Pest

Pest
Der noch heute ganz geläufige redensartliche Vergleich Einen fürchten wie die Pest ist literarisch schon u.a. bei Grimmelshausen im ›Simplicissimus‹ (II. Kapitel 30, S. 195) belegt: »davon wurde ich gefürchtet wie die pest«; vgl. französisch ›craindre quelqu'un comme la peste‹; daneben ist Stinken wie die Pest geläufig. Das Niederländische kennt darüber hinaus ›gierig als de pest‹ insofern, als die Pest viele Opfer verlangt. Der alte Fluch ›Daß du die Pest kriegst!‹ ist heute ausgestorben.
   Jemandem die Pest an den Hals wünschen: jemandem Unglück wünschen. Als erstes sichtbares Symptom der Pestkrankheit galten die Pestbeulen am Hals; obwohl sich die Drüsen am ganzen Körper entzündeten, sagte man gewöhnlich über einen von der Pest Befallenen: ›Er hat die Pest am Halse‹. Der Volksmund bezeichnet jede andere, sich rasch ausbreitende, ansteckende und bösartig verlaufende Seuche als Pest (lateinisch ›pestis‹: Seuche). Im Volksglauben entsteht die Pest durch böse Leute, die mit dem Teufel im Bunde stehen oder aber die Pest geht in Tiergestalt umher. (Die wahre Ursache der Pestübertragung, nämlich der Rattenfloh, wurde erst 1894 entdeckt.) Auch dachte man sich die Pest als blaues Flämmchen mit übelriechendem Dunst, das bald hier, bald da in Erscheinung trat. Viele Bräuche beruhen auf Praktiken der Pestbekämpfung: so z.B. die Oberammergauer Passionsspiele, die auf ein Gelübde von 1633/34 zurückgehen, welches die Oberammergauer vor der Pest bewahren sollte; auch die Totentänze, die Pestaltäre, Pestsäulen und -kapellen entstanden zur Zeit der grausamen Epidemien, die vor allem vom 15. bis zum 18. Jahrhundert viele Opfer forderten, ja ganze Landstriche entvölkerten.
   Die Pestilenz mit Franzosen heilen wollen: meint, genau den falschen Weg beschreiten, um etwas zu verbessern; Den Bock zum Gärtner machen, Bock.
   Das Gedicht von Hermann Lingg: ›Der schwarze Tod‹ (1854) beginnt mit der Zeile: »Erzittre Welt, ich bin die Pest«.
• W. WEHLE. Punisches Sprichwort bei Augustin: ›unum nummum quaerit pestilentia‹, in: Rheinisches Museum für Philologie 17 (1862), S. 638; P. HEITZ: Pestblätter des 15. Jahrhunderts (Straßburg 1918); J. NOHL: Der schwarze Tod. Eine Chronik der Pest 1348-1720 (Potsdam 1924); P. SARTORI: Artikel ›Pest‹, in: Handbuch des Aberglaubens VI, Spalte 1497-1522; L. HONKO: Krankheitsprojektile (Folklore Fellows Communications 178), (Helsinki 1959); A. CORBIN: Pesthauch und Blütenduft (Berlin 1984); W. HARTINGER und W. HELM: Die laidige Sucht der Pestilentz. Kleine Kulturgeschichte der Pest in Europa. Begleitheft zu den Ausstellungen in Dingolfing (Stadthalle,23.6. – 4.7.1986) und Passau (Sparkasse, 7.7.-25.7.1986).
Eine Pestbeule aufschneiden. Holzschnitt, Nürnberg 1482: Arzt beim Aufschneiden einer Pestbeule.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.


Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”

We are using cookies for the best presentation of our site. Continuing to use this site, you agree with this.