Nuß
Einem eine harte Nuß zu knacken geben: ihm eine schwere Aufgabe stellen; auch schweres Geschick kann eine harte Nuß genannt werden; rheinisch ›de hett noch en hart Nüßje zu knacke‹, er hat noch viel Schwierigkeiten zu überwinden; vgl. französisch ›donner à quelqu'un du fil a retordre‹ (wörtlich: einem Draht geben, den er zurechtbiegen soll). ›Muß ist eine harte Nuß‹ lautet ein Sprichwort. Ein altes Lied läßt die böhmischen Jesuiten 1622 über ihre schwierige Lage klagen:
   Die Nuß ist hart, stumpf sind die Zähn,
   Drum ist sie bös zu beißen.
Nach der Eroberung Sigeths 1686 spottete man in Deutschland:
   Sigeth ist zwar eine harte Nuß,
   Die Deutschen seynd Nußbeißer!
1514 vermerkt Tunnicus unter Nr. 152: »De de kerne wil eten, de mot de not upbreken«; ähnlich schon bei Plautus (gest. 184 v. Chr.): »Qui e nuce nucleum esse vult, frangit nucem« (d.h.: Wer den Vorteil will, darf die Anstrengungen nicht scheuen); vgl. das Sprichwort ›Gott gibt die Nüsse, aber er knackt sie nicht auf‹; im gleichen Sinne auch: ›Er will die Nüsse nicht knacken, aber den Kern will er essen‹, englisch ›to eatthe kernel one must crack the nut‹. Ebenso werden auch Rätsel oft bildlich (Knack-)Nüsse genannt, so z.B. bei G.A. Bürger in seiner Ballade ›Der Kaiser und der Abt‹:
   So geb ich denn Euren zwei tüchtigen Backen
   Zur Kurzweil drei artige Nüsse zu knacken.
Vgl. englisch ›that is a hard (tough) nut to crack‹.
   Ein Nüßchen mit jemandem zu knacken haben: mit jemandem über eine Angelegenheit abzurechnen haben, mit ihm ›Ein Hühnchen zu rupfen‹ haben. Von einem sehr bösen Menschen sagt Johann Fischart: »er war so bös, er hätte eine Nuß mit dem Arsch aufgebissen«; heute wird damit mehr auf die Gerissenheit und Klugheit eines Menschen angespielt.
   Auch Taube Nuß für etwas Wertloses oder auch als Schimpfwort ist sprichwörtlich; Er tut es nicht um taube Nüsse: er versichert sich eines ordentlichen Gewinnes für seine Arbeit. So heißt es bei Kotzebue: »Mein Leben ist eine taube Nuß«; bei Wieland (X,250): »So wollt ich keine Nuß um eine Tugend geben«; rheinisch ›do gef ich ken Nöss for‹, das ist so wertlos, daß man nicht einmal Nüsse dafür gibt; ebenfalls rheinisch ›de hot ken Noss‹, er besitzt nichts; hessisch ›Klä-Nissje‹ ist ein Kosewort für ein kleines Kind; ostfriesisch ›um dofe Nöten deit he't nêt‹; niederländisch ›niet voor doove neuten‹; englisch ›not worth a nutshell‹. Ähnlich ›Es ist keine gelöcherte Haselnuß wert‹.
   Rheinisch ›Nöss met Löcher‹, faule Ausreden; schweizerisch ›e Nuss mit em Löchli‹. Hessisch ›große Nüsse im Sack haben‹, große Ansprüche stellen; ›dasitze wie fünf Niss‹, ängstlich, verschüchtert dasitzen; rheinisch ›e micht e Gsicht wie elf Ness‹, ein griesgrämiges Gesicht machen; hessisch ›wie auf fünf Nüssen sitzen‹, unruhig, ängstlich dasitzen; schweizerisch ›zur dritte Nuß cho‹, zu spät kommen, wenn der Markt schon ausverkauft ist; ›die Nuß vom Baume schwätzen‹, sehr viel, schnell und ausdauernd reden.
   Nuß wird sprichwörtlich auch gebraucht für einen kleinen Raum, etwas sehr Kleines: In einer Nuß: ganz zusammengedrängt; Lessing: »Der Leser erwartet etwas ganz anderes, als die Geschichte der Weltweisheit in einer Nuß«; eine Schrift J.G. Hamanns heißt ›Aesthetica in nuce‹. Aus der Nuß sein: außer sich sein vor Zorn, seiner nicht mehr mächtig sein; dazu Jemanden wieder in die Nuß bringen: ihn besänftigen. Nicht lang in der Nuß liegen: schnell von Entschluß sein, eine Sache schnell angreifen, erinnert an die Rätsel, die die Nuß als Kammer bezeichnen, und an das sächsische ›jemanden aus der Nuß heben‹, ihm aus der Klemme helfen, ihn aus bedenklicher Lage befreien, heute aber meist: ihm Vorwürfe machen, ihn ausschelten; vgl. rheinisch ›enem de Nöt aufhaue‹, ihm aufs Dach steigen, ihn ausschelten. Von einem Knirps sagt man: ›Der kann in einer Haselnuß hüpfen‹.
