leben
Mit dem Leben davonkommen: dem Tode knapp entgehen; diese Redensart ist biblischen Ursprungs (2 Makk 3,38); vgl. französisch ›s'en tirer la vie sauve‹.
   Nur das nackte Leben retten (können): nichts weiter als sich selbst unter Verlust allen Besitzes.
   Sein Leben teuer verkaufen: sich heftig wehren und dabei dem Gegner große Verluste zufügen.
   Mit dem (seinem) Leben spielen, auch Sein Leben aufs Spiel setzen: sich bewußt in Gefahr begeben, eigentlich sein Leben als höchstes Pfand bei einem Spiel zum Einsatz geben. Die Redensart erinnert an die verzweifelte Anstrengung eines Spielers, der bereits alles verloren hat, in einem letzten Einsatz, wobei er die Freiheit seiner Person aufs Spiel setzt, das Glück doch noch zu zwingen; vgl. französisch ›mettre sa vie en jeu‹.
   Sein Leben für jemanden oder etwas einsetzen: so entschlossen kämpfen, daß man dabei auch die Gefahr für das eigene Leben in Kauf nimmt. An diese Einsatzbereitschaft knüpft auch die redensartliche Beteuerungsformel ›Ich könnte mein Leben für ihn geben‹ an. Jemandem ans Leben wollen steht dagegen für jemanden töten wollen. Daraus abgeleitet auch in der Bedeutung einer ernsthaft zugespitzten Lage oder als Begründung für die eigene Verteidigung: schwäbisch ›Wenn's eim an's Lebe gaht, wehrt man si‹. Auch von einer großen Anstrengung oder Anfechtung heißt es ›'s gaht mir am Lebe 'rab‹.
   Sein Leben hängt an einem (seidenen) Faden, Faden, Damoklesschwert. Schwäbisch ›um sei Lebe gib i kein' Kreuzer meh‹: es steht schlecht um ihn, er hat sein Leben verwirkt oder er ist sterbenskrank.
   Die Wendung Jemandem das Leben sauer machen stammt aus der Bibel. Bei Ex 1,13-14 heißt es: ›Und die Ägypter zwangen die Kinder Israel zum Dienst mit Unbarmherzigkeit und machten ihnen ihr Leben sauer mit schwerer Arbeit ...‹
   Schweizerisch ›eim z'Leid lebe‹: ihn beständig ärgern und schädigen. Dagegen ›eim z' G'falle lebe‹, veraltet hochdeutsch ›Seines Gefallens leben‹: immer zu seiner Zufriedenheit handeln. Einem zu Willen leben hieß früher, ihm stets zu Willen zu sein.
   Er lebt in einer anderen Welt: er ist der Wirklichkeit entrückt, merkt nicht, was um ihn herum vorgeht. Ähnlich: Auf dem Mond (in den Wolken), in einer Traumwelt leben, Wie auf einem fremden Stern leben. Mond.
   Mitten (oder mit beiden Beinen) im Leben stehen: in jeder Hinsicht aufgeschlossen sein, sich keinen Träumereien und unerreichbaren Wünschen hingeben, sondern tatkräftig zupacken und nicht verzagen.
   Dagegen bedeutet die niederländische Redensart ›in het leven zijn‹ von der Unzucht leben.
   Rheinisch ›op grussem Fuss lewen‹, Auf großem Fuß leben bedeutet zu großen Aufwand treiben, Über die Verhältnisse (auch aus dem Vollen) leben.
   Neuere Wendungen sind: Etwas ins Leben rufen: etwas gründen, den Anstoß zu einer Entwicklung geben; Jemanden ins Leben einführen: in die Welt der Erwachsenen, in die Gesellschaft einführen, jungen Menschen wichtige Bekanntschaften vermitteln, sie in ihrer persönlichen Entfaltung fördern; Leben in die Bude bringen: Langeweile und Trübsinn durch fröhliche Betriebsamkeit verdrängen, ausgelassene Stimmung in einer Gesellschaft verbreiten.
