer (1816-1877). Hier sagt der Feuerwerker Wortmann zu seinem Hauptmann: »Der lange Labander da, er sollte sich schämen, von einem kleinen Kerl Prügel zu erhalten«. Im Milieu des preußischen Soldatentums befinden wir uns auch, wenn der Breslauer Karl Holtei (1798-1880) in einem Alterswerk diesen Ausdruck gebraucht. Beim Ausbruch des Bayerischen Erbfolgekrieges zwischen Friedrich d. Großen und Österreich, April 1778, läßt er den Helden seines ›Christian Lammfell‹ (Band 3,1853, S. 86) in einem Briefe schreiben, sein Freund wolle unter die Soldaten, »mich nehmen sie nicht, sagt er, ich wäre viel zu klein,... wenn ich so ein recht langer Labander wär, müßte ich vielleicht mit, möcht ich mögen oder auch nicht«.
   H. Rosenfeld geht sodann der Frage nach, ob die Redensart vom ›langen Laban‹ tatsächlich auf den biblischen Laban Bezug nimmt, und bezweifelt zu Recht, ob dieser im deutschen Volk je so bekannt war, daß sein Name in eine Redensart verflochten werden konnte. Man vergißt, daß im Mittelalter niemand die Bibel lesen konnte und daß trotz der immer mehr verbilligten illustrierten Bibeldrucke die Lektüre des Alten Testaments und seiner sehr weitschweifigen Geschichten meist nur sehr begrenzt war. So kam es wohl kaum vor, daß Eltern ihre Kinder auf den Namen des biblischen Laban taufen ließen, und auch nach dem Ausweis des ›Lexikons der christlichen Ikonographie‹ ist der biblische Laban niemals in Abbildungen populär geworden. Nach alledem muß grundsätzlich die Möglichkeit bestritten werden, daß der biblische Laban, eine Gestalt im Hintergrund der Geschichte des Erzvaters Jakob, jemals so bekannt und populär war, um in eine Redensart einzugehen. H. Rosenfeld sieht den Ursprung der Redensart eher im Bereich der Übernamen oder des Namenspottes: Im Polnischen steht neben dem Kollektivum lobizie, Stengel, Stiel, Stange, das Maskulinum lobuz ›Schurke, Schlingel‹. Im Altpreußischen gibt es labes, labasch ›Taugenichts, Strolch‹ und lebas ›fauler, lascher, träger Mensch‹, kaschubisch-slovinzisch labas ›dümmlicher, ungeschickter fauler Mensch‹, im Russischen labaz, labazka ›Stengel, Stock‹, im Pommerischen labas, lebbas, lebbda ›dürrer, hagerer Mensch‹
usw. Es muß im Mittelalter in den westslawischen Sprachen ein etwa ›lobas‹ lautendes Wort für ›Stange, Stengel, Stock‹ gegeben haben, das genau wie die deutschen Wörter Stange, Stengel, Bohnen- oder Hopfenstange zur figürlichen Bezeichnung eines langen dürren Menschen wurde, da in diesen seit dem Hochmittelalter völlig eingedeutschten niederdeutschen Gebieten Deutsche und Slawen in Symbiose lebten. Wo der interpretierende Zusatz ›lang‹ beibehalten wurde, konnte die alte figürliche Bedeutung für einen langen, dürren Menschen sich bis in unsere Tage erhalten. Wo das nicht der Fall war, konnte sich aus der humoristisch angehauchten Feststellung körperlicher Länge eine vorsichtige Kritik an der Körperhaltung langer Menschen, eine Schelte als ungeschickt, nachlässig, träge, faul, als Herumtreiber, Strolch und Taugenichts entwickeln. Genauso wie die Bedeutung sich wandelte, konnte die ursprüngliche sprachliche Form bei Vergessen der slawischen Sprachen dieser eingedeutschten Gebiete sich nicht halten. Sie wurde teils den unzähligen, mit dem geläufigsten slawischen Personensuffix gebildeten Wörtern auf -ahn angepaßt wie zu Labahn oder aber Wörtern mit den slawischen Personalsuffixen -atz; -as, -ak usw. angeglichen oder an geläufige Ortsnamen wie Labenz, Laband, Lubenz usw. angelehnt. Eine weitere Variation der Lautung dieses Übernamens oder Scheltworts brachte dann das Spiel mit der überlieferten Lautform, die lautmalend, ja lautschwelgend zu Labánner, Labánnes, Labámmel, Labómmel, Labánder, Labáster, Labátscher, labáschig, Labaúdi, Labaúter, Labochórius erweitert wurde. Wo aber sich die deutsche Anfangsbetonung durchsetzte und aus Labáhn einen Laban oder Labann machte, konnten durch Konsonanten- oder Vokalvariation sich Lautungen wie Lóban, Lórban, Lórbaß, Laúban usw. durchsetzen.
   Dem volkstümlichen ›Langer Laban‹ entspricht bei Cl. von Brentano im Märchen von dem Witzenspitzel ein Riese Labelang. Daß dieser Name ebenfalls auf volkstümlicher Grundlage beruht, schließt R. Sprenger aus Brentanos Märchen vom ›Schneider Siebentot auf einen Schlag‹, in dem die Schneider von Amsterdam den ›langen Tag‹ aus der Judenschule holen. Es heißt dort: »Als sie durch die Straßen von Amsterdam den himmelblauen Labelang schleppten, war es helle und die Mittagssonne trat plötzlich über dem Rathaus hervor«.
• R. SPRENGER: ›Labelang = Langer Laban‹, in: Zeitschrift für den deutschen Unterricht 5 (1891), S. 276-277; KUCKEI und HUNOLD in: Korrespondenz-Blätter der niederdeutschen Sprache 37 (1919-21). H. ROSENFELD: Labáhn, Labásch, Labámmel, Labánder: Von deutschslawischen 0rts- und Familiennamen, Scherz- und Scheltnamen zur volksläufigen und literarischen Redens-
art vom langen Laban. Vom lebendigen Wildwuchs der Sprache, in: Aspekte der Germanistik. Festschrift für H. Fr. Rosenfeld (Göppingen 1989), S. 529-549.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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