Barthel
Wissen, wo Barthel den Most holt: sich zu helfen wissen, alle Schliche kennen; sehr gewandt, schlau und verschlagen sein (oft mit sexueller Bedeutung).
   Die Redensart ist seit der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts literarisch belegt, z.B. in Grimmelshausens ›Simplicissimus‹ (I, 139) und in Schnabels ›Insel Felsenburg‹. Es handelt sich um eine der interessantesten Redensarten, für die immer wieder neue Erklärungen vorgelegt worden sind, nicht alle freilich von gleicher Originalität und Stichhaltigkeit. Es ist z.B. an altfranzösische Redensarten erinnert worden, die von einem entschlossenen Bartole berichten, der seinen Weinberg verkauft habe, um neue Senker zu erhalten, also lächerlich und töricht handelte. In ähnlicher Weise gibt es noch andere anekdotenhafte Erzählungen, die den angeblichen Ursprung der Redensart erklären. So leitet man die Wendung auch von einem berühmten italienischen Rechtsgelehrten Bartolus (gestorben 1357) ab, über den auch im Frankreich des 16. Jahrhunderts ähnliche Redensarten umliefen. Einer seiner deutschen Schüler müßte dann die Wendung im Deutschen nachgebildet haben.
   Ebenso soll sich der Ausdruck auf einen Schultheiß von Heilbronn beziehen. Dieser Barthel lebte im 13. Jahrhundert und hätte sich auf billige Weise aus dem Rathauskeller mit Wein versorgt. Eine weitere Deutung bezieht sich darauf, daß nach altkirchlicher (aber nicht biblischer) Überlieferung der Bräutigam auf der Hochzeit zu Kana, auf der Wein beschafft werden mußte, Bartholomäus oder Barthel geheißen habe (vgl. Joh 2, 9: »Als aber der Speisemeister kostete den Wein, der Wasser gewesen war, und wußte nicht, von wannen er kam ... ruft der Speisemeister den Bräutigam ...«).
   Ferner hat man darauf hingewiesen, daß in Unterfranken eine bestimmte Art großer Spitzkrüge, in denen man namentlich Most aus dem Keller heraufzuholen pflegt, Barthel genannt wird (›Bartmannskrüge‹); doch können diese Krüge auch umgekehrt ihren Namen erst von der Redensart erhalten haben.
   Auch als niederdeutsch hat man die Redensart zu erklären versucht: ›He weet, wo Bartheld de Mus herhalt‹, er weiß, wo der Storch (Berthold, Name des Storches in manchen Gegenden Niederdeutschlands) die Mäuse, nämlich die kleinen Kinder, holt, er ist klug und gewitzt; er glaubt nicht mehr an den Klapperstorch.
   Einleuchtender als alle die genannten Deutungen ist die aus der Gaunersprache. In dieser bedeutet das aus dem Hebräischen stammende Wort ›Barsel‹ = Eisen und ›Moos‹ = Geld (aus hebräisch mâ'oth = kleine Münze). Der ursprüngliche Sinn der Redensart wäre also: wissen, wo man mit dem Brecheisen an Geld kommt, d.h., wo man durch Einbruch etwas erbeuten kann, dann in besserem Sinne: alle Schliche kennen.
   Freilich ist auch diese Erklärung nicht ohne Einwand, denn ›Barsel‹ bedeutet rotwelsch lediglich das Eisen, wohl auch das Schließeisen, die Vorlegestange, während das Stemmeisen hebräisch ›schâbar barsel‹, rotwelsch ›Schaberbartle‹ heißt. Immerhin wäre eine Verkürzung von Schaberbartle zu Bart(h)el, vielleicht auch aus Gründen umschreibender Verhüllung, denkbar. Wenn diese Erklärung stimmt, dann ist die niederländische Form der Redensart ›weten waar Abraham de mosterd haalt‹ nur eine verderbte volkstümliche Variante.
