Latein
Mit seinem Latein am Ende sein: nicht mehr weiterwissen, keinen Rat mehr wissen, sich festgefahren haben, aber auch: des bloßen Geredes überführt sein; vgl. französisch ›en être au bout de son latin‹. Im selben Sinne ist die Redensart Dem geht das Latein aus zu verstehen; vgl. französisch ›Il y perd son latin‹: Er weiß sich keinen Rat mehr.
   Anstoßend für den redensartlichen Gebrauch des Wortes Latein war die Funktion des Latein im mittelalterlichen Gelehrten- und Bildungsbetrieb. So steht Latein in den genannten verbreiteten Redensarten in übertragenem Sinne ganz allgemein für Wissen und Wissenschaft.
   Die Wendung Latein reden bezeichnet ›hohe Kunstfertigkeit‹ vgl. das Sprichwort: ›Wer Latein kann, kommt durch die ganze Welt‹, d.h., Latein als Sprache der Kirchenmänner und Rechtsgelehrten hatte Weltgeltung und entsprechende Autorität.
   Die Bedeutung kann allerdings auch ins Gegenteil umschlagen; Latein bedeutet dann das Verkehrte, Verzwackte, Umständliche, bis zum bloßen Gerede: Sag dein Latein auf: sag, was du weißt, es wird nicht viel sein, es ist doch bloß äußerlich einstudiert. Das ist kein gut Latein: das ist nicht gut gemeint, nicht gut gesprochen. Im Sinne von dummem und schlechtem Gerede bringt Sebastian Franck (1541) folgende Sprichwörter: ›Wein redt vil, aber bös Latein‹ und ›Wein – spricht man – redt Latein‹. In Gutzkows ›Ritter vom Geiste‹ 1850/51 heißt es: »das kommt mir lateinisch vor«, das ist mir unklar ( spanisch).
   Jemandem das Latein sagen: ihm etwas sehr deutlich, grob sagen. In der ›Zimmerischen Chronik‹ (16. Jahrhundert) finden sich z.B. folgende Wendungen: »Daß mich der Mann nicht ergreif und mir die Vesper auf Latein pfeif«; »... sondern ihm ein Latein sagen, daß er ihn ein andermal zufrieden wird lassen«. In den heutigen Mundarten hat sich diese Bedeutung zum Teil noch redensartlich erhalten. Im Rheinland z.B. sagt man für deutlich werden auch: ›Von Jesus up Latein sprechen‹. Der Ausdruck Küchenlatein (französisch ›Latin de cuisine‹) für schlechtes Latein mag aus dem Munde gelehrter Humanisten stammen, die sich auf ihr klassisches Latein etwas einbildeten gegenüber dem Latein, das in Klosterküchen gesprochen wurde. So erscheint die Wendung 1521 bei Joh. Eberlin von Günsberg und 1523 bei Luther. Jägerlatein bezeichnet zunächst die Sondersprache des Jägers, dann aber auch die beliebten Aufschneidereien erzählfreudiger Waidmänner. Krämerlatein ist die scherzhafte oder verächtliche Bezeichnung der Kaufmannssprache als Sondersprache.
   Auf lateinische Zehrung gehen: sich selbst zu Gaste laden, was schweizerisch vor allem Studenten und Geistlichen nachgesagt wird. Ebenso schwäbisch ›auf lateinische Zehrung gehen‹, betteln; vgl. die altelsässiche Redensart ›ufm latinische Tappe reise‹, d.h. als fahrender Schüler Geistliche und Klöster aufsuchen und sich so durchs Ländchen essen und betteln.
   Zu vermerken sind ferner folgende redensartliche Vergleiche: ›Der spricht Latein wie Wasser‹; so sagt man in Aachen von einem Schwätzer und Angeber. Allgemein ist im Rheinland verbreitet: ›Der spricht Französisch wie die Kuh Latein‹ (vgl. französisch ›Il parle français comme une vache espagnole‹); ›Das versteht er wie die Katze Latein‹, nämlich gar nicht.
• D. LIEBS: Latein. Rechtsregeln und Rechtssprichwörter (München 1983); R. SCHMIDT- WIEGAND: Artikel ›Rechtssprache‹, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte III, Spalte 344-360, hier insbesondere 352f.}
Jägerlatein. Gemälde von Friedrich Prölß.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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