Schneider
Frieren wie ein Schneider: sehr leicht frösteln, kälteempfindlich sein. Den Schneider hielt man früher wegen seines angeblich geringen Körpergewichts, seiner Schmächtigkeit, Schwäche und Kränklichkeit und vor allem wegen seiner Stubenhockerei ohne körperliche Ausarbeitung für weibisch, verzärtelt, überempfindlich und nicht genügend abgehärtet.
   Essen wie ein Schneider: sehr wenig zu sich nehmen. Die Schwächlichkeit der Schneider führte man auf mangelnde Nahrung zurück. Vor allem wenn die Schneider zu den Bauern auf Stör gingen und bei ihnen im Hause arbeiteten, fiel auf, daß sie sehr wenig vertragen konnten im Gegensatz zu dem kräftigen Appetit der Landarbeiter. Vgl. Schneiderspottlieder, z.B. Erk-Böhme: Deutscher Liederhort Nr. 1634/35: ›Schneider Jahrstag‹.
   Laufen wie ein Schneider: sehr schnell laufen, nicht vom eigenen Körpergewicht gehemmt werden.
   Sich wie ein Schneider am Ostertag tummeln: sogar an den Sonn- und Feiertagen arbeiten. Dies geschah bei den Schneidern häufig, wenn sie termingerecht etwas fertigstellen mußten.
   Herein, wenn's (was) kein Schneider ist! ruft man scherzhaft, wenn jemand anklopft und man nicht weiß, wer hereinkommen wird. Vermutlich hat der seine Forderungen eintreibende Schneider den Anlaß zu dieser Redensart gegeben, eigentlich eine Parodie der Wendung Herein, wenn's ein Schneider ist!, die in der Schneiderzunft eine wichtige Rolle spielte. Die Sitzungen der Schneidergesellen fanden bei offener Zunftlade statt. Es war also eine streng geschlossene Gesellschaft, zu der niemand sonst Zutritt hatte. Forderte jemand Einlaß, dann hieß es: ›Herein, wenn's ein Schneider ist!‹ (Wissell II, S. 110).
   Der Schneider hatte immer Schwierigkeiten, seine Rechnungen zu kassieren, er wurde oft abgewiesen und noch dazu verspottet. Darauf weisen verschiedene Redensarten: Beim Schneider hängenbleiben: seine Kleiderrechnung nicht bezahlen, Schulden haben; Dastehen wie ein geleimter (nicht bezahlter) Schneider und Einen Schneidergang (-ritt) tun: unverrichteterdinge zurückkehren, einen vergeblichen Gang tun, um Geld zu erlangen, seine Schulden einzutreiben. Sprichwörtlich wurde daher auch die Armut der Schneider: Den Schneider im Hause haben: Mangel leiden, sich mit eigenen Sorgen quälen müssen. Auffällig war auch die lange, ungeregelte Arbeitszeit der Schneider, die oft bis tief in die Nacht nähen mußten. Daher sagt man redensartlich übertragen Den Schneider auf den Augen haben oder Der Schneider kommt (kriecht) jemandem in die Augen: er wird schläfrig, die Augen fallen ihm zu.
   Dem Schneider werden nur üble Eigenschaften nachgesagt, vor allem gilt er als diebisch und lügnerisch. So sagt man z.B. Dem Schneider ist viel unter den Tisch gefallen: er hat von dem Stoff, den er verarbeiten sollte, viel für sich behalten und für seine Kinder. Tatsächlich hatte der Schneider unter seinem Tisch eine Kiste für Stoffreste, das ›Auge‹ oder die ›Hölle‹ genannt, in das er auch manches noch brauchbare Stück fallen ließ. Man glaubte, daß aus diesem Grunde kaum ein Schneider in den Himmel käme. Deshalb heißt es, wenn etwas Seltenes geschieht, wenn bei Regen die Sonne scheint oder eine Stockung im Gespräch eintritt: Nun kommt ein Schneider in den Himmel.
   Dem Schneider wurden auch Faulheit und Nachlässigkeit nachgesagt, Pfuscher.
