Schierlingsbecher
Jemandem den Schierlingsbecher reichen: jemanden zum Selbstmord zwingen. Im antiken Athen war es üblich, einem zum Tode Verurteilten ein Getränk zu reichen, dem das Gift des Schierlings beigemischt war. Wahrscheinlich wurde dieser Strafvollzug zu Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. in Athen von den dreißig Tyrannen eingeführt, die damit ihre politische Gegner zu beseitigen suchten. Platon schildert im ›Phaidon‹ den Gifttod des Philosophen Sokrates (399 v. Chr.). Aber auch andere berühmte Persönlichkeiten wurden so ums Leben gebracht; z.B. ließen der Tyrann Klearchos von Herakleia (411-353 v. Chr.) und Attalos III. Philometor, der in seinem Garten auch die giftige Schierlingspflanze zog, zahlreiche mißliebige Bürger heimlich durch Schierling töten. Der Athener Feldherr Phokion wurde 318 v. Chr. zum Tode durch Schierling verurteilt. Nero ließ 55 n. Chr. Britannicus durch eine Mischung von Opium und Schierling vergiften. Im Altertum bestand auf der Insel Kea in der Ägäis die Sitte, daß sich alte Menschen mit Hilfe des Schierlings das Leben nahmen.
   Das im Schierling enthaltene Alkaloid Coniin bewirkt von den Beinen her aufsteigende Lähmungen, verbunden mit Trockenheit im Hals, Erbrechen, Sinnestäuschungen, Zuckungen, Herzschwäche. Der Tod tritt durch Lähmung des Atemzentrums ein.
• H. MARZELL: Artikel ›Schierling‹, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens VII, Spalte 1057-1058; L. LEWIN: Die Gifte in der Weltgeschichte (Berlin 1920); A. GUARDINI: Der Tod des Sokrates (Bad Godesberg 4. Auflage 1952).}
Den Schierlingsbecher trinken. Sokrates nimmt den Schierlingsbecher. Aus: Alexander Demandt: ›Macht und Recht. Große Prozesse in der Geschichte‹, München 1991.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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