Schleier
Den Schleier nehmen: ins Kloster gehen, Nonne werden; vgl. französisch ›prendre le voile‹.
   Volkstümlich ist die Wendung nicht, sie lebt nur in gehobener Sprache; ist sie doch auch wahrscheinlich wesentlich jünger als die Sache, die sie bildlich bezeichnet. Von der höfischen Tracht her erhielt der Nonnenschleier (bis dahin nach lateinisch ›velum‹ mittelhochdeutsch ›wihel‹ genannt) um 1300 im Deutschordensland den Namen: »Den sloier si von im entpfie Und gelobete gote kusch me wesen« (›Passional‹ 659, 36 Köpke). Seit dem 15. Jahrhundert erscheint in Schlesien die Zusammensetzung ›nunnenslawer‹, ›-sloer‹, von dort her bedeutet die Wendung: Nonne werden.
   Es liegt ein Schleier über etwas sagen wir, wenn eine Sache nicht klar erscheint. Schiller benutzt das Bild im ›Verschleierten Bildnis zu Sais‹. Wir sprechen vom ›Lüften oder Heben des Schleiers‹, wenn wir die Wahrheit einer Sache herausfinden. Sehr hübsch spottet Bismarck über die, die es unter Umständen für gut halten, »sich in dumpfe Mutlosigkeit, in den Schleier der Schwermut zu hüllen« (›Reden‹ I, 245).
   Einen Schleier über etwas werfen: eine Sache nicht bekannt werden lassen. Niederländisch ›Laat ons daar mar een' sluijer over werpen‹; vgl. französisch ›jeter un voile sur quelque chose‹. Kurz vor 1910 entstand das Modewort Schleierhaft: unklar.
• G. JUNGBAUER: Artikel ›Schleier‹, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens VII, Spalte 1207-1215.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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