Schnabel
Reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist: unumwunden reden. Mit deutlicher Beziehung auf den Vogelschnabel war statt ›reden‹ ursprünglich ›singen‹ gebräuchlich, so bereits in der Reimvorrede zum ›Sachsenspiegel‹ im frühen 13. Jahrhundert:
   Ja ist uns von den argen kunt
   Ein wort gesprochen lange:
   Der vogel singet als ime der munt
   Gewaczen steit tzu sange.
Die Zeile ›ein wort gesprochen lange‹ zeigt, daß die Redensart auf ein seit langem bekanntes Sprichwort gleichen Inhalts zurückgeht. Zwar löst sich mit der Zeit das Sprichwort in die Redensart auf: »bey dem gesang kennet man den fogel, denn er singet, wie yhm seyn schnabel gewachsen ist« (Luther X, 1, 188), aber noch zur Zeit des Hans Sachs (15. Fastnachtspiel) behauptet das Sprichwort neben der Redensart seinen Platz:
   Auch ist vns noch ein sprichwort sagen,
   Ein ider fogel sing all frist,
   Wie im sein schnabel gwachsen ist,
und später noch äußert sich in Rollenhagens ›Froschmeuseler‹ der Storch mit den nämlichen Worten:
   ... Ich kan von singen nicht sagen,
   Muß über meinen schnabel klagen;
   Der Vogel singt zu aller frist
   Wie ihm der Schnabel gewachsen ist.
   (2. Buch, 2. Teil, Kapitel 6)
Etwa im 17. Jahrhundert kommt jedoch das Sprichwort außer Gebrauch, das Wort ›singen‹ wird durch ›reden‹ ersetzt. So bedient sich Goethe in ›Wilhelm Meisters Lehrjahren‹ (4. Buch, 19. Kap.) dieser Redensart: ».. anstatt daß man bei anderen Gesellschaften schon anfing, nur diejenige Prosa vorzutragen, wozu einem jeden der Schnabel gewachsen war«.
   Den Schnabel nicht aufmachen: nichts sagen. Mund.
   Als Aufforderung zum Zuhören sagt der Frankfurter: ›Schnawwel zu un Leffel (Ohren) uff!‹
   Jemandem nach dem Schnabel reden Mund. Im hess.und pfälz. Raum heißt es: ›Eem noch em Schnawwel redde‹: so reden, wie es der andere hört.
   Die Redensart Den Schnabel wetzen ist schillernd in ihrer Bedeutung und wird meist nur in ihrem Kontext verständlich. Abraham a Sancta Clara verwendet sie für jemanden, der zotige Reden führt, und vergleicht einen solchen Menschen mit dem Wiedehopf, von dem man sagt, daß er sein eigenes Netz beschmutze: »unzüchtige zotten ... lernen, und nicht viel anders als ein widhopff den schnabel jmmerzu im koth und unflath wetzen« (›Erzschelm‹ I, 1687, S. 162). Die Redensart kann auch ausdrücken: sich abwertend oder tadelnd über etwas äußern: »ach wertheste schöne, sie vergebe meinem kiel, dasz er die feuchtigkeit seines schnabels an ihrem ruhm wetzen will« (Weise, Erznarren, Neudruck 1878, S. 57).

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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