Regen
Vom (aus dem) Regen in die Traufe kommen: ein Übel vermeiden und dafür einem schlimmeren verfallen, ursprünglich von einem gesagt, der sich bei Regenwetter an die Häuser unter den überspringenden Rand der Dächer flüchtet, aber dabei unter die Traufe gerät, aus der das gesammelte Dachregenwasser herunterschießt, so daß er erst recht naß wird. Die sprichwörtliche Redensart ist in Deutschland in dieser Form nicht älter als drei Jahrhunderte. Sie ist vermutlich orientalischer Herkunft. Die früheste Form, die Wander zitiert, ist ein Beleg vom Jahr 1627: »Auss dem Regen in die Dachtrauff gerathen« (aus Konrad Dietrich, Buch der Weisheit [Ulm 1627], II, 525). Die Redensart kommt dann des öfteren vor, z.B.:
   Wer dem Regen wil entlauffen
   Kömmet offtmals in die Trauffen
   (J. Simon, Gnomologia [Leipzig 1683], S. 211);
   Er kommt vom Regen in die Traufe
   (Ms. Breslau 1722, zitiert nach K. Rother, Die schlesischen Sprichwörter und Redensarten [Breslau 1928], S. 17);
›Wer dem Regen entlauffen will, kömmt gemeiniglich in die Trauffe‹ (O.W. Schonheim, Proverbia illustrata [Leipzig 1728], S. 51);
   Es regnet, spricht der Thor, und eilt mit vollem Laufe;
   Wohin? das siehst du: er stellt sich in die Traufe
   (C.C.G. Fischer, Sprichwörter und sittliche Denksprüche zum Gebrauch der Schulen [Halle 1793], S. 96, Nr. 95).
Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm zitiert verschiedene literarische Belege, besonders aus Gryphius' ›Horribilicribrifax‹ (II. Akt), aus Christian Weise, Lessing, Goethe, Wieland. An früheren Belegen gibt es zwar Sprichwörter in ähnlicher Form und mit ähnlichem Inhalt, die aber doch nicht identisch sind. So heißt es z.B. im ›Esopus‹ des Burkard Waldis (1527):
   (Mancher) Dem regen offt entlauffen thut
   Vnd senckt sich in wassers flut.
   Wer offt dem regen will entlauffen,
   Im grossen wasser thut ersauffen.
Luther und seine Zeitgenossen benutzen gewöhnlich: ›Er entläuft dem Regen und fällt ins Wasser‹ (vgl. Luthers Sprichwörter-Sammlung, hg. von E. Thiele [Weimar 1900], S. 410f.). Eine andere Formulierung des 16. Jahrhunderts heißt: ›Vom Regen in den Bach kommen‹. Noch bei Goethe heißt es in ›Sprichwörtlich‹: »Er springt in den Teich, dem Regen zu entfliehen«.
   Aber in arabischen Sammlungen finden wir Formulierungen wie: ›Wir flohen vor dem Regen, da geriethen wir unter die Dachrinne‹; ›Von der Dachtraufe unter die Dachrinne‹, »he fled from the rain, and sat down under the waterspout« (J.L. Burchhardt, Arabic Proverbs [London 1875], S. 167; A. Socin, Arabische Sprichwörter und Redensarten [Tübingen 1878], S. 11, Nr. 148). Der frühe und allgemeine Gebrauch bei den Arabern läßt keinen Zweifel an der orientalischen Herkunft dieser Redensart aufkommen. Die Franzosen sagen hier: ›tomber de Charybde en Scylla‹ und parodieren, ›tomber de canif en syllabe‹ (wörtlich ›vom Taschenmesser in die Silbe fallen‹), Scylla. Früher dafür auch: Vom Galgen auf das Rad kommen. 1646 bei Gerlingius (Nr.94): »Incidit in Scyllam cupiens vitare Charybdim. Der der Troffen entlauffen will, der kömpt mit all in den Platzregen. Ich wil den Rauch umbgehen, und komme gar ins fewr«. Seit dem 1. Weltkrieg wird die Redensart soldatensprachlich auch parodiert: ›vom Regen unter Umgehung der Traufe in die Scheiße kommen‹, beim Stellungswechsel sich verschlechtern. Weitere Varianten sind: ›Aus einem kleinen Regen laufen und gar in den Teich fallen‹; ›Sich wegen des Regens ins Wasser verstecken‹ (vgl. auch Wilhelm Busch, Aus dem Regen in die Traufe, 1861. Beiträge zu den ›Fliegenden Blättern‹). Ebenso niederländisch ›van de regen in de drop komen‹; französisch ›tomber de la poêle dans la braise‹, ›de fièvre en chaud mal‹; englisch ›to fall out of the frying pan into the fire‹, ›from the smoke into the smother‹ (Shakespeare, As you like it I,2).
