Leber
Frisch (frei) von der Leber weg sprechen (reden): freimütig, offenherzig, rückhaltlos, ohne Scheu sprechen, seinem Herzen Luft machen, seinen Ärger herausreden. In der mittelalterlichen Medizin galt, ebenso wie schon im Altertum, die Leber als Sitz der Lebenssäfte und damit auch der Temperamente, insbesondere des Zornes. Die Redensart meint also eigentlich: durch freimütiges Reden die Leber von dem angehäuften Groll und der aufgespeicherten Galle erleichtern. Diese alte Auffassung der Leber hat sich in unserer Sprache noch bis ins 17. und 18. Jahrhundert erhalten, wofür zahlreiche literarisch Belege sprechen. Paul Fleming dichtet im 17. Jahrhundert:
   Vergebens ist uns nicht die Leber einverleibet.
   Sie, sie ist unser Gott, der uns zum Lieben treibet,
   Wer gar nicht lieben kann, der wisse, daß anstatt
   Der Leber er faul Holz und einen Bovist hat.
oder:
   Vor euch (der Geliebten Augen) zeucht Amor ein und aus
   In meine Leber als ein natürlich Haus.
Auch Chr. M. Wieland weist noch auf die alte Bedeutung der Leber hin: »Die Leidenschaft, die sich in seinem Herzen oder wie die Alten meinten – in seiner Leber zu bilden anfangen wollte ...«; oder: »Gestehe, daß du um diese Zeit den unsichtbaren Pfeil schon in der Leber stecken hattest«. In Schillers ›Räubern‹ heißt es: »Jetzt hat er einen Eid geschworen, daß es uns eiskalt über die Leber lief«. In der heutigen Umgangssprache hat sich diese alte Bedeutung der Leber ganz auf die Redensart ›frisch von der Leber weg reden‹ reduziert. Die Redensart ist in dieser Form seit dem 18. Jahrhundert bezeugt, so in des Abenteurers Friedrich von Trenck Lebensgeschichte (1787, hg. von Gugitz, Band II, S. 5): »Hier sprach ich nun frei von der Leber weg«. In Lessings ›Minna von Barnhelm‹ heißt es: »Denn einem Soldaten ist es schon recht, wenn man mit ihm von der Leber weg spricht«. Und Nicolai schreibt an Lessing: »Sie müssen sie (Ihre Anmerkungen) ganz frei von der Leber weg sagen«. Goethe schreibt am 8. April 1812 an Zelter: »Ich höre es gern, wenn Sie von der Leber weg referieren und urtheilen«.
   Die Mundarten kennen daneben freilich noch zahlreiche andere Versionen, in denen von der Leber als dem Sitz des Gemütslebens die Rede ist, z.B. schwäbisch ›e weich Leberle han‹, von weicher Gemütsart sein. Nach Ärger- und Zornausbrüchen sagt man im Schwäbischen: ›s Leberle isch übergloffe‹ (vgl. auch die übergelaufene Galle). Dazu gehört auch die Redensart Das muß herunter von der Leber: ich will das Geheimnis nicht länger verschweigen. Von einem schlecht Gelaunten sagt man im Siebenbürgisch- Sächsischen: ›Et es em net öm de Lewer‹. Die Leber kann sogar synonym mit Gewissen gebraucht werden. So besagt die Wendung Einem auf die Leber reden; ihm ins Gewissen reden; vgl. ›ich hab em die Lewer geschleimt (entschleimt)‹, ›Ich habe ihm die Leviten gelesen‹, Leviten.
   Etwas frißt ihm an der Leber: er hat Kummer und Ärger, ist voller Neid und Mißgunst. Ähnlich: Er hat etwas auf der Leber: es drückt ihn eine Schuld, er ist sich eines Unrechts bewußt, sein Gewissen ist belastet. Dann aber auch ironisch weiter abgewandelt: Eine trockene Leber haben: oft durstig sein, immer Lust auf Alkohol haben; Die Leber auf der Sonnenseite haben: gerne viel trinken.
   Eine jüngere lustig-spottende Weiterbildung ist die Redensart Er spielt die gekränkte (beleidigte) Leberwurst: er ist gekränkt, er schmollt. Zu der bereits bestehenden Redensart wurde dann hinterher eine ätiologische Erzählung erfunden, die die angebliche Entstehung der Wendung schildert: Die Leberwurst platzte vor Ärger über ihre Zurücksetzung vor einer Blutwurst, die vor ihr aus dem Wurstkessel herausgeholt wurde (bezeugt für Obersachsen). Die ›Wurst‹ wurde wohl erst angehängt, als man von der alten Anschauung der Leber nichts mehr wußte; vgl. auch Es ist ihm eine Laus über die Leber gelaufen ( Laus). Die Redensart Er hat das Leberlein gegessen: er muß Schuld sein, ihm ist die Verantwortung zuzuschieben, geht auf den schon für das 11. Jahrhundert bezeugten Schwank ›von dem Schwaben, der das Leberlein gegessen hat‹ zurück (vgl. Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm 81; Bolte-Polivka II, 151f.). Ein Beleg findet sich bereits in Sebastian Brants ›Narrenschiff‹:
   Wenn Ryter, Schriber gryfen an
   Ein veißten, schlechten bürschen (bäurischen) Man
   Der muß die Leber gessen han.
In Johann Fischarts ›Flöhhatz‹ heißt es:
   Aber ich bin unschuldig dessen,
   Noch mus das Leberle ich han gessen
   Und mus gethan han die gröst Schmach.
• BARGHEER: Artikel ›Leber‹, in: Handbuch des Aberglaubens V, Spalte 976-985.}
Leberschau: Aus der Leber die Zukunft voraussagen. Kalchas liest aus einer Leber die Zukunft, Etruskischer Spiegel, 5. Jahrhundert vor Chr..
Die gekränkte Leberwurst spielen. Lithographie von A. Paul Weber, aus: Das Jahr des Metzgers.
   Der Lissnerschen Wurstologia anderer Band, herausgegeben von Ernst Johann aus Frankfurt am Main, Frankfurt 1957, S. 229.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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