Schloß


Schloß
Einem ein Schloß vor den Mund legen (wollen): ihn zum Schweigen bringen. Die Redensart ist biblischer Herkunft. Sir 22, 23 heißt es: »Oh, daß ich könnte ein Schloß an meinen Mund legen, und ein fest Siegel auf mein Maul drücken«, und Sir 28, 28: »Warum machest du nicht vielmehr deinem Munde Tür und Riegel?«
   Ebenso wird bei Mi 7, 5 der Mund als Tür gedacht.
   Walther von der Vogelweide lehrt die Knappen (87, 9f.):
   Hüetet iuwer zungen,
   daz zimt wol den jungen,
   stôz den rigel vür die tür
   lâ kein boese wort darfür.
Schloß vor den Mund! ist daher die kurze Aufforderung zur Verschwiegenheit. In Mozarts ›Zauberflöte‹ wird danach gehandelt und dem lustigen Schwätzer Papageno ein wirkliches Schloß vor den Mund gelegt. Ein Grabfund deutet auf die Verwendung des Mundschlosses im historischen Strafvollzug.
   Die Redensart Man hat ihm ein silbern (gülden) Schloß vors Maul gelegt bedeutet: man hat ihn bestochen, damit er schweigt.
   Ein Schloß vor dem Mund haben: sehr schweigsam sein. Vgl. französisch ›II a la langue liée‹. Dagegen bedeutet die Redensart Er hat kein Schloß vor seinem Munde: er kann nichts für sich behalten, oder: er spricht offen seine Meinung aus, ähnlich wie in der Redensart ›Kein Blatt vor dem Munde haben‹. Vgl. niederländisch ›Hij heeft geen slot in den mond‹. Es ist ein Schloß an einem zerstörten Hause wird gesagt, wenn sich jemand unnötige Sorgen um Dinge macht, die wertlos sind.
   Etwas unter sieben Schlössern haben: gut verwahrt, sehr sicher. Dagegen heißt es resignierend: Und wenn ich's unter sieben(hundert) Schlössern hätte, es würde mir doch entrissen werden. Vgl. niederländisch ›Al zou ik het ook achter zeven sloten heenhalen‹. Hinter Schloß und Riegel sitzen: im Gefängnis sein; vgl. französisch ›être sous les verrous‹.
   Häufig verwendete, stabreimende Zwillingsformeln sind: ›Schloß und Schlüssel‹, ›Schloß und Schrein‹, ›Schloß und Stadt‹.
   Das Schloß als Bauwerk meinen die Redensarten: Ein Schloß auf einen bauen können: großes Vertrauen auf ihn setzen. Heute ist dafür gebräuchlicher: ›Häuser auf einen bauen‹. Die Warnung Man darf keine Schlösser auf ihn bauen bezieht sich auf einen Unzuverlässigen oder einen Betrüger. Ein Schloß auf Eis bauen: auf unsicherem Grunde. Vgl. niederländisch ›kasteelen op het ijs bauwen‹.
   Schlösser in die Luft bauen (Luftschlösser bauen): unausführbare Dinge erhoffen und ausführen wollen. Vgl. dänisch ›At bygge slotte i luften‹ und niederländisch ›Kasteelen in de lucht bouwen‹. Die Wendung ›Spanische Schlösser bauen‹ hat die gleiche Bedeutung; vgl. französisch ›bâtir des châteaux en Espagne‹.
   Etwas, das nur in der Einbildung besteht, bezeichnen wir nach P. Linckes Operette ›Frau Luna‹ als Schloß im Mond. In der Schlußszene empfiehlt Frau Luna der Braut Maria: »Gib acht auf deinen Schatz, daß er nicht wieder Schlösser im Monde baut«, und die bekannte Schlußarie beginnt: »Schlösser, die im Monde liegen«.
• H. FREUDENTHAL: Artikel ›Schloß‹, in Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens VII, Spalte 1215-1223.}
Ein Schloß vor dem Mund haben. Holzschnitt, Detail von Fliegendem Blatt, gedruckt durch Hans Guldenmund, 1547. Aus: Georg Pencz, Geisberg XII. 969.
Mundschloß (Grabfund). Grabfund, Museum in Martin. Fotoarchiv, Slovenského národného múzea Martine, Nr. 62811/1.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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