Licht
Es geht ihm ein Licht auf: es wird ihm alles klar, er hat verstanden. Die Redensart beruht auf Bibelstellen wie Hiob 25,3, Ps 97,11 (»Dem Gerechten muß das Licht immer wieder aufgehen ...«); Mt 4,16 u.a. (»Das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und die da saßen am Ort und Schatten des Todes, denen ist ein Licht aufgegangen«). Obwohl schon die Bibel die Wendung durchaus bildlich versteht und die Erhellung des menschlichen Geistes durch das Licht des Glaubens oder durch das göttliche Licht meint (z.B. Hiob 25,3), hat die Volkssprache – nicht selten in ironischer Überspitzung das Bild immer wieder in die Realität zurückbezogen. So hat auch Moritz von Schwind (1804-71) die Redensart bildlich dargestellt. Elsässisch wird z.B. die Redensart ›Es geht mir ein Licht auf‹ mit dem Zusatz ›wie e Fackel‹ versehen. Scherzhaft sagt man auch: ›Es geht ihm ein Dreierlicht auf‹; berlinisch ›Mir jeht'n Talchlicht (ne Latüchte, Jaslatern, Stallaterne, Kronleuchter, Tranfunzel) uf‹, ich verstehe; gesteigert auch: ›Mir jeht ne janze Jasfabrik uf‹. Vgl. französisch ›Une lumière jaillit dans son esprit‹. In der Redensart ›Jetzt geht mir ein Seifensieder auf‹ ist statt des Lichtes sein Hersteller eingesetzt; die Redensart findet sich literarisch z.B. in W. von Kügelgens ›Jugenderinnerungen‹ (Reclam-Ausgabe S. 87): »Es mußte einem ein großer Seifensieder aufgehen«. ›Dämmert's?‹ fragt man scherzhaft, wenn man hofft, daß einem etwas ›Einzuleuchten‹ beginnt. Ähnlich schon in Schillers ›Kabale und Liebe‹ (I,5): »Ist Ihm das helle?« – »Daß mich die Augen beißen«. Bairisch ist volkstümlich ›einen Funken von etwas kriegen‹, anfangen, der Sache auf die Spur zu kommen.
   Einem ein Licht aufstecken: ihn aufklären; dann auch: ihn zur Rede stellen, ihn zurechtweisen. Das Bild der Redensart ist vom Aufstecken des Kerzenlichtes auf einen Leuchter genommen. Bei F. Reuter findet sich die Variante: »'ne Laterne ansticken«. 1639 führt Lehmann S. 476 (›Lehrer‹ 24) an: »Einer, der einem von seinem Liecht ein Liecht anzünd, dem geht nichts davon ab; wer andern lehrt, der hat an seiner Geschicklichkeit keinen Verlust«.
   Dem Tage ein Licht anzünden: ebenso Licht in die Sonne bringen: etwas Überflüssiges, Unnützes, Unsinniges tun (vgl. ›Eulen nach Athen tragen‹, Eule); ähnlich Das Licht an beiden Enden anzünden, zugleich auch in der Bedeutung: seine Arbeitskraft doppelt verbrauchen (vgl. englisch ›he lights his candle at both ends‹; französisch ›On brûle la chandelle par les deux bouts‹; niederländisch ›Dei kaars brandt aan beide einden‹, ›hij stecht zijne kaars aan beide kanten aan‹). Das Licht nehmen und den Leuchter damit suchen: unüberlegt oder zerstreut handeln; ebenso Ein Licht verbrennen, um eine Nadel zu suchen (niederländisch ›eene kaars verslinden, om eene spelt ze vinden‹).
   Sein Licht unter den Scheffel stellen: allzu bescheiden sein, die vorhandenen Kräfte nicht voll, oder nicht zum allgemeinen Besten anwenden (entsprechend englisch ›not to hide one's light under a bushel‹; französisch ›ne pas mettre la lampe – lumiere – sous le boisseau‹; niederländisch ›zijn licht niet onder de korenmaat zetten‹). Den Gegensatz bildet Sein Licht leuchten lassen: seine Gaben zur Geltung bringen, ›Mit seinem Pfunde wuchern‹. Beide Redensarten sind biblischer Herkunft und stammen aus Mt 5,15f.: »Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter, so leuchtet es allen, die im Hause sind. Also laßt euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure guten Werke sehen ...« (vgl. Mk 4,21; Lk 8,16; 11,33). Das biblische Gleichnis ist vom sogenannten Petrarcameister in seiner Bildwirklichkeit dargestellt worden. Dieses Bild bedarf allerdings einer kurzen Erläuterung: Der Mann im Vordergrund links führt die Redensart genau aus. Nur ist der Scheffel zu klein, um das Licht zu verbergen. Ebenso geht es dem Manne im Hintergrund, der mit einem Löschhütchen, wie es zum Löschen der Kerzen verwendet wurde, die Kirchtürme verdecken möchte. Den Gegensatz verdeutlicht ein gelehrter Magister (rechts), der verschämt sein Gesicht hinter einem Lichtschirm verbergen möchte, um nur seine Werke, nicht aber seine Person gelten zu lassen; vielleicht genießt er eher auch die eigene Weisheit unter dem Vergrößerungsglas.
