Ruhe
Ruhe bewahren!: besonnen bleiben, sich nicht von der allgemeinen Aufregung mitreißen lassen, bei vermeintlicher oder wirklicher Gefahr nicht in Panik geraten ( Panik). Die Befolgung dieses Rates hat schon oft Katastrophen verhindert oder die Gefahr für die Beteiligten an einem Unglück herabgesetzt; vgl. französisch ›garder son calme‹ oder, ›Gardons notre calme!‹
   Eine Mahnung zu überlegtem Handeln kann auch durch die Wendung Ruhe ist die erste Bürgerpflicht! erfolgen, die eine größere Volksmenge vor öffentlichem Aufruhr gegen den Staat in Zeiten der Gefahr warnt. Der Minister Friedrich Wilhelm Graf von der Schulenburg-Kehnert richtete diese sprichwörtlich gewordene Aufforderung in einem Anschlagzettel vom 17.10.1806 nach der schweren Niederlage bei Jena an die Berliner: »Der König hat eine Bataille verlohren. Jetzt ist Ruhe die erste Bürgerpflicht. Ich fordere die Einwohner Berlins dazu auf«.
   Willibald Alexis gab 1852 seinem Roman ebenfalls den Titel: ›Ruhe ist die erste Bürgerpflicht‹. Die Wendung kann redensartlich auch scherzhaft zur Verteidigung des Müßiggangs gebraucht werden. Die Ruhe selbst sein: sich ganz in der Gewalt haben, eine bewundernswerte Gelassenheit zeigen, sich keine Erregung anmerken lassen; vgl. französisch ›ne pas se départir de son calme‹ (sich nicht der Ruhe begeben). Dagegen beinhalten die Redensarten Sich nicht aus der Ruhe bringen lassen und Die Ruhe weg haben eine gewisse Kritik an Gleichmut und Trägheit oder gar Stumpfsinn eines anderen. Nur seine Ruhe haben wollen: sich außer um sein eigenes Wohlergehen um nichts kümmern.
   Etwas in Ruhe tun: sich für etwas genügend Zeit nehmen, sich einer Sache ungestört widmen können.
   Wer sich zu etwas gedrängt fühlt, aber keine Übereilung wünscht, sagt entweder: Nur die Ruhe kann es machen (bringen), oder häufiger: Immer mit der Ruhe! Diese Wendung erhält manchmal noch scherzhafte Zusätze wie: Und dann mit 'nem Ruck oder Fährt Großvater in die Schuhe.
   Sich Ruhe verschaffen: einer erregten Menge Stille gebieten, um zu ihr sprechen zu können. Manchmal geschieht dies durch die folgenden Zurufe: Ruhe im Unterhaus (Kuhstall)! Ruhe auf den billigen Plätzen da hinten! oder berlinisch ›Ruhe im Saal! Jroßmutter will danzen!‹
   Keine Ruhe finden; Nicht zur Ruhe kommen: sich mit Sorgen quälen, überlastet sein, aus den Aufregungen nicht herauskommen, von seinem Gewissen geplagt werden. so klagt z.B. Gretchen am Spinnrad (›Faust‹ I):
   Meine Ruh' ist hin,
   Mein Herz ist schwer.
   Ich finde sie nimmer
   Und nimmermehr.
Die ähnliche Wendung Keine Ruh, bei Tag und Nacht beruht auf der deutschen Übersetzung einer Stelle des ›Don Juan‹ durch Joh. Friedrich Rochlitz von 1801. Doch bereits in der Offb 14,11 heißt es von der ewigen Qual der Verdammten: »und hatten keine Ruhe Tag und Nacht«. Shakespeare übersetzt die Bibelworte in seine Sprache und schreibt im ›Wintermärchen‹ (II, 3): »Nor night nor day no rest«.
   Von einem, der rastlos tätig ist, der etwas nicht lassen kann, heißt es mundartlich in Köln: ›Hä hätt gein Rauh bes em de Fingere gliche lang sind‹, d.h.: bis er tot ist.
   Als formelhafte Wendungen werden gern Ruhe und Rast und Ruhe und Frieden verwendet. Schon in der ›Zimmerischen Chronik‹ (4, 399, 18) heißt es:
   Ir kainer hat nit überlast,
   mit wollust hand sie ruw und rast.
Die heutige Form der Redensart Weder Rast noch Ruhe haben ist literarisch früh bezeugt, zeigt aber eine Umstellung der Substantiva, z.B. bei Geiler von Kaysersberg im ›Seelen-Paradies‹ (LX b, 1): »Weder ru noch rast gewinnen«, oder in einem Fastnachtsspiel
(1, 2, 40 Neudruck) von Hans Sachs:
   Das krencket meinen Son so fast,
   Het darnach weder Ruh noch Rast.
