Berg
Berge versetzen (wollen) ist ein biblisches Gleichnis für eine äußerste Wundertat; schon Hiob 9,5, im N.T. häufig verwendet im Sinne von: das Unmögliche möglich machen, z.B. Mt 17,20 (»Denn wahrlich, ich sage euch: So ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so mögt ihr sagen zu diesem Berge: Hebe dich von hinnen dorthin!, so wird er sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein«; vgl. auch Mt 21.21; Mk 11,23; 1 Kor 13,2).
   Die Wendung ist im Deutschen erst durch Luthers Bibelübersetzung heimisch geworden. In der ›Zimmerischen Chronik‹ (IV, 329,8) sagt ein Liebender, der vergebens um Erhörung fleht: »wenn ich trüeg ain großen berk in ain tiefes thal, es hülf mich nit«. Wer sich wirklich vermißt, Berge versetzen zu wollen, d.h., Übermenschliches vollbringen zu wollen, ist ein Prahler, ein Großsprecher. Die beiden italienischen Renaissancedichter Bojardo und Ariost erzählen in ihren Roland-Dichtungen von einem prahlerischen riesenhaften Mohrenhelden, namens Rodomonte, d.i. ›Bergfortwälzer‹, daher: ›Rodomontade‹ = Aufschneiderei.
   Goldene Berge versprechen: unglaublich große und darum voraussichtlich nichtige Versprechungen machen; falsche Hoffnungen erwecken; vgl. französisch ›promettre des montagnes d'or‹ (ungebräuchlich geworden); ›promettre monts et merveilles‹ (wörtlich: Berge und Wunder versprechen); englisch ›to promise a person whole mountains of gold‹; niederländisch ›iemand goüden bergen geloven‹.
   Die Redensart ist bereits der Antike geläufig; bei Terenz (›Phormio‹ I. 2,18) steht: »montes auri polliceri«; vgl. Aristophanes (›Acharnes‹ 82), wo es vom Perserkönig heißt, er sitze »auf goldenen Bergen«. Bei Persius (3,65) heißt es nur: »magnos montes (große Berge) promittere«. Die Kirchenväter brauchten das Bild ebenfalls (Hieronymus: »Cum montes aureos pollicitus fueris«), und durch die geistliche Tradition ging es dann ins Mittelalter über.
   In Mythologie und Sage herrscht vielfach die Vorstellung, im Mittelpunkt der Erde stehe ein hoher Berg aus Gold, auf dem die Gottheit wohnt und sich auch das Paradies befindet (Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens I, 1049). Vgl. den goldenen Berg im Märchen, auf dem das Lebenskraut wächst (Kinder-und Hausmärchen der Brüder Grimm 92: ›Der König vom goldenen Berge‹).
   Über alle Berge sein: weit fort sein, nicht mehr eingeholt werden können. Die Redensart findet sich zuerst bei Luther; »denn sie fürchteten sich, und weren lieber über alle Berge gewesen«. Auch im ›Alamodischen Politicus‹ (1671): »Obwohl das Fräulein ihm etliche Däncke in wärenden Ritterspielen zuerkannt hatte, so blieb doch alles Übrige in weiten Bergen«. Verhüllend wird dieselbe Redensart ›Dee is oewer alle Barge‹ mecklenburgisch auch von den aus dem Leben Geschiedenen gebraucht; der durch den Tod Erlöste ›is ok oewern Barg‹ ( zeitlich). Im Allgäu sagt man von einem Abwesenden: ›Er ist über Berg und Bühel‹. Vgl. englisch: ›over the hills and far away‹, das in England zuerst von Gay in ›The beggars' opera‹ verwendet wurde und auf einen Vers von J. Swift zurückgeht (1728):
   Round the rocks and clifts to stray
   O're the hills and far away.
(Noch nicht) über dem Berg sein: das Schlimmste, die Krise (noch nicht) überwunden haben; besonders auch von Kranken gesagt. Ursprünglich ist dabei an eine mühsame Wanderung über eine Bergeshöhe gedacht. Vgl. französisch ›n'avoir pas encore dépassé le cap‹ (wörtlich: das Vorgebirge noch nicht umschifft haben).
   In manchen Seminaren feierten die Schüler früher das ›Bergfest‹, wenn sie die Hälfte der Zeit hinter sich gebracht hatten; nach dem Fest ging es dann bergab, d.h. dem Examen und der Entlassung zu, vgl. englisch ›fall-semester‹ = Wintersemester.
   Es geht mit ihm bergab: seine Kraft, sein Ansehen usw. nehmen ab.
   Hinter dem Berg(e) halten: etwas Schwerwiegendes verheimlichen; schon von Luther bildlich gebraucht von einem, der seine Meinungen und Urteile nicht ausspricht, der nicht redet, wie er denkt, und überhaupt nicht offen zu Werk geht.