   Schließlich – und dies hat mindestens ebensoviel Glaubwürdigkeit als das vorher Gesagte – hat man an den Kalendertag des hl. Bartholomäus (24. August) angeknüpft, der für den Ausgang der Weinernte wichtig ist; er spielt im Bauern- und Winzerleben überall eine große Rolle als Lostag. Wichtig ist in diesem Zusammenhang eine Notiz aus Augsburg vom Jahre 1872, die besagt, daß alle Wirte ihre Schankgerechtigkeit verloren, wenn sie an Bartholomä noch keinen Most hatten. Allerdings kann sich diese Deutung nur auf den Obstmost beziehen, da der Traubenmost am 24. August noch nicht gemacht wird. Balthasar Schupp schreibt einmal: »Wo man Holz umb Weynachten, Korn umb Pfingsten und Wein umb Bartholomäi kauft, da wird Schmalhans endlich Küchenmeister«. Der Witz der Redensart liegt vielleicht tatsächlich darin, daß man auf St.-Bartholomäus-Tag noch nicht Weinlese halten kann und daß demnach Barthel keinen Most hat. Derjenige, der dennoch weiß, ›Wo Barthel Most holt‹, muß also schon ein ganz besonders schlauer Mensch sein. Der Sinn der Redensart bliebe bei dieser Erklärung gewahrt.
   Tatsächlich tritt der Bartholomäustag als wichtiger Termin des volkstümlichen Kalenders in süddeutschen, besonders in schwäbischen Wetterregeln häufig personifiziert als ›Bartle‹ oder ›Bâtle‹ auf. Es ist klar, daß der am Bartholomäustag, sei es aus Trauben, sei es aus Äpfeln gepreßte Most noch sehr sauer ist. Dies kommt zum Ausdruck in schwäbischen Redensarten wie: ›Dear besseret se wia's Bartles Moscht, dear ischt zua Esse woara‹, oder: ›Dea richt se wie Bartls Moscht, un den habbe mr uff de Mischthufe gschütt‹. Schließlich in gereimter Form:
   Bâtle roicht en wollfle (wohlfeilen) Moscht,
   Beim Michl (29. September) er scho maier koscht.
Aber auch wenn der frühe Most noch nichts taugt, so sieht man am Bartholomäustag doch schon recht gut, in welchem Garten gutes Obst oder gute Trauben einen guten Most geben werden. Eine schwäbische Wetterregel heißt z.B.: ›Wie der Bartholomäus sich hält, so ist der ganze Herbst bestellt‹. Bartholomäus, der personifizierte 24. August, weiß also schon, wo der Most zu holen sein wird. In der Tat lautet die Redensart ursprünglich: ›Barthel weiß, wo er den Most holt‹ – so steht sie in Simrocks ›Sprichwörtern‹ und im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm. Die ältesten Erklärungen dazu heißen: »Bartholomäi Tag ist der 24te August, da man mit einiger Wahrscheinlichkeit sehen mag, ob und wieviel Traubenmost desselben Jahres in den Reben zu holen sein werde«; so J. Eiselein im Jahre 1840. K. Riesel erklärt im Jahre 1856: »Demnach ist es der Barthel, von dem eine gute Weinernte abhängt, der Barthel holt oder bringt den Most, er weiß, wo der Most zu holen ist«. Auch Herm. Fischer, der Herausgeber des Schwäbischen Wörterbuchs, erklärt: »Kommt wohl daher, daß man mit Sicherheit rechnen kann, daß es um Bartholomäi herum schon reifes Mostobst gibt«.
   Von dieser ursprünglichen Redensart zweigen dann andere ab, die vermuten lassen, daß man die frühere Bedeutung mehr und mehr vergaß. Dazu gehört die mehrfach belegte schwäbische Scherzfrage: ›Wo holt der Baatle den Moscht?‹, oder: ›Waischt au, wau Bartle da Moscht holet?‹ Die Antwort lautet: ›Beim Michel!‹, d.h. erst Ende September. Bekannte Drohungen sind: ›I will der zaige, wo Bartle Moscht holt!‹; ›Dem will i sa, wo Bartle de Moscht holt!‹
• WANDER I, Spalte 241; RICHTER-WEISE, Nr. 16; Zeitschrift für deutsche Mundarten III, S. 375; O. MEISINGER: Hinz und Kunz (Dortmund 1924), S. 9; A. TAYLOR: Proverb, S. 194; A. BERTSCH: Wörterbuch der Kunden- und Gaunersprache (Berlin 1938), S. 39 und 103; F. THIELE: »Er weiß, wo Barthel den Most holt«, in: The German Quarterly 12 (1939), S. 11-15; RAAB: S. 25; G. GUGITZ: Barthel, der den Most holt, in: Das Jahr und seine Feste im Volksbrauch Oesterreichs, 2 Bde. (Wien 1950), I, S. 77-83; Zeitschrift für deutsche Wortforschung X, S. 267; R. SCHENDA: Wo hat der Barthel den Most geholt, in: Stuttgarter Zeitung vom 5. Dezember 1964; G. SCHREIBER: Deutsche Weingeschichte (Köln 1980).

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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