   Er ist kein (großes) Licht: er ist nicht gerade klug. Die Redensart wird auch verstärkt: ›Er ist kein großes Kirchenlicht‹, er ist geistig wenig bedeutend; älter auch: ›Er ist kein (großes) Lumen‹, Leuchte. Modern: ›Er ist ein Armleuchter‹, ›Er ist wenig belichtet‹, ›Er ist unterbelichtet‹, er taugt überhaupt nichts. Alle diese Redensarten negativer Bedeutung beziehen sich letztlich und ursprünglich auf eine positive Aussage: Mt 5,14 sagt Jesus zu den Jüngern: »Ihr seid das Licht der Welt« (Vulgata: »Vos estis lux mundi«). Bereits Cicero (›Catilina‹ III,10,24) nannte berühmte Männer ›Lumina civitatis‹. ›Lumen ecclesiae‹ wird Augustin in mehreren Quellen genannt, z.B. in Luthers ›Tischreden‹. Als ›Kirchenlichter‹ bezeichnet Mathesius (›Historien von Luthers Anfang ...‹ 1570) die Wittenberger Theologen.
   Dem Licht zu nahe kommen; Sich am Licht verbrennen (vgl. französisch ›Cet homme s'est venu brûler à la chandelle‹); ›Wie die Motte ums Licht‹, Motte. Das Licht brennt ihm auf den Fingern: ›Das Wasser steht ihm bis zum Hals‹, er braucht rasche Hilfe. Bereits 1649 bei Gerlingius ist die Wendung verzeichnet, und 1718 überliefert sie Celander (›Verkehrte Welt‹): »So brennet ihm das Licht, wie man im Sprichwort zu reden pflegt, recht auf den Nagel«. Zu denken ist an eine Kerze, die bis auf die Finger, die sie halten, herabgebrannt ist. Man hat auch daran erinnert, daß sich die Mönche bei der Frühmesse zum Lesen im Dunkeln kleine Wachskerzen auf die Daumennägel klebten, wenn man die Redensart nicht von den Foltermethoden des Mittelalters (Brennen der Fingernägel durch aufgelegte glühende Kohlen) herleiten will, entsprechend ihrer verkürzten Form: ›Es brennt ihm etwas auf den Nägeln‹ ( Nagel).
   Licht ziehen: den Nasenschleim hinaufziehen und einschnupfen. Wie das Talglicht früher beim Brennen oft überlief, so nennt man auch im Scherz den auslaufenden Schleim einer Kindernase Licht. ›'s Licht brennt zu hell‹ sagt man, wenn die Anwesenheit von Kindern eine gewisse Mitteilung nicht gestattet, die für Kinderohren nicht gedacht ist, und man deshalb abbricht. In anderen Wendungen bedeutet Licht nicht nur die erleuchtende Kerze, sondern auch das Lichte schlechthin, z.B. den erhellten Raum. Daher: Etwas ans Licht bringen (kommen): an den Tag bringen: vgl. französisch ›mettre quelque chose en lumière‹: eine Sache hervorheben; ferner: Einen hinter's Licht führen: ihn täuschen, betrügen. Der eigentliche Sinn ist: jemanden ins Dunkle führen, wo er nichts sehen kann (vgl. Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm 44 und 61). Dazu die alten Nebenformen: ›Einen unters Licht, ums Licht führen‹. Die Wendung Bei Lichte besehen bedarf keiner Erklärung. Nur um ihr Alter darzutun, sei Hans Sachs (›Der böhmisch sprechende Schwabe‹) zitiert: ›und we mans pey dem liecht peschawt‹. Chr. Weise (›Erznarr‹ I,67): »... und wenn man hernach das Raben-aasz beim Liecht ansiehet, so verdienet es kaum die Beine ...«
   Die schleswig-holsteinische Redensart ›Zwee (dree) Lichter op'n Disch! Mien Ohm is kamen‹ wird nicht nur gebraucht, um diesen speziellen Fall, sondern überhaupt jedes besondere Ereignis anzukündigen; dazu die Variante: ›Licht op'n Disch! Is Cölmar Volk‹ (= es sind Leute aus Colmar, einem Dorf bei Glückstadt), da muß etwas Besonderes geschehen.
   Ich habe nicht das Licht dazu gehalten: ich bin an der Sache nicht beteiligt gewesen, ich bin unschuldig. Das Bild der Redensart ist von einem Einbruchsdiebstahl hergenommen, bei dem ein Mitschuldiger dem eigentlichen Dieb das Licht hält.