   Trübner und Borchardt-Wustmann erklärten die Redensart aus der militärischen Fachsprache: Das Geschütz mitsamt den Mannschaften ließ man hinter dem Berg in Deckung halten, um sie erst im günstigsten Augenblick hervorbrechen zu lassen. In dieser Funktion wird die Wendung seit dem Dreißigjährigen Krieg gebraucht.
   O.B. Schlutter hat indessen auf eine andere Deutungsmöglichkeit aufmerksam gemacht; er glaubt, daß die Redensart ursprünglich gelautet habe: ›hinter der Berge (d.h. hinter dem Verbergenden) halten‹, und erinnert an die Gewohnheit der Frauen, »die schwerlich je etwas über die Gasse tragen, ohne die bergende Hülle ihrer Schürze darüber zu decken«. Sie halten tatsächlich den getragenen Gegenstand ›Hinter dem Berge‹ (mittelhochdeutsch berc, masculinum und neutrum = Umschließung, Verbergung). Dieser Erklärung hat sich neuerdings auch K. Spalding angeschlossen. Schleswig-holsteinisch heißt ›Se hebbt wat achter'n Barg‹, sie haben etwas gespart.
   Mit seiner Meinung nicht hinterm Berg halten: offen über etwas sprechen.
   Sich hinterm Berg halten: in Sicherheit (Deckung) bleiben.
   Hinter dem Berge (den Bergen) wohnen auch Leute: es gibt auch Dinge, die du nicht kennst. Schon in Sprichwort-Sammlungen des 16. Jahrhunderts verzeichnet, z.B. bei Luther, LV 59 Nr.51: ›Ihenest des berges sind auch leute‹. Bei Grimmelshausen kritisch gegen die Überheblichkeit des Bildungsbürgertums verwendet.
   Der Kreißende Berg gebiert nur eine Maus. Auch: Der Berg kreißt und bringt ein Mäuslein hervor, oder: Der Berg hat ein Mäuslein geboren: es wurde von einer Sache viel Aufhebens gemacht, aber schließlich ist wenig oder nichts dabei herausgekommen. Vgl. auch niederländisch ›De berg heeft een muis gebaard‹; französisch ›La montagne a enfanté une souris‹; englisch ›The mountain has brought forth a mouse‹.
   Die Vorstellung vom kreißenden Berg geht wahrscheinlich auf Mythen zurück, in denen der Berg als Sitz der Götter galt. Diese wurden oftmals mit dem Berg identifiziert. In einem syrischen Mythos ist die Personifizierung bereits so weit entwickelt, daß man erzählen konnte, der Berg Pishaisha habe die Göttin Ischtar vergewaltigt. Anthropogonische Mythen erzählen von Bergen, die die Menschheit hervorgebracht hätten. Bei Äsop wird die Berggeburt jedoch bereits parodiert: »Mancher reißt den Mund gewaltig auf, doch seine Leistungen sind ganz unscheinbar; so gebiert der gewaltig stöhnende, kreißende Berg nur eine Maus«.
   Schon Phädrus gebrauchte die Wendung in einer Fabel (4, 22), dann auch Horaz: »parturiunt montes, nascetur ridiculus mus« (Ars Poetica, V.1 39). Bei Luther heißt es: »Die Berge gehen schwanger, und wird eine Maus draus«; er meint damit ungeheure Anstrengungen, denen der Erfolg nicht entspricht.
   Auch in Hartmann von Aues ›Erec‹ taucht die Geschichte auf, dann in einem Volkslied von 1632, ferner bei Rollenhagen im ›Froschmeuseler‹ (1595) II 2, 14, 59-172, wie auch in Fabeln von La Fontaine (›La montagne qui accouche ...‹) und Gleim (›Der gebärende Berg‹). Bei einem anonymen Autor des 12. Jahrhunderts ist die Geschichte erzählt unter dem Titel ›De monte parturiente‹. Darin ist die Rede von einer Schwangerschaft der Erde und nicht des Berges, wie auch bei Rollenhagen 64-73.
   Ulrich Boner macht im ›Edelstein‹ (ca. 1330) eine Geschichte daraus, deren Schluß lautet: ›dâz hat ein mûs getan‹. Harder nimmt an, daß die Anschwellung der Erde infolge der Wühlarbeit eines Maulwurfs den ersten Anstoß zur Vorstellung einer Schwangerschaft gegeben hat und daß es erst später zur Vorstellung vom schwangeren Berg gekommen ist, wobei an die Stelle des Maulwurfs ein noch kleineres Tier – die Maus – gesetzt wurde. Wahrscheinlich handelt es sich jedoch nur um eine andere Version, die den neuzeitlichen Vorstellungen eher entsprach.
