Schere
Etwas unter die Schere nehmen: etwas bearbeiten oder in Angriff nehmen in der Absicht, es zu bessern. Das redensartliche Bild bezieht sich auf die Tätigkeit des Wollscherers, der Knoten und die Unebenheiten aus dem Tuch entfernte, um es zu glätten.
   Die Redensart Einen unter die Schere nehmen bezieht sich dagegen mehr auf den Haarschneider. In übertragener Bedeutung meint sie heute: einen zurechtweisen, jemandem den Übermut dämpfen.
   Einen in die Schere nehmen: einen unter Druck setzen, ihn ›In die Zange nehmen‹, ihn etwas entgelten lassen. Ähnlich heißt es schon in der ›Zimmerischen Chronik‹ (III, 242): »Der fiel in zum ersten, wie man sprucht, in die scheeren und must die suppen ußfressen«.
   Die sächsische Wendung ›Ich wer'n emal in de Schere nehm, aber nich mit Brechstangen‹ hat das Bild von der Schere auf die kreuzweise zuschlagenden Arme übertragen und bedeutet: mit jemandem ohne fremde Hilfe fertig werden.
   ›Mit de knappe Scher tosnieden‹ wird in Holstein bei übergroßer Genauigkeit und Geiz als Redensart verwendet. Dabei werden die ursprünglich dem Schneider zugeschriebenen Eigenschaften verallgemeinert.
   ›He het de grote Schere uthangen‹ ist eine in Ostfriesland übliche Wendung. Das Aushängen der Schere als Handwerkszeichen des Schneiders deutet in der Redensart auf Übervorteilung hin. Die niederländische Redensart ›Daar hangt de schaar uit‹ meint ebenfalls überteuerte Preise und Beutelschneiderei. Pieter Bruegel hat sie auf seinem großen Redensarten-Bild dargestellt.
   Die bairische Wendung ›einem d'Schar aufheben‹ bedeutet: einem die Ausübung seines Gewerbes untersagen. Es erfolgte hierbei eine Verallgemeinerung vom Schneiderhandwerk auf alle übrigen Gewerbe, die die Schere nicht zum Kennzeichen haben. Scheren schleifen: schwatzen, lästern, verleumden; die Vorstellung vom Abschneiden der Ehre wirkt auf das Bild von der Schere wie auch die allgemeine schlechte charakterliche Einschätzung eines Scherenschleifers.
   Schon früh wurde die Tätigkeit böser Zungen in Redensarten festgehalten und verurteilt, z.B. von Johannes Pauli in ›Schimpf und Ernst‹ (13a): »Sie tragen wasser auff beyden achseln, und schleiffen scheren und wenden und reitten auff zweyen sätlen«. Auch Johann Fischart schreibt über die Weiber: »dann eh sie ein halb stund gelachten, und scheren schliffen eine stund, da jn nit gstehet hand noch mund« (›Flöhhatz-Weibertratz‹ 333, 1577). Ganz ähnliche Redensarten sind noch heute in Köln gebräuchlich, wenn es vom Kaffeeklatsch heißt: ›Et Schierche wor fließich em Jang‹, oder daß man dort ›et Schierche schliefe‹ kann.
   Die Wendung Sie sind mit einer Schere gestutzt hat die gleiche Bedeutung wie die Redensart ›Sie sind über einen Kamm geschoren‹, d.h. sie sind gleich zu beurteilen, einer ist nicht besser als der andere.
   Ist eine Schere besonders stumpf, macht sich der Arger darüber auch in Redensarten Luft: ›Die Schere schneid' wie e dooder Hund beißt‹ (obersächsisch) oder ›De Scher bitt mehr as se snitt‹ (holsteinisch).
   Will man in Köln jemanden in den April schicken, dann läßt man ihn ›de Jlasescher holle‹.
Etwas unter die Schere nehmen. Holzschnitt von Jost Ammann: Ständebuch, S. 60.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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