Schicksal
Schicksal spielen: eine Entwicklung so in die Wege leiten, daß sie seinen eigenen Vorstellungen entspricht. Jemanden seinem Schicksal überlassen: sich nicht mehr um ihn kümmern. Dem Schicksal in den Rachen greifen: eine Sache mutig und entschlossen angehen.
   In einem Brief an Franz Gerhard Wegeler (Wien am 16. Nov. 1801) schrieb Ludwig van Beethoven: »Nein, das könnte ich nicht ertragen. Ich will dem Schicksal in den Rachen greifen; ganz niederbeugen soll es mich gewiß nicht«. Ähnlich Franz Grillparzer in seinem Trauerspiel ›Die Ahnfrau‹ (1816): IV, 2378-2381:
   Willst du mit den Kinderhänden
   In des Schicksals Speichen greifen?
   Seines Donnerwagens Lauf
   Hält kein sterblich Wesen auf.
Am Schicksalsfaden spinnen: das Schicksal lenken. Diese Redensart geht zurück auf die Vorstellung, das Schicksal des Einzelnen werde von den Schicksalsgöttinnen, den Nornen, Parzen etc. bestimmt.
   Die Vorstellungen eines vorherbestimmten Schicksals basieren auf einem vor- und außerchristlichen Weltbild. Sie spielen in vielen Sagen eine Rolle, die sich in Aufbau und Motivbestand sehr ähnlich sind. Übernatürliche Wesen, die Schicksalsfrauen, sagen dem neugeborenen Kind voraus, durch welchen Umstand, auf welche Weise es seinen Tod finden wird. Es sind außergewöhnliche, bemerkenswerte Todesarten, Unglücksfälle und Katastrophen mannigfacher Art. Das sozusagen ›normale‹ Lebensende, der Tod durch Altersschwäche oder durch Krankheit, wäre kein Anlaß zur Sagenbildung. Was die Schicksalssagen als vorchristlich-heidnische Dokumente so interessant macht, ist die Tatsache, daß sich in ganz verschiedenen Kulturkreisen und Sprachfamilien mehr oder weniger dieselbe Vorstellung von schicksalsverkündenden Frauen findet. Sie heißen Hathoren im alten Ägypten, Moiren oder Miren bei den Griechen, Parzen bei den Römern, Völven oder Nornen im mittelalterlichen Nordgermanien, Scephen oder Schöpferlein in deutschen mittelalterlichen und neuzeitlichen Quellen, Fati oder Feen bei romanischen Völkern, Ursitori oder Ursitoiere bei Rumänen, Urmen bei Zigeunern, Sudice, Sudnici oder Roienice bei slawischen Völkern. Die Funktion dieser dämonischen Frauengestalten stimmt darin überein, daß sie dem neugeborenen Kind in einer der Nächte nach der Geburt sein Schicksal voraussagen. Ihren dramatischen Kern bekommen diese Sagen durch den Versuch des Menschen, sich dem vorherbestimmten schlimmen Schicksal zu entziehen, ähnlich wie noch im Märchen von ›Dornröschen‹ (Kinder und Hausmärchen der Brüder Grimm 50).
   ›Schicksal‹ als unpersönliche, unerbittliche Macht begegnet als dunkle Verkettung aller Lebensumstände oder als Zufall. Im Islam nennt man den unbegreiflich vorherbestimmten Willen Allahs.
• K. BETH. Artikel ›Schicksal‹, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens VII, Spalte 1045-1055; Artikel ›Schicksal‹, in: Religion in Geschichte und Gegenwart. V (3. Auflage 1961), Spalte 1404-1410; R.W. BREDNICH: Volkserzählungen und Volksglaube von den Schicksalsfrauen (Helsinki 1964) (Folklore Fellows Communication 193); H. RINGGREN (Hrsg.): Fatalistic Beliefs in Religion, Folklore and Literature (Stockholm 1967).}
Den Schicksalsfaden abschneiden. Emblematischer Kupferstich: ›Das unerbittliche Schicksal‹ – ›inexorabile fatum‹, aus: Emblemata Horatiana, Antwerpiae 1607, Page 211.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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