   Umgangssprachlich bedeutet Nuß auch ›Kopf‹: Einem eins auf die Nuß geben. Seit dem 16. Jahrhundert ist Nuß auch in der Bedeutung ›Schlag‹, ›Stoß‹ bezeugt; heute vor allem in der Zusammensetzung ›Kopfnuß‹; Hans Sachs (5,64,29): »Schlag zu, schlag zu, gib ir der Nüsz«.
   Eine kleine, fest eingewachsene Nuß heißt oberdeutsch ›Grübelnuß‹; diesen Ausdruck gebraucht Hugo von Trimberg im ›Renner‹ bildlich, indem er von den religiösen Grüblern sagt:
   wir lazzen die der grübelnüzze walten,
   den sanft nit grübelnüzzen sei,
wobei ein Wortspiel zwischen ›Grübelnuß‹ und ›Grübelnis‹ vorliegt.
   Bairisch ›is alls denußt (d.h. die Nüsse sind schon alle herabgeschlagen), hat der Teufel gsagt, is um Weihnachten ei d'Nuss gang‹, da ist nichts mehr zu bekommen, es ist schon alles ausverkauft.
   In die Nüsse gehen kann, wie die aus dem 16. Jahrhundert bezeugte Redensart ›In die Haseln gehen‹ ( Hasel), die erotische Bedeutung haben: sein Liebchen aufsuchen; es bedeutet aber auch: sterben, vgl. ›In die Binsen gehen‹, Binse.
   In einem Stammbuch des 16. Jahrhunderts steht:
   Dum nux virescit et virgo crine pubescit:
   Tum nux vult frangi et virgo stipite tangi.
Der Zusammenhang mit Sexuellem wird auch in den alten Versen deutlich:
   Ein harte Nuß, ein stumper Zahn,
   Ein junges Weib, ein alter Mann
   Zusammen sich nicht reimen wol,
   Seinsgleichen ein jeder nemen sol.
Die Nüsse gelten auch als Fruchtbarkeitssymbol, daher war es ein alter, weitverbreiteter Brauch, bei Hochzeiten Nüsse zu verschenken. Schon Festus versichert, daß während der Hochzeit Nüsse zum Zeichen guter Vorbedeutung für die Neuvermählten geworfen worden seien.
   Das Wachstum vieler Nüsse in einem Jahr gilt als eine Art Orakel für reichen Kindersegen. Auch in Frankreich heißt es: ›année de noisettes, année d'enfants‹.
   Von einem Menschen, der den Höhepunkt seines Lebens bereits überschritten hat, sagt man hessisch ›Der hat die beste Nüss gekloppt‹, der hat nicht mehr viel zu erwarten; rheinisch ›dem sin die Niss gekracht‹. In Thüringen spottet man über ein uneheliches Kind: ›Si Vader es ofn Nesbaum drsofn‹.
   Schwäbisch ›einem d'Nuss auftue‹, ihn aufklären, aber auch: ihn verprügeln; schweizerisch ›eim a d'Nuss cho‹, ihm seine Braut ausspannen.
   Nüsse durch einen Sack beißen war eine im 16. Jahrhundert allgemeinverständliche Redensart, mit der die verbotene Liebschaft zu einer Nonne im Kloster bildlich umschrieben wurde. In Murners ›Schelmenzunft‹ heißt es unter der Überschrift ›Nus durch eyn sack beyßen‹:
   Wer do buolt eyn closter frouwen,
   Die er mit ougen nit kan schouwen
   zuo sehen im nit werden magk,
   Der beyßt die nuß do durch eyn sagk.
   Der schaum im maul der kern ist deyn
   Und ist daß kuwen nur seyn gwyn.
Heute wird mit dieser Redensart derjenige getadelt, der sich nicht die Mühe macht, die Wahrheit einer Sache festzustellen.
   Einen wie einen Nußsack prügeln: ihn tüchtig schlagen; obersächsisch ›Dresche kriegen wie ein Nußsack‹; die Redensart stammt von dem Brauch, die geernteten Nüsse in einem Sack zu schlagen, bis die grünen Schalen alle abgesprungen sind; man vermeidet so, daß die Finger von dem Saft der grünen Schalen gebräunt werden.
Nüsse durch einen Sack beißen. Holzschnitt, Murner: Schelmenzunft, 1512: ›Nus durch eyn sack beysse‹.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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