Schinken
Bei jemandem einen Schinken im Salze liegen haben: mit ihm noch eine Sache auszutragen haben, evtl. noch Strafe von ihm zu erwarten haben. Diese sprichwörtliche Redensart ist in den niederdeutschen Mundarten beliebt und gebräuchlich und läßt sich bis ins 16. Jahrhundert zurück nachweisen. So erzählt z.B. der Hildesheimer Chronist Oldecop, die Florentiner hätten die Venezianer vergebens darum gebeten, beim Kaiser Karl Fürbitte für sie einzulegen, denn die Venezianer »hadden sulvest einen Schinken im solte ligende«. Der Satz bei Petri (II, 705): »Wer einen Schincken im Salz hat, der muß schweigen, wenn ander Leut reden«, bedeutet etwa: wer sich einer Schuld bewußt ist oder wer eine Untersuchung oder Strafe zu fürchten hat, der soll sich ruhig und möglichst unauffällig verhalten. In der Altmark sagt man zu einem, mit dem man noch eine unangenehme Angelegenheit abzumachen hat: ›Du hast noch 'n Schink' bi mi in't Solt‹. Ähnlich sagt man von manchen Leuten, daß sie ›en fulen Schinken im Salte hebben‹, wenn mit ihnen ›etwas faul ist‹, wenn sie nicht ganz ›hasenrein‹ sind. Ist aber Der Schinken abgeklaubt oder Der Schinken verschnitten, so ist die unangenehme Sache vorbei und ins reine gebracht.
   Wer jedoch Fremden Schinken mit seinem Messer schneidet, lebt wie ein Schmarotzer auf Kosten anderer. Ebenso unangenehm ist es, mit einem Menschen Umgang zu haben, auf den das Sprichwort paßt: ›Wer seinen Schinken allein ißt, der mag auch sein Pferd allein satteln‹; das spanische Gegenstück dazu ist: ›Quien e solas come el gallo, a solas ensilla el caballo‹. Trifft einen zu Unrecht eine Strafe, so sagt man mitfühlend von ihm: ›Der eine hat den Schinken gestohlen, den andern schlägt man mit der Schwarte‹.
   Das Wort Schinken wird oftmals verächtlich für Schenkel oder Bein gebraucht (›Die hat aber Schinken‹). Die peiorative Bedeutung gilt aber noch nicht für die Worte Christi im ›Sterzinger Osterspiel‹ von 1526, wenn Christus zur Samariterin am Brunnen spricht:
   Weib gib mir her zu trinken,
   Ich bin so müed auf meinen schinken.
Will man in der Altmark ›enem de Schink'n besên‹, so möchte man ihn nur auf den Hinteren schlagen. Das kommt auch zum Gaudium aller Buben in dem Spiel vom Schinkenklopfen vor, in dem jeder der Anwesenden einem ausgewählten Opfer einen kräftigen Schlag auf das Hinterteil geben darf, wobei der Leidtragende an der ›Handschrift‹ den Urheber seiner Schmerzen erraten muß. Nicht so grob geht es bei den Kindern zu, die in einem beliebten Abzählvers ihre Spielpartner wählen:
   Ich schneide, schneide Schinken,
   Wen ich lieb hab', werd, ich winken.
   Ich schneide, schneide Speck,
   Wen ich lieb hab', hol' ich weg.
Sind die Kinder in Holstein zu unruhig am Tisch, dann werden sie gemahnt: ›Hôl dine Schinken lik‹, womit gemeint ist: ›Halte deine Beine gerade‹, wie auf der Inschrift an einem holsteinischen Grabe:
   O Herre Gott im Himmelrîk,
   Mak em doch sine Schinken lîk.
»Einen Schuncken nach einem Schwein werffen« schreibt schon Moscherosch und meint damit ›Mit der Wurst nach der Speckseite werfen‹.
   Als einen Alten Schinken aber bezeichnet man nicht nur verächtlich ein altes Buch (vgl. Schwarte), sondern auch ein kitschiges Kolossalgemälde. Vertritt einer auf dem Lande bei der Taufe für einen anderen die Patenstelle, so nennt man ihn Schinkenvater.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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