   Schwäbisch ›Lebe zeige‹ bedeutet munter, lebhaft sein, insbesondere beim Umgang mit dem anderen Geschlecht, auch in der verneinenden Form ›der zeigt jetzt au kei bißle Lebe‹.
   Aussehen wie das (blühende) Leben: gesund, kräftig aussehen. Von Leben strotzen, Vor Leben sprühen (bersten): vital, tatendurstig sein. ›Es lebt alles an ihm‹ sagt man von einem quirligen Menschen, dessen Glieder in steter Bewegung sind. ›Ein Leben machen (haben)‹ bedeutet in Schwaben ein Getue, Aufhebens, Lärm machen, daraus ›Ein Leben mit einem haben‹: ihn zu etwas drängen. Ein (sieben) Leben haben wie eine Katze, schweizerisch ›zwei Lebe ha‹: ein zähes Leben haben.
   Das ist zum Leben zuwenig und zum Sterben zuviel heißt es von geringen Einkünften, wenn sie gerade das Existenzminimum sichern.
   Im Schatten leben müssen: in Sorge und Not. Kaum zu leben haben, Von der Hand in den Mund leben, Sich mühsam durchs Leben schlagen bezeichnen ärmliche, schwere Lebensverhältnisse. Ähnlich Nicht leben und nicht sterben können: nur so dahinvegetieren, oft in der Bedeutung eines langen Siechtums oder permanenter Armut gebraucht.
   Nicht von der Luft leben können: gewisse Einkünfte haben müssen. Die Redensart wird oft als Entschuldigung gebraucht, wenn eine Rechnung als zu hoch beanstandet wird: ›Ich kann doch (mit meiner Familie) nicht von der Luft leben‹.
   Man sagt auch als Warnung für junge Leute: Von der Liebe allein kann man nicht leben, man müsse sich von etwas ernähren können, d.h. einen Beruf haben. Denn es heißt auch scherzhaft von Verliebten, die in höheren Regionen zu schweben scheinen, sich für lebensnotwendige Dinge zeitweise nicht interessieren und sogar den Hunger vergessen, daß sie Von der Luft und der Liebe leben; vgl. französisch ›vivre d'amour et d'eau fraiche‹ (wörtlich: von der Liebe und vom frischen Wasser leben).
   Jemand lebt (nur) von der Luft: er ißt sehr wenig.
Früher glaubte man, daß geistig-moralisch besonders hochstehende Menschen, wie Heilige, durch Gnade von den niederen irdischen Verdauungsvorgängen frei wären und sich durch ›geistige Nahrung‹ ernähren könnten. Später übertrug man dies auch auf besonders zarte und feine oder kränkliche Menschen. So bei Goethe: »daß sie gleichsam nur von der Luft lebte, sehr wenig aß«. Aber auch in der Naturwissenschaft hielt sich diese Meinung lange. Geradezu eine wissenschaftsgeschichtliche Köstlichkeit stellt die Entwicklung der diesbezüglichen Ansichten über das Chamäleon dar: Im 1. Jahrhundert n. Chr. berichtet Plinius d.Ä. in seiner ›Naturgeschichte‹, daß das Chamäleon oft stundenlang mit erhobenem Kopf und offenem Maul dasitze und weder esse noch trinke, sondern ausschließlich von der Luft lebe. Und noch am Anfang des 13. Jahrhunderts hieß es in Freidanks ›Bescheidenheit‹ schlicht aber grundsätzlich: »gamalion des luftes lebt«.
   Ende des 16. Jahrhunderts schließlich mußte Camerarius unter dem Eindruck der verfeinerten Naturbeobachtung einen Kompromiß zu der noch immer als unangreifbare Autorität geltenden Lehre des Plinius finden. So bestätigt er auch, daß das Chamäleon von der Luft lebe, gesteht ihm jedoch zu, daß es gleichsam als »Zwischenmahlzeit« zwischen seinen luftigen Hauptmahlzeiten (!) auch Fliegen, Ameisen u.a. Insekten zu sich nehme. Erst im Zedlerschen Lexikon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts fand die tatsächliche Ernährungsweise des Chamäleons angemessene Beachtung.
