Punkt
Das ist der springende Punkt: das ist der Kernpunkt einer Sache, das, worauf es ankommt (gelegentlich auch in lateinischer Form: ›Das ist das punctum saliens‹). Die Redensart ist gelehrten Ursprungs. Der griechische Naturforscher Aristoteles (384-322 v. Chr.) spricht in der ›Historia animalium‹ (6. Buch, 3. Kapitel) davon, daß sich im Weißen des Eies das Herz des werdenden Vogels »als ein Blutfleck« anzeige; »dieses Zeichen (shmeion) hüpfe und springe wie ein Lebewesen«. Theodorus Gaza († 1478) übertrug die letzten Worte so: »quod punctum salit iam et movetur ut animal«, und so wurde allgemein in der Sprache der Humanisten der Ausdruck mit ›punctum saliens‹ wiedergegeben und von hier aus in der Bedeutung ›Kernpunkt des Lebens‹, ›Punkt, in dem die spätere Entwicklung des Wesens beschlossen liegt‹, übertragen als ›Punkt, auf den alles ankommt‹, weiterverbreitet. Im ursprünglichen Sinn gebraucht Schiller noch die Wendung in dem Gedicht ›Der Genius‹ (1795):
   Da noch das große Gesetz, das oben im Sonnenlauf waltet
   Und verborgen im Ei reget den hüpfenden Punkt,
   Noch der Notwendigkeit stilles Gesetz, das stetige, gleiche,
   Auch der menschlichen Brust freiere Wellen bewegt.
Jean Paul schreibt 1807 in ›Levana oder Erziehungslehre‹: »Jede Erfindung ist anfangs ein Einfall; aus diesen hüpfenden Punkten entwickelt sich eine schreitende Lebensgestalt«. Goethe spricht gern vom ›Lebenspunkt‹ oder ›Quellpunkt‹. Wilhelm Raabe sagt 1875 im 2. Kapitel seiner Erzählung ›Vom alten Proteus‹: »So wollen wir nun dem Hüpf-, Brüt- und Lebenspunkt im Ei dieser Historie näher gehen«.
   Der Punkt des Archimedes ist sprichwörtlich geworden: ›Wenn er den Punkt fände, er brächte die Erde aus der Bahn‹ (Wander III, Spalte 1425, Nr. 19).
   Etwas hängt vom Punctum puncti ab: etwas richtet sich nach dem ›Punkt des Punktes‹, d.h. nach der finanziellen Situation.
   Ein dunkler Punkt im Leben einer Person: eine unklare, moralisch nicht ganz einwandfreie Geschichte, die nie aufgehellt wird. Ein Sprichwort heißt: ›Ein Pünktlein macht die ganze Ehre schwarz‹. ›Es gibt schwarze Punkte am Himmel‹ ist durch Napoleon III. sprichwörtlich geworden: am 26. August 1867 sagte dieser zum Bürgermeister von Lille: »Seit vierzehn Jahren sind viele meiner Hoffnungen in Erfüllung gegangen und große Fortschritte gemacht worden, es haben aber auch dunkle Punkte (›points noirs‹) unsern Horizont umwölkt«.
   Auch von einem Wunden Punkt reden wir bildlich zur Bezeichnung einer Schwierigkeit, einer dunklen Stelle, eines faulen Flecks, der wie eine Wunde geheilt sein möchte und doch behutsam angefaßt sein will; vgl. französisch ›le hic‹. Bismarck zu den Freisinnigen: »Da haben die Herren gefunden: Aha, da hat die Regierung einen wunden Punkt, da wollen wir darauf reiben«.
   Auf den toten Punkt gelangen: mit einer Sache nicht weiterkommen. Die Wendung ist im 19. Jahrhundert aufgekommen und stammt aus der Sprache der Technik: Auf dem ›toten Punkt‹ befindet sich eine Dampfmaschine, wenn Kurbel und Pleuelstange eine gerade Linie bilden. So schreibt der Dichter-Ingenieur Max Eyth 1899 in ›Hinter Pflug und Schraubstock‹ (II,263): »Dank dem nicht zu bändigenden Willen meines unglaublichen Schwiegervaters ist der tote Punkt überwunden«. Vgl. französisch ›en être au point mort‹.
   Der Punkt auf dem i bezeichnet sprichwörtlich das, was eine Sache erst zum vollen Abschluß bringt, so klein es auch sein mag (vgl. auch Das Tüpfelchen auf dem I, I). Den Punkt aufs i setzen: peinlich genau sein; niederländisch ›De punten op de i zetten‹; Bismarck: »Daß wir noch nicht in der Lage sind, in allen diesen Fragen die Punkte so genau über das I zu setzen, wie sie vielleicht in zwei oder drei Jahren von selbst auch dem ersten Herrn Redner ins Auge springen werden« (›Reden‹ VIII, 187; vgl. XII, 198).
   Keinen Punkt übers i setzen können: zu nichts taugen. Einem den Punkt über das i machen: etwas verständlich machen, was sich von selbst versteht; vgl. französisch ›mettre à quelqu'un les points sur les i‹.
   Nun mach aber einen Punkt!: nun hör aber auf (mit deinen Klagen, Fragen oder dergleichen); die Redensart bezieht sich auf den Punkt als Satzschlußzeichen; in ähnlichem Sinne die ältere Redensart Punktum, Streusand drauf, die Sache ist entschieden; Widerrede gibt's nicht! (mit Streusand löschte man früher nach Fertigstellung eines Briefes oder Schriftstückes die Tinte ab).
   Ohne Punkt und Komma reden: immerzu, ohne Unterbrechung, unentwegt, ohne Atem zu holen reden.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

