Morgenstunde
Das Sprichwort ›Morgenstund hat Gold im Mund‹ beruht – so hat man gemeint – auf der Vorstellung der personifizierten Morgenröte = Aurora, die Gold in Haar und Mund trägt. Diese Vorstellung ist schon altnordisch bezeugt, und so sagt man denn in Schweden, daß ein goldener Ring aus ihrem Munde fällt, wenn sie lacht; in Norwegen fallen Goldstücke aus ihrem Munde, wenn sie spricht, und aus den Haaren, wenn sie sich kämmt. In Dänemark fallen Edelsteine aus ihrem
   Munde und Silber aus ihrem Haar. Ähnliche Metaphern finden sich in vielen europäischen Sprachen, so im Ungarischen; ›Wer früh aufsteht, findet ein Goldstück‹; französisch: ›a bon gain qui se lève matin; l'aurore est l'amie des Muses‹; englisch: ›the early bird catches the worm‹; lateinisch: ›aurora musis amica‹. Man sieht indessen sofort, daß diese Beispiel zwar den gleichen Sinngehalt haben, nicht aber dasselbe Bild verwenden.
   Die Frage der Herkunft des deutschen Sprichworts ist seit W. Wackernagels Aufsatz von 1848 immer wieder diskutiert worden. Zuletzt hat W. Mieder eine befriedigende Antwort darauf gegeben, indem er die Ergebnisse früherer Forschungen miteinander verglich und auf ihre Wahrscheinlichkeit hin überprüfte. Für ihn ist die Erklärung Fr. Seilers (1922), das Sprichwort sei eine Art Erfindung eines listigen Lateinlehrers, der seinen Schülern mit ›aurora habet aurum in ore‹ gleich drei lateinische Vokabeln beibringen wollte, nicht haltbar.
   Demgegenüber gibt es aber ein lateinisches Sprichwort, das als rechtmäßiger Vorläufer des deutschen angesehen werden kann: ›aurora musis amica‹. Dieses lateinische Sprichwort wurde von der älteren Forschung deshalb nicht als Quelle anerkannt, weil man es irrtümlicherweise erst um 1625 belegt glaubte, das deutsche Sprichwort jedoch schon 1612 in Jan Gruters Sprichwörtersammlung erschien. Doch sind beide Daten überholt: das deutsche Sprichwort wird von Seiler schon 1585 nachgewiesen in Michael Neanders Sprichwörtersammlung, während das lateinische Vorbild 1497 von Erasmus von Rotterdam in einem Brief an Christian Northoff verwendet wurde (A. Taylor). Mieder erklärt sich vor allem mit den Ergebnissen von R. Jente einig und findet in Georg Philipp Harrsdörfers ›Schauspiel Teutscher Sprichwörter‹ (1641) eine weitere Stütze für Jentes Argumentation.
   ›Aurora Musis amica‹ wird hier mit ›Morgenstund hat Brot im Mund‹, ›Morgens studiert man am besten‹ übersetzt. In der Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts finden sich kaum Belege für das Sprichwort, was jedoch dessen Volksläufigkeit nicht ausschließt.
   B. Brecht verwendet es 1930 in einem Gedicht als sozialpolitische Kritik:
   Ach, des Armen Morgenstund
   Hat für den Reichen Gold im Mund.
   Eines hätt ich fast vergessen:
   Auch wer arbeit', soll nicht essen!
   (Gesammelte Werke, Frankfurt/M. 1977, S. 137).
Das Sprichwort wird auch gelegentlich durch einen Zusatz erweitert, der sich auf das Frühaufstehen bezieht, das bekanntlich den meisten Menschen recht schwerfällt. Diesem Sachverhalt wird auf drastische Weise Rechnung getragen; im Rheinland sagt man: ›Morgenstund hat Gold em Mond – on Blei em Arsch‹ (oder – ›on Bech [Pech] em Hind‹); in Schwaben heißt es: ›Morgenstund hat Gold im Mund und Blei im Füdle‹. Vgl. französisch ›La fortune appartient à ceux qui se lèvent tôt‹ (wörtlich: Das Glück gehört den Frühaufstehern). Mit Sprichwort-Mischung: ›Morgenstund ist aller Laster Anfang‹.
• W. WACKERNAGEL: Gold im Munde, in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 6 (1848), S. 290; L. TOBLER: Morgenstunde hat Gold im Munde, in: Germania 25 (1880), S. 80-81; R. GEETE: Morgenstunde hat Gold im Munde, in: Germania 26 (1881), S. 348-350; R. SPRENGER: Morgenstunde hat Gold im Munde, in: Zeitschrift des allgemeinen deutschen Sprachvereins 17 (1902), S. 321; A. GÖTZE: Morgenstunde hat Gold im Munde, in: Zeitschrift für deutsche Wortforschung 13 (1911/12), S. 329-334; E. SLIJPER: Morgenstunde hat Gold im Munde, in: GRM 4 (1912), S. 607; FR. SEILER: Deutsche Sprichwörterkunde, S. 24f.; R. JENTE: Morgenstunde hat Gold im Munde, in: Publications of the Modern Language Association 42 (1927), S. 865-872; A. TAYLOR: The Proverb (Cambridge [Mass.] 1931), S. 48-49; E. KALINKA: Morgenstund hat Gold im Mund, in: Anzeiger der Akademie der Wissenschaften in Wien 76 (1939), S. 56-58; L. RÖHRICH: Gebärde-Metapher-Parodie. Studien zur Sprache und Volksdichtung (Düsseldorf 1967), S. 181ff.; W. MIEDER: Rund um das Sprichwort ›Morgenstunde hat Gold im Munde‹, in: Muttersprache 88 (1978), S. 378-385.
Morgenstund hat Gold im Mund. Fleißkärtchen, aus: ›Puppe, Fibel, Schießgewehr‹. Das Kind im kaiserlichen Deutschland, Ausstellungskatalog (Akademie der Künste vom 5. Dez. 1976 bis zum 30. Jan. 1977), S. 115.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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