Rapus(ch)e
In die Rapus(ch)e kommen: in der Unordnung verlorengehen. Spätmittelhochdeutsch ›rabusch‹ = Kerbholz, entlehnt aus gleichbedeutendem tschechisch ›rabuse‹, ist seit dem 15. Jahrhundert bezeugt und lebt in südostdeutschen Mundarten fort. Bisher wurde die Redensart deshalb von ›rabusch‹ mit der Grundbedeutung: etwas gegen Kerbholzeintragung abgeben, d.h. so gut wie verloren geben, abgeleitet (befremdlich wäre freilich die völlig andere Bedeutungsentwicklung als bei Kerbholz). Da das tschechische Wort ›Rapuge‹ nicht nur Kerbholz, sondern auch Plünderung, Raub, Wirrwarr, aber auch Rumpelkammer, Verlust, Preisgabe und Beute bedeuten kann, was dem heutigen Sinn der Redensart auch viel besser entspricht, ist ›rabusch‹ = Kerbholz als Ausgangspunkt für diese Wendung auszuschließen, obwohl das entlehnte tschechische Wort auch weiterhin als Grundlage, nur in anderer Übersetzung gelten muß. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts erscheinen im Ostmitteldeutschen Wendungen wie ›in dy rapuß werfen‹, ›yn die rappuse gehen‹, zur Plünderung, zum Raube preisgeben; so auch mehrfach in Luthers Bibelübersetzung. Luther übersetzt z.B. Jer 15,13: »Ich will euer Gut und Schätze in die Rappuse geben«, und in ähnlicher Zusammenhang gebraucht er das Wort ›Rapuse‹ auch Jer 17,3 und Ez 23,46. Dasselbe wird auch von Münzen gesagt, die große Herren bei Festen unters Volk werfen.
   Früh spielen im Volksmund Anklänge an deutsche Wörter mit, etwa an ›rapsen‹, ›rapschen‹ = eilig erraffen; eigentümlich 1623 in Theobalds ›Hussitenkrieg‹ (Band III, S. 14): »Ihre Güter wurden in den Rappbusen des gemeinen Pöbels geworfen«. Vielleicht ist auch das Wort ›Rabatz‹ = Getümmel, Eile, Unordnung eine Nebenform von ›Rapuse‹, das in der Wendung Rabatz machen verbreitet ist.
   ›Rabuschen‹ bedeutet aber auch stehlen, etwas in der allgemeinen Aufregung, dem Durcheinander unauffällig verschwinden lassen. Die Redensart Er ist ein Rabuscher heißt demnach: er ist ein Dieb, der sich billige Beute verschafft, indem er aus dem Wirrwarr Nutzen zieht.
   Die Redensart In die Rapuse gehen: verlorengehen, ist seit dem Ausgang des 17. Jahrhunderts öfters bezeugt.
   In einer gereimten ›Zeitung‹ von 1740 heißt es:
   In Welschland geht es närrisch her,
   Da werden auch gewiß nunmehr
   Des Reiches alte Lehen,
   Die man mit harter Noth behaupt't
   Und die schon der und der beraubt,
   In die Rapuse gehen.
Leibniz schreibt in seinen ›Unvorgreiflichen Gedanken, betreffend die Ausübung und Verbesserung der deutschen Sprache‹ von den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland: »und ist nicht weniger unsre Sprache als unser Gut in die Rappuse gegangen«.
   Auch ein vom Südosten ausgehendes Kartenspiel heißt Rapuse, das in Frankreich auch als ›Rabus(ch)e‹ bekannt ist. Bei diesem Spiel werden die Karten durcheinandergeworfen.
   Vgl. auch Goethes Gedicht ›Die Lustigen von Weimar‹ (1812):
   Montag reizet uns die Bühne;
   Dienstag schleicht dann auch herbei,
   Doch er bringt zu stiller Sühne
   Ein Rapuschchen frank und frei.
Diese Bezeichnung kann freilich auch auf französisch ›grabuge‹, italienisch ›garbuclio‹ = Unordnung zurückgehen oder damit gekreuzt sein.
• RICHTER-WEISE, Nr. 159, S. 175f.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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