Synonyme:

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  • punkt — punkt …   Deutsch Wörterbuch

  • punkt — I {{/stl 13}}{{stl 8}}rz. mnż I, D. u, Mc. punktkcie {{/stl 8}}{{stl 20}} {{/stl 20}}{{stl 12}}1. {{/stl 12}}{{stl 7}} to, co jest widoczne lub wyczuwalne jako plamka, kropka, niewielki znak, drobna wypukłość lub wklęsłość itp.; także: ślad… …   Langenscheidt Polski wyjaśnień

  • Punkt — Punkt: Das Substantiv (mhd. pun‹c›t »Punkt; Mittelpunkt; Zeitpunkt, Augenblick; Ortspunkt; Umstand; Artikel; Abmachung«) ist aus gleichbed. spätlat. punctus entlehnt, das für klass. lat. punctum steht. Das lat. Wort bedeutet eigentlich »das… …   Das Herkunftswörterbuch

  • Punkt — (lateinisch punctum ‚Einstich‘) steht für: allgemein: Punkt (Geometrie), ein nichtausgedehnter Ort in einem beliebigen Raum Punkt (Satzzeichen), ein in vielen Schriftsystemen verwendetes Satzzeichen Punkt (Journalistenpreis), ein Preis für… …   Deutsch Wikipedia

  • Punkt — Sm std. (14. Jh.), spmhd. punct, pun(k)t Entlehnung. Entlehnt aus l. pūnctum n., pūnctus Punkt , eigentlich Spitze (zu l. pungere stechen ). Adjektive: punktuell, pünktlich; Verb: punktieren.    Ebenso nndl. punt, ne. point, nfrz. point, nschw.… …   Etymologisches Wörterbuch der deutschen sprache

  • Punkt — (Punctum), Interpunktionszeichen, das in ältern Inschriften hinter jedem einzelnen Worte steht, um es von dem folgenden zu trennen, hinter einzelnen Buchstaben aber andeutet, daß es abgekürzte Wörter sind, wie A. (Aulus), z. B. (zum Beispiel) etc …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Punkt — der; [e]s, e <über spätlat. punctus aus gleichbed. lat. punctum, eigtl. »das Gestochene; eingestochenes (Satz)zeichen«, dies eigtl. substantiviertes Part. Perf. (Neutr.) von pungere »stechen«>: 1. geometrisches Gebilde ohne Ausdehnung;… …   Das große Fremdwörterbuch

  • punkt — pȕnkt m <N mn pùnktovi> DEFINICIJA reg. točka, mjesto u prostoru ili sferi utjecaja, djelokrugu poslova, istraživanja tržišta itd. koje ima posebnu važnost (u nalaženju, sastajanju, isporuci, uzimanju uzoraka itd.) ETIMOLOGIJA njem. Punkt ≃ …   Hrvatski jezični portal

  • Punkt — (v. lat. Punctum), 1) Stich; 2) ein mit einem spitzigen Instrument gemachter kleiner runder Fleck; 3) im Hebräischen so v.w. Vocalzeichen, s. Hebräische Sprache; 4) in den europäischen Sprachen, außer der griechischen, steht der P. (in der… …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Punkt — (lat. punctum), Schlußzeichen eines Satzes; in der Geometrie das, was keine Ausdehnung hat, die Grenzen einer Linie; auch Zeichen der Multiplikation; ausgezeichnete P. (singuläre P.), s. Singularitäten. – In der Musik vermehrt der P. neben der… …   Kleines Konversations-Lexikon

  • punkt — sb., et, er, erne (fork.: pkt.) …   Dansk ordbog

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