   Das Licht scheuen: sich verbergen müssen; heimliche und ungesetzliche Taten ausführen; ein Verbrechen im Dunklen vorbereiten.
   Sich selbst im Lichte stehen: sich selbst schaden, sich selbst das Sehen dadurch unmöglich machen, daß man zwischen die Lichtquelle und den zu beobachtenden Gegenstand tritt. Ein niederdeutsches Sprichwort lautet: ›Et get di as en Klumpemaker (Holzschuhmacher), du stest di selwer in't Licht‹. Ähnlich schon in Johann Fischarts ›Ehzuchtbüchlein‹ (S. 332, 13): »Stehe dir nur selbs nicht im Liecht«. Anders jedoch 1639 bei Lehmann, S. 780 (›Verachtung‹ 27): »Wer sich gering und wolfeil macht, der steht jhm selbst vorm Licht«.
   In Grimmelshausens ›Simplicissimus‹ (Buch III, Kapitel 21) erscheint ›Bei jemandem zu Licht kommen‹: »... und gaben mir damit zu verstehen, daß ich ... wohl zu ihnen zu Licht kommen dürfte«, d.h. zum Abendbesuch.
   Neueren Datums und von den Verkehrsampeln her übernommen ist das vielgebrauchte Schlagwort vom Grünen Licht (französisch ›feu vert‹), das man jemandem bzw. einer Sache geben kann. Auch sagt man: ›Das Licht steht auf Grün‹. Diese redensartlichen Wendungen bezeichnen völlige Handlungsfreiheit, gleichsam das Startzeichen zu einem Vorhaben und bedeuten ›Freie Bahn‹, Bahn.
   Dabei verdient man nicht das Licht: es lohnt sich nicht (vgl. französisch ›le jeu ne vaut pas la chandelle‹). Kein Licht brauchen: kahlköpfig sein (etwa seit 1910 bezeugt). Ähnlich rheinisch und hessisch von Rothaarigen: ›die sporen et Licht deham‹, oder ›bei der brauchste kein Licht‹, wenn einer eine Rothaarige heiratet.
   Das Licht im Kopf geht aus: das Erinnerungs- und Denkvermögen kommt abhanden. In der modernen Boxersprache: ›Jemandem das Licht auspusten‹, ihn besinnungslos schlagen; vgl. die schwäbische Drohung: ›Dir will i zünde ohne Licht!‹, ›Sich das Licht auspusten‹, Selbstmord verüben. Lebenslicht, Schatten.
   Zu Licht gehen: in die Lichtstube, Spinnstube, Kunkelstube gehen. Man traf sich dazu reihum in einem anderen Hause, um beim Spinnen Licht und Wärme zu sparen und die Arbeit am Abend in der Geselligkeit zu verrichten.
   Aus der jüngsten Zeit stammt die Redensart: Licht am Ende des Tunnels sehen: herauskommen, nach einer finsteren Wegstrecke das Dunkel weichen sehen, in übertragener Bedeutung: einen Hoffnungsschimmer, einen Ausweg sehen; ähnlich: Einen Lichtblick haben: neue Hoffnung schöpfen, etwas Erfreuliches in trostloser Lage erfahren. Die Wendung begegnet oft in der Form eines erleichterten Ausrufes: Das ist (endlich) mal wieder ein Lichtblick!: nun geht es wieder voran, aufwärts, die Lage bessert sich.
   Beliebt sind auch Wortkombinationen, die an Stelle einer vollständigen Redensart stehen, wie z.B. ›Lichterloh‹: in hellen Flammen; ›Lichtjahre‹ (entfernt): eine nicht nachvollziehbar lange Zeit, eine Ewigkeit weit weg.
• H. FREUDENTHAL: Artikel ›Licht‹, in: Handbuch des Aberglaubens V, Spalte 1240-1258; G.J. VAN DER KEUKEN: ›Bij dit licht‹, in: Tijdschrift voor Nederlandse Taal- en Letterkunde 53 (1934), S. 114-116; L. SCHMIDT: Volksglaube und Volksbrauch (Berlin 1966), S. 19ff. (Kapitel ›Lebendiges Licht im Volksbrauch und Volksglauben Mitteleuropas‹); M. LURKER: Wörterbuch biblischer Symbole (München 1973), S. 195-197; W. SCHIVELBUSCH: Lichtblicke (München 1983).}
Es geht ihm ein Licht auf. Illustration von Moritz von Schwind (1804-71).
Dem Tag ein Licht anzünden. Miniatur auf Pergament, um 1750.
Sein Licht unter den Scheffel stellen. ›Sein Licht leuchten lassen‹. Holzschnitt des Petrarca-Meisters, Augsburg 1532, aus: Walther Scheidig: Die Holzschnitte des Petrarca-Meisters, Berlin 1955.
Sein Licht leuchten lassen. Emblematischer Kupferstich, aus: Cats and Farlie (PT 5626 E 5 P6 1860), Page 53.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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