Scheiße
Das ist alles Scheiße!: das taugt alles nichts, es ist eine schwierige, höchst unangenehme Lage. Die Wendung wird seit dem 17. Jahrhundert zur kräftigen Ablehnung gebraucht. Das Wort Scheiße selbst ist bereits seit dem Mittelalter ein Ausdruck der Ablehnung und des Fluches. Vgl. französisch ›Tout celà, c'est de la merde‹.
   Heute sagt man in humorvoller Anlehnung an die Grußformel des Briefes auch: Alles Scheiße, deine Elli (Emma). Das Wort, das im niederdeutschen Bereich die Lautverschiebung nicht mitgemacht hat, klingt in den mundartlichen Wendungen weniger derb: ›alles Schitt‹ (Schîte) oder ›en ôlen Schêt‹, holsteinische Abweisungs- und Verneinungsformel.
   Häufig wird das Vulgärwort in der Umgangssprache durch ›Scheibe‹ oder ›Schauspiel‹ ersetzt. Studentisch ist seit dem 18. Jahrhundert das Wort ›Schiß‹ belegt. Die Redensart Schiß in den Hosen haben: furchtsam sein, wurde zunächst auf einen ängstlichen Studenten angewendet, der die akademische Rauferei der schlagenden Verbindungen scheute. Vgl. französisch ›faire dans son pantalon‹ oder ›... dans son froc‹.
   Wer sich in ihnen nicht entsprechend bewährte, konnte In Verschiß geraten: verachtet und ausgeschlossen werden. Vor allem sind in der Soldatensprache viele Kraftausdrücke entstanden, die in Gefahr oder Verzweiflung über die aussichtslose Lage an der Front das persönliche Kraftbewußtsein stärken und ein Ventil für Zorn und Angstgefühle sein konnten (»Scheißkrieg«).
   Jemanden in die Scheiße treiben: jemanden ängstigen, ihn gefährden.
   Die Wendung in der Scheiße liegen ist ebenfalls soldatensprachlich, sie umschreibt das Vegetieren im Schlamm der Schützengräben oder die höchste Lebensgefahr in vorderster Front. Vgl. französisch ›être dans la merde‹ oder ›... dans le merdier‹.
   Wer davongekommen ist, erzählt davon, daß er die ganze Scheiße mitgemacht habe, also alles durchgestanden habe, sich wirklich auskenne und alle Begeisterung für kriegerische Auseinandersetzungen verloren habe.
   In älterer Zeit erscheint das Wort selbst in der Schriftsprache in ganz unbefangen gebrauchter Weise. So schreibt S. Helbling (4, S. 308): »Jâ scheiß! gedâht ich mir!« In der Gegenwart ist unter Jugendlichen Fäkalsprache erneut modisch geworden, weil sie ein emanzipatorisches Bewußtsein gegenüber als bürgerlich empfundenen Tabus zur Schau stellt. Die Kraftsprache soll die Kompromißwilligkeit zerstören, die eigene Schwäche verdecken und die Bürger schrecken und provozieren. Der Weg des Wortes Scheiße und seiner Zusammensetzungen von der Soldaten- zur Schüler- und Studentensprache ist hierbei gut zu beobachten.
   Als Schimpfwörter sind ›Scheißer‹ und ›Scheißkerl‹ beliebt. Die Wendung Ein Scheißkerl sein ist bereits seit dem Bauernkrieg belegt und bezeichnet den Feigen, Unzuverlässigen bis heute, ein ›Klugscheißer‹ dagegen ist der Besserwisser, vgl. französisch ›un merdeux‹.
   Sich um jeden Scheißdreck kümmern: sich um alle Kleinigkeiten sorgen, alles genauestens beobachten und prüfen, sich um nichtiger Angelegenheiten willen aufregen; Furz; Haufen; Hand; Kacke.
   Dem Scheißhaus opfern: etwas auf verächtliche Weise dahingeben. Sebastian Franck schreibt in seinen ›Sprichwörtern‹ (2, 11 3a): »unnd heyszt zu gutem teutsch sacrificare lari, dem Scheißhauß opfferen unnd umb einen dreck fechten«.
• J.G. BOURKE: Skatologic Rites of all Nations (Washington [D.C.] 1891, Repr. New York 1968); F.M. FELDHAUS: Ka-Pi-Fu u.a. verschämte Dinge (Berlin-Friedenau 1921); P. ENGLISCH: Das skatologische Element in Literatur, Kunst und Volksleben (Stuttgart 1928); M. KÜPPER U.H. KÜPPER: Schülerdeutsch (Hamburg – Düsseldorf 1972); D. SABBATH UND M. HALL: End Product. The First Taboo (New York 1977); W. MIEDER: Das Wort ›Shit' und seine lexikographische Erfassung, in: Sprachspiegel 34 (1978), S. 76-79; U. KUTTER: Artikel ›Exkremente‹, in: Enzyklopädie des Märchens IV, Spalte 649-664; A. DUNDES: Life is like a chicken coop ladder (New York 1984), deutsch unter dem Titel: ›Sie mich auch! Das Hinter-Gründige der deutschen Psyche (Weinheim – Basel 1985); W. PIEPER (Hrsg.): Das Scheiss Buch. Entstehung, Nutzung, Entsorgung menschlicher Fäkalien (Löhrbach 1987).

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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