   Den hölzernen Berg hinaufsteigen, mundartlich in Moers ›den höltern Berg herop gohn‹: westdeutsches Scherzwort für zu Bett gehen.
   Jemandem stehen die Haare zu Berge Haar. Dastehn wie der Ochs am Berge Ochse.
   ›Berg und Tal kommen nicht zusammen‹ eine beliebte Formel zur Darstellung von Gegensätzen, wie sie auch im Volkslied formelhaft ausgedrückt werden, z.B.
   Zwischen Berg und tiefem Tal ...
oder:
   Ich stund auf hohen bergen,
   schaut in das tiefe tal ...
Bei Grimmelshausen (Simplicissimus IV. 15) ist nur dieser Teil als Fragment zitiert. Da es für die Menschen jedoch keine unüberwindlichen Gegensätze gibt, lautet die gebräuchlichere Version wie sie unter anderem auch im Märchen ›Die beiden Wanderer‹ (Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm 107) vorkommt: ›Berg und Tal kommen nicht zusammen, aber die Menschen wohl‹. Vgl. französisch: ›Il n'y a que les montagnes qui ne se rencontrent pas‹ oder: ›Deux montagnes se rencontrent jamais, mais les hommes se rencontrent‹. Englisch: ›Mountains cannot meet, but men can‹.
   ›Wenn der Berg nicht zum Propheten kommen will, muß der Prophet zum Berge gehen‹, wird gebraucht im Sinne von: ›Da wir nicht tun können, wie (was) wir möchten, müssen wir tun, wie (was) wir können‹. Das Sprichwort soll von Mohammed, dem Stifter des Islam (570-632), stammen. Büchmann nennt als Quelle die 1631 n. Chr. abgefaßte Rezension der Anekdoten des arabischen Hodscha Nasreddin. Danach antwortete Dschocha auf die Bitte, zum Beweis seiner Heiligkeit ein Wunder zu vollbringen, er werde einem Baum befehlen, zu ihm zu kommen; dieser werde ihm gehorchen. Das Wunder mißlang, und Dschocha ging fort mit den Worten: »Die Propheten und die Heiligen sind nicht hochmütig und verblendet. Kommt der Palmbaum nicht zu mir, so gehe ich zu ihm«. Daß in den europäischen Fassungen der Legende für den Baum der Berg gesetzt wurde, geht wahrscheinlich auf das christliche Wort vom Glauben zurück, der Berge versetzt (1 Kor 13,2).
   In einigen Versionen des Sprichworts steht Mohammed an der Stelle des Propheten, z.B. englisch: ›If the mountain will not go to Mahomet, let Mahomet go to the mountain‹. In anderen wird die Rolle des Propheten auf alle Menschen übertragen, so französisch: ›Si la montagne ne vient pas à nous, il faut aller à elle‹.
   Auf einem Berg von Schulden sitzen, Von einem Schuldenberg erdrückt werden ( Schuld): auf einer Ansammlung oder Anhäufung von Verbindlichkeiten (oder Gütern) sitzen, die abgetragen oder verkauft werden müßten (z.B. auch ›Butterberg‹), durch Fehlentwicklung jedoch zu einem unüberwindlich hohen Berg anwachsen, auf dem man (wie auf einer unverkäuflichen Ware) sitzen bleibt oder von ihm erdrückt wird.
• E. SOLLY: ›Over the Hills and Far away‹, in: Notes & Queries 5.6. (1876), S. 128; E. MARSHALL: ›If the mountain will not go to Mahomet ...‹, in: Notes & Queries, 7.1. (1886), S. 58; O.B. SCHLUTTER: Glossographische Beiträge zur deutschen Wortgeschichte, in: Zeitschrift für deutsche Wortforschung, 14 (1912/13), S. 140 f.; F. Seiler: Lehnsprichwort, S. 150; F. HARDER: ›Parturient montes, nascetur ridiculus mûs‹, in: Zeitschrift für Volkskunde 35/36 (1925/26), S. 278-280; L. WEISER: Artikel ›Berg‹, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens I, Spalte 1043-1056; SPALDING I, S. 259; BACHMANN; W. DANCKERT: Symbol, Metapher, Allegorie im Lied der Völker, I (Bonn Bad Godesberg 1976), S. 369-389; D. WARD: Artikel ›Berg‹, in: Enzyklopädie des Märchens II, Spalte 140-141.
Der Berg hat ein Mäuslein geboren. Illustration von Gustave Doré zu: Jean de la Fontaine: ›Les Fables‹, Paris 1868: Buch 5, Fabel 10: ›Der kreißende Berg‹, aus: G. Doré, Bd. 1, S. 443.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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