Rattenfänger
In Anlehnung an die weltweit bekannte Sage vom ›Rattenfänger zu Hameln‹ wird ein Verführer (besonders in politischer oder auch kommerzieller Hinsicht) oft als ›Rattenfänger‹ bezeichnet.
   Eine ›Rattenfängerei‹ bedeutet, daß mit unlauteren, unseriösen oder zweideutigen Versprechungen für eine Sache lautstark geworben wird.
   Die Rattenfängersage stellt Historikern wie Volkskundlern noch immer viele ungelöste Fragen. Sicherlich bilden wirtschafts- und sozialhistorische Hintergründe die reale Basis der Sage: In einer Stadt, die jahrhundertelang vom Handel und Getreideexport lebte, konnte eine Rattenplage ein wirkliches Problem sein. Die früheste Erwähnung des Hamelner Pfeifers von 1284 weiß jedoch noch nichts von den Ratten und dem Magistrat, der dem Rattenfänger den Lohn nicht zahlte. Es wird nur von 130 Kindern berichtet, die von dem ›Piper‹ vors ›Oisterdor‹ gelockt wurden und seitdem verschwunden sind. Aber wohin sind die Kinder gezogen? Nach Siebenbürgen, nach Pommern, nach Mähren oder Masuren? Sind sie getötet worden, einer Katastrophe zum Opfer gefallen, ein Opfer der Pest geworden oder sind sie nur ausgesiedelt worden? Unter den mannigfachen Erklärungsmodellen ist die Rattenfängersage in den letzten Jahrzehnten am häufigsten und auch am meisten kontrovers mit Hilfe der Ostkolonisation erklärt worden: Der Rattenfänger sei in Wirklichkeit ein Werber gewesen, der im Auftrag eines Adeligen Kolonisten für den Osten suchte. Die Kolonistenauszugsthesen sind freilich nicht so durchschlagend und widerspruchsfrei, daß sie alle anderen Thesen hätten völlig verdrängen können: Unglück durch Bergsturz, Tanzwut, Kinderkreuzzug etc. Nicht befriedigend beantwortet ist damit auch die Frage: Wer sind die Hämelschen Kinder? Wirklich Kinder, junge Leute, oder Unfreie, Leibeigene, Arbeitslose? Sind ›Ratten‹, ›Mäuse‹ etc. gar Metaphern für unliebsame Menschen? Gerade die Ungelöstheit des Falles hielt bis zum heutigen Tag die Phantasie wacher als ein gelöster Fall.
   Auch die Figur des Entführers und Verführers bleibt im Dunkel. Er erscheint in den historischen Quellen als Landfahrer, Abenteurer, Pfeifer, Trommler, Spielmann, Lumpensammler oder gar dämonisiert als Zauberer oder Teufel. Er ist Spielmann, aber auch Tierbanner, Ungeziefervernichter oder ›Kammerjäger‹, wie man dies heute nennen würde. In der Sage geht es sozialgeschichtlich auch um Standeshaß und um Vorurteile gegenüber den sog. unehrlichen, nicht zunftfähigen Berufen. Ein zeitloses Thema ist aber auch das Motiv der Kinderent- und -verführung, der Verlust des Liebsten und Wertvollsten.
   Die literarischen Auswirkungen und Transformationen der Rattenfängersage reichen von Goethe, Clemens Brentano und Wilhelm Raabe zum ›Pied Piper of Hamelin‹ von Robert Browning bis zu Bert Brecht und Carl Zuckmayer.
• H. DOBBERTIN: Quellensammlung zur Hamelner Rattenfängersage (Göttingen 1970); N. HUMBURG (Hrsg.): Der Rattenfänger von Hameln (Hameln 1984); N. HUMBURG (Hrsg.): Geschichten und Geschichte. Erzählforschertagung in Hameln 1984 (Hildesheim 1985).}
Rattenfänger. Karikatur: Der Rattenfänger von Moskau. Aus: Wolfgang Mieder: Die Sage vom ›Rattenfänger von Hameln‹ in der modernen Literatur, Karikatur und Werbung, Abbildung 14a, in: Geschichten und Geschichte. Erzählforschertagung in Hameln Oktober 1984, herausgegeben im Auftrag der Stadt Hameln von Norbert Humburg, Hildesheim 1985, S. 113-128.
Rattenfänger. Rattenbeschwörung aus dem Weimarer Wunderbuch von 1430, aus: Heinrich Spanuth: Der Rattenfänger von Hameln, Hameln 1951, Tafel 2.
Rattenfänger. Karikatur: ›The crazy piper‹. Aus: W. Mieder: Die Sage vom Rattenfänger von Hameln ..., Abbildung 14b.
Rattenfänger. Titelblatt und Titelbild einer 1682 erschienenen Satire.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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