Nürnberg
Die alte blühende Reichsstadt mit ihrer Weltgeltung vor allem im 15. und 16. Jahrhundert wird in vielen Redensarten genannt, wenn auch meist nicht ohne Spott. Von allem möglichen, was schlecht und unerlaubt war, hieß es schon im 16. Jahrhundert: ›Ich gloub, daß mans zuo Nürnberg thuot‹ oder ›Zuo Nürnberg latt man solche wal‹ (= läßt man solche Wahl). Vermutlich liegt hier der Gedanke an die freiheitliche Verfassung der Stadt zugrunde, die nun der Neid der weniger glücklichen Orte mit dieser abwertenden Bemerkung gern zu einer Stadt der ›unbegrenzten Möglichkeiten‹ abstempeln wollte. Barack handelt über die Wendung (Abhandlung des literarischen Vereins in Nürnberg, 1875, S. 76-80) und erinnert zur Erklärung an die Sage von einem in Nürnberg zum Tod verurteilten Verbrecher, der auf die Frage, welche Todesart er sich wünsche, den Tod durch Alter angab und daraufhin freigelassen werden mußte. Darauf bezieht sich auch eine Stelle in Murners ›Narrenbeschwörung‹ (33,25), wo es heißt:
   Im todt wendt sy ouch hon den fal!
   Zuo Nuernberg liesz man in die wal.
   Hie liesz man sy den ritten hon
   Ee das man geb den val darvon.
Von einem Menschen, der sich um Dinge kümmert, die ihn nichts angehen, sagt man westfälisch ›Hei bekümmert sik umme Nürnberg un hett kein Hius inne‹. Die Hamburger erkennen die Nürnberger scherzhaft als kluge Leute an, wenn sie beim Regen sagen: ›Ik mak es as de Nürnberger, ik ga darünner weg‹. Zu einem sehr neugierigen Menschen sagt man schwäbisch ›In Nürnberg isch au no e Ma, hat nit alles gsehe‹. ›Einen Nürnberger‹ macht der Drechsler, wenn er danebendreht.
   Rheinisch sagt man spöttisch für ein nicht dauerhaftes Gerät: ›Das ist Nürnberger War, dreimal gebacke un net gar!‹ Auf die Nürnberger Spielzeugindustrie spielt das Sprichwort an: ›Nürnberger Tand geht durch alle Land‹, das meist nicht mehr in seinem ursprünglichen Sinn verstanden wird, weil ›Tand‹ die Bedeutung von ›Wertlosem‹ angenommen hat. Die Nürnberger hängen keinen, sie hätten ihn denn (zuvor) sagt man, um eine Warnung in den Wind zu schlagen, in der Hoffnung, der angedrohten Strafe zu entgehen. Die Wendung hat voneinander abweichende Erklärungen gefunden gehört diese Redensart zur Sage von dem Raubritter Eppelin von Gailingen (Ds. 130) und entstammt einem Spottvers, der seinerseits aus einem Volkslied des 16. Jahrhunderts hervorgegangen ist. Weniger wahrscheinlich ist die Herleitung aus der 32. Historie des Eulenspiegelvolksbuches.
Dort läßt Eulenspiegel die ihn verfolgenden Nürnberger Stadtwächter von einer Brücke, an der er vorher einige Bohlen gelockert hatte, in die Pegnitz stürzen.
   Mit dem Nürnberger Trichter eingießen: einem etwas auf eine grobe Lehrweise beibringen; in älterer Form: ›Mit einem Trichter eingießen (oder: einziehen)‹; so am frühesten in der Sprichwörter-Sammlung von Sebastian Franck 1541 belegt, Trichter. Die Redensart ist zunächst wohl deshalb auf Nürnberg bezogen worden, weil sich der nach dem Dreißigjährigen Krieg zurückgehende Handel der einst so reichen Nürnberger Kaufleute fast nur noch auf Metallkleinwaren erstreckte. Wirklich geläufig geworden aber ist die Redensart erst seit dem Jahre 1647, wo der Nürnberger Dichter Harsdörffer eine Poetik veröffentlichte, der er den Titel gab: ›Poetischer Trichter, die Teutsche Dicht- und Reimkunst, ohne Behuf der lateinischen Sprache, in VI Stunden einzugießen‹. Das Bild vom Trichter ist freilich nicht Harsdörffers Erfindung, da er sich in der Vorrede auf H. Schickards ›Hebreischen Trichter‹ (Tübingen 1627) bezieht und ein solcher Trichter schon in der lateinischen Komödie ›Almansor, sive ludus litterarius‹ des Mart. Hayneccius (Leipzig 1578) genannt wird. Franz Trautmann gab 1849f. in Nürnberg ein humoristisches Blatt ›Der Nürnberger Trichter‹ heraus.
• G.A. WILL: Über das Sprichwort ›Nur ein Nürnberg‹, in: Historisch-diplomatisches Magazin 2 (1781), S. 415-422; JOH. PRIEM: Nürnberger Sagen und Geschichten (Nürnberg 1872), S. 64 74; F. REICKE: Geschichte der Reichsstadt Nürnberg (Nürnberg 1896), S. 314ff; F. BAUER: Alt-Nürnberg. Sagen, Legenden und Geschichten (3. Auflage München 1955), S. 25ff.,208ff.; L. RÖHRICH: Sprichwörtliche Redensarten aus Volkserzählungen, S. 256f.
Mit dem Nürnberger Trichter eingießen. Illustriertes Flugblatt, Kupferstich von David Mannasser, Augsburg o.J., Stadtbibliothek Nürnberg.
Mit dem Nürnberger Trichter eingießen. Principium Aritmeticum, Kupferstich von Hans Jerg Mannasser, Stadtbibliothek Nürnberg.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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