   Nicht ohne jemanden leben können: den Partner unbedingt brauchen; diese Wendung ist auch als Liebesbeteuerung häufig; vgl. französisch ›ne pas pouvoir vivre sans quelqu'un‹. Zu leben wissen: die Gesetze des Anstandes beobachten, es verstehen, sich das Leben angenehm zu machen; vgl. französisch ›savoir vivre‹ sowie das französische Substantiv ›le savoirvivre‹ (der Anstand); Dem Leben die besten Seiten abgewinnen. Das süße Leben lieben: Nichtstun und Luxus; bekannt auch durch den italienischen Film ›La dolce vita‹.
   Er ist ein Lebenskünstler sagt man von einem Menschen, der das Leben geschickt zu meistern versteht. Dagegen: Nicht zu leben wissen: an den Annehmlichkeiten des Lebens vorbeigehen.
   ›Bist au no bei Lebe?‹ ist eine scherzhafte Begrüßungsformel in Schwaben.
   Auf die Frage nach dem Befinden hört man manchmal die neutrale Antwort: Man lebt, da man aus einer gewissen abergläubischen Scheu heraus vermeidet, sein Wohlergehen zu bestätigen; vgl. französisch ›On vit‹, ebenfalls als neutrale Antwort auf die Frage nach dem Wohlergehen, allerdings als Hinweis auf schlechte Gesundheit oder Schwierigkeiten.
   ›Lebe, wie me cha und mag und nüd, wie me möcht‹ ist eine schweizerische Redensart von armen Leuten.
   Eine häufige Beteuerungsformel ist noch immer So wahr ich lebe! Um's Leben nicht! dient als Bekräftigung: unter keinen Umständen. In der Rechtssprache war auch die Wendung ›Bei Leib und Leben‹ (vgl Leib) gebräuchlich.
   Die Lebensregel Leben und leben lassen selbst in Frieden gelassen werden wollen u.a. auch etwas gönnen, gebraucht Schiller im 6. Auftritt von ›Wallensteins Lager‹ literarisch und läßt sie den ersten Jäger aussprechen.
   Vgl. französisch ›Vivre et laisser vivre‹.
   Die Wendung So etwas lebt nicht mehr!: das ist doch nicht die Möglichkeit, ein Ausdruck ungläubiger Verwunderung, erscheint auch mit ironischen Erweiterungen, z.B. heißt es oft: ›So was lebt, und Schiller mußte sterben‹; Schiller.
   Leben wie Gott in Frankreich Gott. Wander (II, Spalte 1861ff.) führt noch weitere zahlreiche redensartliche Vergleiche an, z.B. Leben wie ein Fürst; vgl. französisch ›vivre comme un prince‹; Wie eine Laus im Grind, Wie im Himmel, Wie die Made im Speck, Wie ein Hund, Wie Hund und Katze usw.
   In den Tag hinein leben: ohne Ziel, planlos leben, sorglos das Leben genießen, ohne sich um die Zukunft Gedanken zu machen. Ein neues Leben anfangen bezeichnet die guten Vorsätze (meist zum neuen Jahr), seinen Lebenswandel von Grund auf zu ändern.
   Die norddeutsche Verkleinerungsform ›lüttj Lewen‹ ist eine vertrauliche Bezeichnung der männlichen Geschlechtsorgane.
• W. BOETTE: Artikel ›Leben‹, in: Handbuch des Aberglaubens V, Spalte 952-956; F. VON LIPPERHEIDE: Spruchwörterbuch (Berlin 1962), S. 496-506; KLAUS GÜNTHER JUST: »Chamaeleonte Mutabilior«, in: Antaios 12 (1971), S. 381-400; M. LURKER: Wörterbuch der Symbolik (Stuttgart 1979), S. 331-332.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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