Schuß
Einem vor den Schuß kommen: jemandem unversehens in den Weg laufen, der nur auf diese günstige Gelegenheit gewartet hat, um einmal mit ihm abrechnen zu können. Ursprünglich bezieht sich die Wendung nur auf den Jäger, der sein Wild belauert, um es dann sicher erlegen zu können. In übertragener Bedeutung braucht Schiller die Redensart auch literarisch. So ruft der Musikus Miller in ›Kabale und Liebe‹ (II, 4) in seinem Zorn auf den Sekretär Wurm aus: »Aber soll mir der Tintenkleckser einmal in den Schuß laufen!«
   Ähnlichen Sinn hat die Redensart In die Schußlinie geraten: ins Feuer, ins Gefecht geraten, in die Gefahr hineinlaufen, in übertragener Bedeutung: sich heftiger Kritik aussetzen. So verwendet Bismarck diesen Ausdruck in seinen Reden (6, 38): »Der Herr Redner hat sich über Nacht künstlich in die Schußlinie gewisser von ihm mir zugeschriebenen Vorwürfe gestellt«. Vergleiche auch französisch ›passer dans la ligne de mire de quelqu'un‹.
   Im Obersächsischen meint man mit der Aufforderung: ›Geh mir aus der Schußlinie!‹ steh mir nicht im Wege herum, störe mich nicht beim Arbeiten, hindere mich nicht bei meinem eiligen Hinundherlaufen!
   Weit vom Schuß sein (sitzen, stehen): außer Reichweite, außer Gefahr sein, auch: sich durch seine Abwesenheit geschickt der Kritik entziehen, weit entfernt von der Stelle sein, wo man gerade dringend gebraucht wird. Vergleiche lateinisch ›Extra telorum jactum sedere‹. Ähnlich: Über den Schuß sein: an einer sicheren Stelle sein, wohin der Schuß nicht reicht. Vergleiche niederländisch ›buiten schot blijven‹; englisch ›to be out of gun-shot‹; französisch ›rester hors d'atteinte‹.
   Zu weit vom Schuß sein: zu weit weg sein und deshalb die brennenden Probleme nicht gut genug kennen, um etwas richtig beurteilen zu können, eigentlich: weit vom Gefecht, weit hinter der Front sein.
   Nicht zum Schuß kommen: keine Gelegenheit haben, sein Vorhaben durchzuführen, den günstigen Augenblick verpassen, gehindert werden, auch: keine Möglichkeit haben, eine fotografische Aufnahme (einen Schnappschuß) zu machen.
   Zum Schuß kommen: zu seinem Ziel gelangen. Die Wendung wird auch als verhüllende Umschreibung für die sexuelle Befriedigung des Mannes gebraucht. Daher auch: Gut in Schuß sein: potent sein. Seinen Schuß gut anbringen: die erwünschte Wirkung erzielen, seine Mittel gut und zweckentsprechend einsetzen, seinen Vorteil zu nutzen wissen. Vergleiche französisch ›assener bien son coup‹.
   Den ersten Schuß haben wollen: einen Vorsprung und damit die größere Chance haben wollen. Die Redensart bezieht sich auf das Duell mit Pistolen, wobei der erste Schütze im Vorteil war, weil er die Möglichkeit besaß, gleich beim erstenmal seinen Gegner zu verwunden oder zu töten und damit für sich ungefährlich zu machen. Die Bedingungen beim Duell waren verschieden und wurden vorher genau ausgehandelt und festgelegt: entweder hatte der Beleidigte den ersten Schuß, oder es wurde darum gelost, manchmal schossen die Gegner auch gleichzeitig.
   Nicht auf den ersten Schuß fallen: standhaft sein, sich nicht vorschnell ergeben, solange noch etwas Hoffnung bleibt. Diese Wendung bezieht sich ursprünglich wohl auf die Belagerung einer Festung oder Stadt, die standhaften Widerstand leistet. Vergleiche niederländisch ›Hij valt niet met het eerste schot‹
   Einen Schuß in den Himmel tun: etwas Unnützes und Unsinniges tun besteht bei dieser Redensart ein Zusammenhang mit dem noch heute in einigen Gegenden üblichen Wetterschießen, das das Unwetter vertreiben soll. Fremde, die diesen Brauch nicht kennen, verurteilen ihn und machen ihn als wertlos verächtlich. Ähnlich: Es ist ein Schuß in die Luft: es ist ein ziel- und planloses Vorgehen, es bleibt wirkungslos. Vergleiche französisch ›C'est un coup tiré en l'air‹.