Vgl. französisch ›sans relâche‹.
   Einem keine Ruhe lassen: ihn ständig beunruhigen, ihm Gewissensbisse bereiten, auch: seine Aufmerksamkeit, Neugierde erregen. Hölty meint das lastende Bewußtsein, Böses getan zu haben, das oft neue Schuld hervorbringt, um die Spuren zu verwischen, wenn er dichtet (Werke, 186):
   Dem Bösewicht wird alles schwer,
   Er thue was er thu
   Der Teufel treibt ihn hin und her
   Und läßt ihm keine Ruh.
In Bayern sagt man, wenn man nicht belästigt werden will: ›Laßt mir mei königlich bairische Ruah!‹
   Keine Ruhe vor jemandem haben: ständig gedrängt, belästigt, gestört, gequält werden. Jemandem die Ruhe mitnehmen: sich bei einem kurzen Besuch nicht einmal hinsetzen. Man nötigt deshalb auch einen eiligen Besucher dazu, damit Ruhe und Frieden im Hause bleiben, in der Altmark mit den Worten: ›Nimm mi de Rau nich mit‹ Von dieser allgemein verbreiteten Vorstellung zeugen auch die Verse Rückerts (Werke, 318):
   Geh lieber Gast, nicht von diesem Haus,
   Ohne dich auszuruhn,
   Daß du uns nicht tragst die Ruhe hinaus
   Mit deinen staubigen Schuhn.
Die Wendung Das ist Ruhe auf der Flucht: das ist nur eine kurze Rast (Atempause), ist eine Anspielung auf die in der christlichen Kunst beliebte Darstellung ›Ruhe auf der Flucht‹, einer Station bei der Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten.
   Der Ausdruck Ruhe vor dem Sturm beruht auf guter Beobachtung der Gewitterstille vor dem Ausbruch des Unwetters. In übertragener Bedeutung ist das lastende Schweigen vor einer drohenden Auseinandersetzung gemeint und überaus gut charakterisiert; vgl. französisch ›le calme avant la tempête‹.
   Die Feststellung Es ist die Ruhe eines Kirchhofs (des Grabes) dagegen ist ein sprichwörtlich gewordenes Zitat aus Schillers ›Don Carlos‹ (III, 10), womit Marquis Posa den unnatürlich starren, leblosen Zustand umschreibt, der ihn schaudern läßt.
   Die Redensart Endlich Ruhe geben: von etwas ablassen, nicht weiter drängen und fordern, mit einem lästigen Lärm aufhören, ist häufig auf unleidliche Kinder gemünzt, die die Erwachsenen fortgesetzt stören, vor allem dann, wenn sie sich unterhalten wollen. Sie ist oft in der Form ›Willst du nun endlich Ruhe geben!‹ zu hören oder als Tadel: ›Du kannst wieder mal keine Ruhe geben!‹ Die Feststellung Nun hat die arme (liebe) Seele Ruh!: jetzt bist du ja endlich befriedigt, nun ist nach heftigem Drängen der Wunsch erfüllt, ist meist scherzhaft gemeint mit dem Hintergedanken: jetzt ist alles aufgegessen, zerbrochen, verdorben, ein weiteres Drängen danach verbietet sich von selbst. Die meist in diesem Sinne zu Kindern gesprochene Redensart weist ursprünglich auf die ewige Ruhe, den Frieden Gottes hin, den die Seele sucht. Sich keine Ruhe gönnen: rastlos tätig sein, sich keine Erholung, keinen Urlaub leisten; vgl. französisch ›ne pas s'accorder de repos‹.
   Sich zur Ruhe setzen: seine Arbeit, sein Handwerk im Alter aufgeben, seinen Platz jüngeren Kräften frei machen.
   Die schweizerische Redensart ›Er isch i d'Rue g'stellt‹ hat ganz andere Bedeutung Sie meint nämlich: er hat sich verheiratet, sein Umherschwärmen hat nun ein Ende.
   Als euphemistische Umschreibungen für sterben ( zeitlich) und beerdigen dienen die Wendungen Er ist zur Ruhe gegangen (vgl. niederländisch ›Hij is reeds in de rust‹) und Jemanden zur letzten Ruhe bringen, ruhen.
   Ruhe finden: innere Ausgeglichenheit, Erlösung von Mühe, Sorge und Leid durch den Glauben finden. Die Wendung bezieht sich auf den Rat Jesu (Mt 11,29): »Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen«.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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