   Diese Redensart wird heute auch parodiert zu ›Vom Regen in die Jauche kommen‹. (So z.B. Wolf Biermann nach seiner zwangsweisen Übersiedlung von der damaligen DDR in die Bundesrepublik; vgl. ›Die Zeit‹ vom 27.1.1978).
   Jemanden im Regen stehenlassen: jemanden in einer kritischen Situation im Stich lassen, ihm seine Hilfe versagen. Scherzhaft: Jemanden im Regen ohne Schirm stehen lassen.
   Etwas ist ein warmer Regen; eine Hilfe kommt zur rechten Zeit, vor allem: eine finanzielle Zuwendung. Der Ausdruck stammt aus der Sprache des Films: Szenen, die trotz Regens im Freien gedreht werden, werden höher honoriert.
   Der Regen als Naturerscheinung spielt in allen Kulturen eine große Rolle; vor allem gehört er zu den großen Fruchtbarkeitsmythen. Über den Regen bei Sonnenschein hat der Volksglaube verschiedene Vorstellungen entwickelt. Eine davon findet ihren Niederschlag in einem Kinderlied aus dem Münstertal (Graubünden):
   I plova a solai,
   Nos Segner va a chavai,
   Col anguel sün bratsch,
   Con flütta e butatsch‹
   (Decurtis, Rätoroman. Chrest. 10, 1107).
Übersetzt heißt dies: ›Es regnet bei Sonnenschein, unser Herrgott reitet mit dem Engel auf dem Arm, mit Flöte und Trommel‹, Strippe, Bindfäden, Engel, Kirmes. Wenn es während einer Beerdigung regnet, sagt man mancherorts (z.B. in der Pfalz): ›Dem Glücklichen regnet es ins Grab‹ (Mitteilungen des historischen Vereins der Pfalz 20, 241). Dieses Sprichwort hängt wohl zusammen mit der Vorstellung von den dürstenden Seelen, zu deren Erquickung Wasser ausgegossen werden muß. Der Regen, der auf ein Grab fällt, hat lustrative Kraft, er reinigt den Toten von seinen Sünden. Darum wünscht der Araber dem Toten ›die Regengüsse der Sündenvergebung in sein Grab‹ (Archiv für Religionswissenschaften XIII,26). Deshalb beerdigt man auch in Oberhessen noch vielfach die ungetauft gestorbenen Kinder unter der Dachtraufe der Kirche, und auf der Südseite der alten Christenberger Kirche im Burgwald steht noch unter der Dachtraufe ein kleiner steinerner Sarkophag für Kinder. Auf den Kirchhöfen der katholischen Dörfer zwischen Karlsruhe und Rastatt fand man ausgeblasene und mit Weihwasser gefüllte Hühnereier an den Grabkreuzen befestigt. Aus einem Löchlein tropft das Wasser ganz langsam auf das Grab, um dem Toten das Fegfeuer zu löschen (Kolbe, Hessische Volkssitten).
   Ähnliche Vorstellungen gibt es noch heute im Morgenland: Wem es tüchtig auf sein Grab regnet, der wird selig. Allah wird also besonders auf die regnen lassen, die er liebt, also auf die Heiligen. Deckt man daher ein Heiligengrab auf, zeigt man dem Himmel das Grab, so wird er regnen auf das dürstende Land.
• G. GESEMANN: Regenzauber in Deutschland (Diss. Kiel 1913), S. 60f.; R. JENTE: German Proverbs from the Orient, in: Publications of Modern Language Association 48 (1933), S. 30-33; M. KUUSI: Regen bei Sonnenschein: zur Weltgeschichte einer Redensart, in: Folklore Fellows Communications 171 (Helsinki 1957); W.D. HAND: »The Devil is beating his wife« and other folk beliefs about the sun's shining while it rains, in: Kentucky folklore record 3 (1957), S. 139-143; W. DANCKERT: Symbol, Metapher, Allegorie im Lied der Völker, Band 1: Natursymbole (Bonn-Bad Godesberg 1976), S. 118-135.}
Vom Regen in die Traufe kommen. Wilhelm Busch: ›Aus dem Regen in die Traufe‹, 1861.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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