   Wenn die Nähte nicht halten, heißt es: Der Schneider hat mit der heißen Nadel genäht, paßt das Kleidungsstück nicht oder ist eine Sache ihrer ganzen Anlage nach verdorben, sagt man: Der Schneider hat die Hosen verschnitten (das Maß verloren). Auf den Pfuscher weisen die Wendungen ›Meister, ich bin fertig, darf ich trennen (flicken)?‹ und Er ist einem Schneider durch die Werkstatt gelaufen: er besitzt wenig Kenntnisse und Fertigkeiten in seinem Beruf.
   Die Wendung Den Schneider auskaufen (ausklopfen, oberoesterreichisch ›herauszwicken‹) bezieht sich auf den Brauch, jemandem, der ein neues Kleidungsstück zum erstenmal trägt, im Scherz zu schlagen oder zu kneifen.
   Als verächtliches Schimpfwort gilt die einfache Feststellung Er ist ein Schneider, auch: Ein hinkender (windiger) Schneider, denn sie bezeichnet den Schwächling und den Furchtsamen, den sogar ganz geringe Gegner, wie Läuse, Mücken, Spinnen oder Schnecken, in die Flucht schlagen können. Daher erscheint eben das Märchen vom ›Tapferen Schneiderlein‹ (Kinder und Hausmärchen der Brüder Grimm 20) als bemerkenswerte Ausnahme von der Regel. Eine besonders deutsche Ausprägung des Handwerkerspottes ist der um 1400 in Süddeutschland entstandene ›Schneider-Geiß-Spott‹. Der 1. Hinweis darauf findet sich 1408 in einem Straßburger Ratsprotokoll, in dem ein Schneider-Spottlied verboten wird. Ursprünglich handelt es sich um eine sexuelle und obszöne Anspielung auf den Schneider als ›Geißbuhler‹. Aus Oberschwaben ist belegt:
   Der Schneider und die Geiß,
   die machten eine Reis.
   Der Schneider wollte reiten,
   die Geiß, die wollt's nicht leiden,
   die Geiß nimmt einen Seitensprung
   und wirft den Schneider im Kuhdreck rum Erst im 16. Jahrhundert wurde ›Schneiderbock‹ der verallgemeinerte Spottname. Der Ritt des Schneiders auf dem Bock und der Kampf zwischen Schneider und Bock wurden nun Themen der bildlichen und literarischen Darstellungen. Vor allem in Spottversen und Liedern spielten sie bis zum 17. Jahrhundert eine große Rolle und sind bis heute im allgemeinen Bewußtsein geblieben im Unterschied zu anderen Berufsschelten. Vgl. Erk-Böhme: Deutscher Liederhort Nr. 1631/32: ›Es wollt ein Schneider wandern wohl auf sein Schneidergeiß‹, und EB. Nr. 1636: ›Es hatten sich 77 Schneider verschworn‹. Man denke auch an redensartliche Scherzworte wie »Schneider, Schneider, meck, meck, meck!« (Wilh. Busch).
   Das Wort Schneider tritt andererseits euphemistisch für Teufel ein, vor allem im Fluch: Hol dich der Schneider!
   Aus dem Schneider (heraus) sein: über dreißig Jahre alt sein (vgl. ›Tief in den 29 stecken‹, ›Dreimal genullt haben‹), nicht mehr ganz jung sein, besonders von alten Jungfern gesagt. Weiterhin bedeutet diese Redensart: aus den schlimmsten Geldverlegenheiten und Schulden heraussein, und schülersprachlich: in den Stimmbruch kommen. Der Ausdruck stammt vom Kartenspiel, wo Schneider werden weniger als dreißig Augen bekommen hieß. Wer aus dem Schneider ist, hat demnach mehr als dreißig Augen, d.h. mehr als die Hälfte der unbedingt zum Gewinn nötigen. Auch in einem alten studententischen Bierspiel (›Lustig, meine Sieben‹) spielte die Wendung eine ähnliche Rolle: wer unter dreißig blieb, mußte das doppelte Quantum trinken, und auf seinem Platz wurde unter lautem Gesang eine Schere gemalt.
