nötig
Aus der Not eine Tugend machen: eine schlimme Lage geschickt ausnutzen. Am frühesten bezeugt ist die Redensart in lateinischer Form bei dem Kirchenvater Hieronymus (etwa 331-420). Er sagt in seiner Schrift ›Adversus libros Rufini‹ (III,2): »Facis de necessitate virtutem«, und in ›Epistolae‹ (54,6): »Fac de necessitate virtutem«. Aus der Not einen Trost (»de necessitate solatium«) zu machen, ermahnt schon M. Fabius Quintilianus in den ›Declamationes‹ (4,10). Entsprechend findet sich die Wendung auch in den anderen europäischen Sprachen; französisch ›faire de nécessité vertu‹; englisch ›to make a virtue of necessity‹. Im 16. Jahrhundert heißt es in der ›Zimmerischen Chronik‹ (III, 230): »Darumb mußten sie user der not eine tugent machen«. Fritz v. Stolberg schreibt an den Philosophen F.H. Jacobi (Jacobis Briefwechsel II, 151): »Sie hatten aus der Noth Tugend gemacht, bürgerliche Tugend, deren sie bedurften, weil der gesittete Mensch ohne sie nicht bestehen kann«. Das Wort ›Not‹ erscheint in auffallend vielen Anti-Sprichwörtern, wie z.B. ›Aus der Not eine Untugend machen‹; ›Kosmetik ist die Kunst, aus der Not eine Jugend zu machen‹.
   Es geht (oder ist) Not an (den) Mann: die Gefahr wird dringend, eigentlich: die Kampfes-Not geht an den Mann, Kampf steht ihm bevor; später nicht mehr verstanden, wurde diese Redensart auf jede Zwangslage umgedeutet und bezogen; z.B. bei Bismarck: »Zeit, wo in der Landwirtschaft Not am Mann ist«; heute erscheint sie fast nur noch in der Form ›Wenn Not am Mann ist‹, so bei M. Hausmann (›Abel mit der Mundharmonika‹,1932, S. 166): »Wenn Not am Mann ist, dann wählt man seine Worte doch nicht so genau«.
   Die Schwere Not ist eigentlich die Epilepsie; sie liegt der Verwünschung Daß dich die schwere Not! zugrunde, ferner dem Ausdruck ›Schwerenöter‹ (18. Jahrhundert), das ist eigentlich einer, dem man die schwere Not anwünscht oder der sie verdiente.
   Seine liebe Not mit etwas haben: viel Mühe und Sorge mit etwas (jemandem) haben; Goethe (›Faust‹ I): »ich hatte mit dem Kind wohl meine liebe Not, doch übernähm ich gern noch einmal alle Plage«.
   Auch in vielen mundartlich Redensarten steht Not als Sammelbegriff für die verschiedensten Bedeutungen wie Mühe, Mangel, Entbehrung, Krankheit, Zwang; ›Notlager‹= Krankenbett; ›Es hat keine Not‹, es eilt nicht, es ist nichts zu befürchten; ›Es tut not‹, es eilt, es wird dringend gebraucht; schweizerisch ›es wird Not ha‹, es wird schwerhalten, Kraft kosten; tirolisch ›in oaner Noat‹, eilig, hastig; ›Zur Not etwas geltenlassen‹, gegebenenfalls, wenn nichts anderes da ist; ›Notgedrungen‹, gezwungenermaßen. Für die veraltete Redensart des 13. Jahrhunderts ›mir gêt nôt eines dinges‹, ich bin gezwungen, ich muß, steht seit dem 16. Jahrhundert ›Mich geht Not an‹; Luther (Briefe IV,186): »Was ginge mich Noth an, in eines anderen Sachen, mir oder anderen Verlust zu schaffen«. ›Etwas ohne Not tun‹, es freiwillig, ohne Zwang tun, obwohl es nicht hätte sein müssen; ›Etwas über Not tun‹, etwas über Erfordernis und Bedürfnis hinaus tun; schweizerisch ›sich nit ze Not tue‹, sich nicht überanstrengen; ›einem ze Not tue‹, ihn scharf züchtigen.
   Der Not gehorchend (nicht dem eignen Triebe) ist eigentlich ein Zitat und der Anfangsvers von Schillers ›Braut von Messina‹. Vielleicht hat Schiller die Worte aus Shakespeares ›Romeo und Julia‹ (V,1) entlehnt: »My poverty, but not my will, consents«.
   Wer seinen Kindern gibt das Brot
   Und leidet nachmals selber Not,
   Den soll man schlagen mit der Keule tot.
Dieser Spruch findet sich an den Stadttoren verschiedener Städte Norddeutschlands neben einer dabei aufgehängten Keule. Der Spruch ist zuerst in der Erzählung ›Der Schlägel‹ des mittelhochdeutschen Dichters Rüdiger von Hünchhoven erwähnt (Ende des 13. Jahrhunderts). Die Dichtung erzählt, wie ein alter Mann sein ganzes Vermögen seinen Kindern überlassen hat, die ihn nun schlecht behandeln. Als er in ihnen den Glauben zu erwecken weiß, daß er noch einen Schatz zurückbehalten habe, halten sie ihn wieder in Ehren. Nach seinem Tode finden aber die Kinder in der vermeintlichen Schatzkiste nichts als einen Schlägel mit der Beischrift, man solle jedem, der seine ganze Habe seinen Kindern gibt und infolgedessen in Not und Elend lebt, mit diesem Schlägel das Gehirn einschlagen (v.d. Hagen; Gesamtabenteuer, Nr.49). In Dänemark wird diese Geschichte von Oluf Bagger in Odense unter Friedrich II. erzählt, es handelt sich also um eine Wandersage. Der Spruch ist auch Sebastian Brant bekannt gewesen, der sich im ›Narrenschiff‹ milder ausdrückt:
   Der ist eyn narr der kynden gytt
   Do er syn zyt solt leben mytt,
   Verlossend sich uff guoten won,
   Das jnn syn kynd nit sollen lon.
   Und jm ouch helffen jnn der not,
   Dem wünscht man allen tag den dot
   Und wurt gar bald eyn überlast
   Den kynden syn, eyn unwert gast.
Im zugehörigen Holzschnitt dringen die Kinder mit Keulen auf den alten Vater ein.
   Nötig ist in vielen Redensarten in der Bedeutung von ›Mangel haben an‹, ›arm sein‹ belegt, z.B. bairisch ›Er isch e nötige Ma‹; schweizerisch ›nötig sin an öppis‹, Mangel haben an, ›genot leben‹, sich kümmerlich durchschlagen; elsässisch ›Es hat mich nötlich‹, es befremdet, beunruhigt mich.
   Es wäre nicht nötig gewesen: Verlegenheitsformel; wenn z.B. einem Gast etwas angeboten wird, sagt er im Schwäbischen: ›Es wär' nedd needich gwä‹.
   Der Notanker sein: für jemanden in höchster Not Zuflucht sein. Der Notanker ist der Anker, den man auf dem Verdeck bereithält, um ihn erst in der äußersten Not zu gebrauchen.
   Seine Notdurft verrichten: Umschreibung für den Drang des menschlichen Körpers, sich zu entleeren.
   Einen Notnagel suchen, Er ist sein letzter Notnagel: seine letzte Rettung.
• J. HOOPS: By the skin of one's teeth (= mit knapper Not), in: Englische Studien 74 (1940/41), S. 392.}
Not leiden durch eigene Schuld. Holzschnitt, Brant: Narrenschiff von 1494, Kapitel ›Ere vatter vnd mutter‹.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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