   Der Schuß geht nach hinten (los): eine Maßnahme richtet sich gegen jemanden selbst.
   Der Schuß geht daneben: etwas schlägt fehl. Ein Schlager der Gegenwart nutzt die Wendung im Refrain mehrfach als bloße Feststellung und schließlich als Spott:
   Im Leben, im Leben
   geht mancher Schuß daneben.
Der Schuß ins Schwarze schwarz.
   Jemandem einen Schuß vor den Bug geben (setzen): jemanden durch Worte oder Taten nachdrücklich warnen, ihn zur Änderung seines Verhaltens zwingen. Die Wendung beruht auf der Kriegführung zur See. Durch einen Warnschuß dicht vor den Bug wurde ein fremdes Schiff zur Kursänderung gezwungen oder aufgefordert, sich zu ergeben.
   Es ist ein Schuß unter Wasser: es ist ein verborgener, gefährlicher Angriff. Auf See waren diese Geschosse am gefürchtetsten, weil man oft nicht rechtzeitig bemerkte, wenn der Schiffsboden ein Leck erhielt. Vergleiche niederländisch ›Hij geeft hem een schot onder water‹.
   Keinen Schuß (Pulver) wert sein: nichts taugen, schlechte Charaktereigenschaften haben, für besonders ehrlos gelten. Ein Soldat, der wegen eines schweren Vergehens verurteilt werden sollte, hatte meist einen ›ehrlichen Tod‹ durch die Kugel zu erwarten. Es war eine Art Auszeichnung gegenüber den anderen Hinrichtungsarten, wenn er zum Tod durch Erschießen, ›Zu Pulver oder Blei begnadigt‹ wurde. War einer nicht einmal einen Schuß wert und die Kugel für ihn zu schade, so daß er gehängt wurde, dann mußte er sich eines abscheulichen, unmenschlichen Verbrechens schuldig gemacht und diese Verachtung verdient haben.
   Einen Schuß (weg) haben (bekommen): betrunken, närrisch sein, auch: verliebt und übermütigster Laune sein. Bei dieser Wendung ist an die Geschosse der Krankheitsdämonen, aber auch an die Pfeile Amors zu denken, Bilwis. Die mdal. Rda. aus der Steiermark ›ea hod an Schuß‹ meint: er ist launisch, überspannt. Ähnl.:
   Er hat einen Schuß zuviel: er ist verrückt. Vgl. frz. ›Il a un coup de hache‹ (veraltet).
   Einen Schuß Leichtsinn im Blut haben: unbekümmert leben, nicht an die Folgen für die Zukunft denken. Die Wendung beruht auf der alten Vorstellung, daß die Zusammensetzung der Körpersäfte für Charakter und Temperament des Menschen verantwortlich ist. Die Redensart dient somit der scherzhaften Entschuldigung eines Leichtsinnigen. Der Grund für sein Verhalten wird in seiner Blutbeschaffenheit gesucht, er selbst kann also nichts dafür und vermag sich auch nicht zu ändern.
   Einen Schuß tun: plötzlich stark zu wachsen beginnen.
   Etwas in Schuß bringen: eine Sache kräftig vorwärtsbringen, ordnungsgemäß herrichten, reparieren. Die Redensart ist vom Geschütz hergenommen, das für den Abschuß vorbereitet und hergerichtet, auf das Ziel eingestellt wird. Vielleicht besteht auch ein Zusammenhang mit der Weberei und der Einrichtung des Webstuhles, da ›Schuß‹ auch die Bezeichnung für die Querfäden eines Gewebes ist. Vergleiche französisch ›mettre quelque chose en branle‹ (in Schwung bringen).
   Etwas in Schuß haben (halten): es gut in Ordnung, im Gang haben, eine Sache funktionsbereit und brauchbar erhalten. Im Schuß sein: in Betrieb, in Gang sein, laufen, auch: ganz gesund sein. Dagegen: Nicht recht im Schuß sein: nicht recht in Ordnung sein, sich nicht ganz wohlauf fühlen.
   Sich einen Schuß verabreichen: in der Drogenszene: sich eine Dosis Heroin spritzen. Mit dem ›Goldenen Schuß‹ wird die Injektion einer tödlichen Dosis Heroin bezeichnet. Im amerikanischen heißt ›Schreckschuß‹: ›crack shot‹.
• L. HONKO: Krankheitsprojektile (= Folklore Fellows Communication 178) (Helsinki 1959); A. TAYLOR: Crack shot, in: Western Folklore 19
(1960), S. 130; L. RÖHRICH und G. MEINEL: Redensarten aus dem Bereich der Jagd und der Vogelstellerei, S. 320f.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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