   Die Wendung Schneider sein bedeutet allgemein leer ausgehen, keinen Jagderfolg haben, aber auch: am Tag nichts verkauft haben. Literarischen Ursprungs ist der in der Anrede gebräuchliche Ausdruck Gevatter Schneider und Handschuhmacher. Bei Schiller heißt es in ›Wallensteins Lager‹: »Sind Tieffenbacher, Gevatter Schneider und Handschuhmacher«.
   Den Schneider haben ist umgangssprachlich eine verhüllende Umschreibung für die Menstruation.
• E.K. BLÜMML und F.S. KRAUSS: Der Schneider im Vierzeiler Ausseer und Ischler Schnaderhüpfel (Leipzig 1906); H. KLENZ: Schelten- Wörterbuch (Straßburg 1910); A. KELLER: Die Handwerker im Volkshumor (Leipzig 1912); H. GUMBEL: Alte Handwerksschwänke (Jena 1928); R. WISSELL: Des alten Handwerks Recht und Gewohnheit, 2 Bde. (Berlin 1929); B. SALDITT: Der Schneider und die Geiß im Volksmunde bis zum 17. Jahrhundert, in: Hessisches Blatt für Volkskunde 30 (1932), S. 88-105; H. HEPDING: Zum Schneider-Spott, in: Hessische Blät-
ter für Volkskunde 39 (1941), S. 67; H. ROSENFELD: Die-Entwicklung der Ständesatire im Mittelalter, in: Zeitschrift für d. Ph. 71 (1951/52), S. 196-207; M. RUMPF: Deutsches Handwerkerleben und der Aufstieg der Stadt (Stuttgart 1955); W. DANCKERT: Unehrliche Leute. Die verfemten Berufe (Bern – München 1963); M. EIDEL: Schneiderlieder, in: Handbuch d. Volksliedes I, in: Motive, Freiburger folkloristische Forschungen, Bd. I (München 1973); L. RÖHRICH und G. MEINEL: Redensarten aus dem Bereich von Handwerk und Gewerbe, in: Alemannisches Jahrbuch (Bühl/Baden 1973); G. GROBER-GLÜCK: Motive und Motivationen in Redensarten und Meinungen. Textband. (Marburg 1974), S. 357-369 (= § 195-§ 200); E. MOSER-RATH: Lustige Gesellschaft (Stuttgart 1984), S. 204-210.
Schneidergewicht – Essen wie ein Schneider. Deutsche Bilderbogen aus Stuttgart: ›Allerlei Lieder und Reime‹, mit Zeichnungen von Vinc. St. Lerche (Detail), aus: S. und K., S. 108.
Schneider-Geiß-Spott (›Geißbuhler‹ – ›Schneiderbock‹ – ›Schneider, Schneider, meck, meck, meck‹). Bauernmajolika ca. 1790, Oberösterreichisches Landesmuseum Linz.
Schneider-Geiß-Spott (›Geißbuhler‹ – ›Schneiderbock‹ – ›Schneider, Schneider, meck, meck, meck‹). Spottbild: Der Schneider auf der Geiss.
   Bemalte Kaffeekanne aus Heimberg, Kt. Bern, Glasierte Irdenware, 1817, Schweizerisches Landesmuseum Zürich.
Schneider-Geiß-Spott (›Geißbuhler‹ – ›Schneiderbock‹ – ›Schneider, Schneider, meck, meck, meck‹). Die Abstammung des Schneiders von der Geiß. Slowenisches Bienenstockbrettchen, 2. Hälfte 18. Jahrhundert, Slovenski etnografski muzej, Ljubljana, Nr. 4469.
Schneider-Geiß-Spott (›Geißbuhler‹ – ›Schneiderbock‹ – ›Schneider, Schneider, meck, meck, meck‹). Flugblatt, Moldorff, um 1700, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Sign. K. 1296, 24467.
Schneider-Geiß-Spott (›Geißbuhler‹ – ›Schneiderbock‹ – ›Schneider, Schneider, meck, meck, meck‹). Kupferstich von Jost Ammann 1588: Rangstreit zwischen Schneider und Kürschner, Dresden, Kupferstichkabinett A 123.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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