Schuster
Auf Schusters Rappen reisen (reiten, ankommen): zu Fuß gehen. Die schwarzen Schuhe wurden scherzhaft die Rappen des Schusters genannt. Abraham a Sancta Clara brauchte diese Redensart bereits literarisch in seinem ›Judas‹ (I, 197): »Auf deß Schusters Rappen reiten«. Gottfried Seume dichtet sinngemäß (Werke, I, 212):
   Darauf lief ich, wie ein Don Quischott,
   Hinab, hinan die Erde,
   Bald Kuhschritt und bald Hundetrott,
   Auf meines Schusters Pferde.
Früher sagte man auch statt dessen: ›Auf seiner Mutter Fohlen reiten‹, z.B. heißt es in Behaims ›Buch der Wiener‹ (203, 29):
   Wir musten all zu fußen gan,
   man sach viel manchen werden man
   reiten auff seiner muter voln.
Diese Wendung ist bereits in mittelhochdeutscher Zeit belegt. In Heinrichs von Freiberg ›Tristan‹ wird Keie, als er zu Fuß anstatt zu Pferde heimkehrt, von einem anderen Ritter verspottet:
   Twar als alt als ich bin,
   so gesach ich iuch, ritter wert,
   geriten nîe so guot ein pfert,
   als ir nu tuot in dirre zît.
   ir und iuwer rössel sît
   zwâr mît einander geborn
   »Keie uf siner muoter vüln
   ist gesezzen!«einer sprach,
   darnach aber ein ander jach:
   er ritet der zwelfboten pfert.
Die letzte Zeile der Spottrede wird heute meist in lateinischer Form als ›per pedes apostolorum‹, zu Fuß wie die Apostel, gebraucht. In Köln nennt man die Füße deshalb die ›Apostelpferde‹, und die niederdeutsche Redensart ›Spann din Apostelpeerd an!‹ meint: mach dich auf die Beine! Diese Wendung wird schon 1653 von Johann Wilhelm Lauremberg in seinen ›Schertzgedichten‹ (4. Gedicht, V. 141) literarisch verwertet:
   Ick quam in eine vörnehme Stadt
   up mine Apostel Peerde gereden.
Vergleiche italienisch ›andare sul cavallo di San Francesco‹: auf dem Pferd des heiligen Franziskus reiten. Die Redensart ist ebenfalls spöttisch gemeint, weil die armen Franziskanermönche zu Fuß gingen, im Unterschied zu den reichen Benediktinern, die zu Pferde reisen konnten. Vergleiche auch französisch ›aller su la haquenée des cordeliers‹ (veraltet).
   Ein Schuster sein: ein Pfuscher sein, der nur Flickarbeit oder ein unvollkommenes Werkstück herstellen kann, weil er nichts Rechtes gelernt hat. Schuster galt früher als Schimpfwort für den ungeschickten Schuhmacher und wurde dann erweitert auf alle die bezogen, deren schlechte Arbeit man verächtlich machen wollte. Waldis (Werke II, 19, 9) verwendet den Ausdruck auch literarisch:
   Denn mich daselbst kein visch nit kent
   Vnd nit mehr einen Schuster nennt.
Vergleiche französisch ›travailler comme un sabot‹ (wie ein Holzschuh arbeiten).
   Einen Schuster machen: einen mißlungenen Versuch machen, etwas durch seine Arbeit oder Einmischung grundsätzlich verderben. Ähnlich meint die Wendung Etwas zusammenschustern: ohne Geschick und Neigung etwas nur notdürftig bewerkstelligen; vgl. französisch ›saboter quelque chose‹.
   Schuster werden: im Spiel doppelt verlieren, Schneider; spielen wie ein Schuster: schlecht, ohne rechte Aufmerksamkeit spielen, nichts davon verstehen; vgl. frz. ›jouer comme un sabot‹.
   Sie hat ihm den Schuster gegeben: sie hat ihn abgewiesen, ihm den Abschied gegeben.
   Schuster und Schneider werden dem nicht mehr viel anzupassen haben, aber der Tischler: er wird bald sterben.
   Er will Schuster werden, um sich die Schuhe selber machen zu können: er will alles selbst tun, ist geizig und will andere nichts verdienen lassen.
   Auch mundartliche Wendungen sind verbreitet, z.B. sagt man in Norddeutschland ›pralen as de Schoster mit enem Leest‹, wenn jemand sehr arm ist und sich dessen noch rühmt. Macht jemand große Umstände oder führt weitschweifige Gespräche, so heißt es in Bremen: ›He rekked idt uut, as de Schoster dat Ledder‹.
   Jemandem etwas zuschustern: ihm etwas zukommen lassen, zu seinem Unterhalt etwas beisteuern.
   Nicht wissen, zu welchem Schuster man gehen soll: unentschlossen sein, sich schwer für das eine oder andere Übel entscheiden können. Diese Redensart ist besonders in Obersachsen bekannt.
   Die Mahnung Schuster, bleib bei deinem Leisten! gilt dem, der ohne Sachverstand Kritik übt und sich unberufen in alles einmischt, Leisten. Die Wndg. ist griech. Urspr. und sehr alt. Sie beruht auf einem Ausspruch des Malers Apelles, der zur Regierungszeit Alexanders d.Gr. seine Gemälde öffentl. auszustellen pflegte und sich verbarg, um die Urteile anzuhören. Als ein Schuhmacher getadelt hatte, daß bei den Schuhen auf dem Bilde eine Öse fehlte, fügte der Maler sie hinzu. Dadurch ermutigt, versuchte der Schuhmacher noch weitere Kritik, wurde aber von Apelles zurechtgewiesen. Die Rda. wirkt bis in den neuzeitlichen Schlager weiter:
   Schuster, bleib bei deinem Leisten,
   Schöne Mädchen kosten Geld.
   Leider kostet stets am meisten,
   Was nur kurze Dauer hält.
Vergleiche auch niederländisch ›Schoenmaker, houd u bij uwe leest‹; englisch ›let the cobbler stick to his last‹ und französisch ›chacun doit se mêler de son metier, les vaches sont bien gardées; mêlez-vous de vos pantoufles‹; auch: ›Mêle-toi de tes oignons!‹ (wörtlich: Kümmere dich um deine eigenen Zwiebeln).
• JUNGWIRTH: Artikel ›Schuhmacher‹, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens IX (Nachtrag), Spalte 391-394; L. RÖHRICH U.G. MEINEL: Redensarten aus dem Bereich von Handwerk und Gewerbe, in: Alemannisches Jahrbuch (Bühl/Baden 1973); weitere Literatur Schuh.}
Schuster, bleib bei deinen Leisten. Kolorierter Kupferstich, um 1820, nicht signiert.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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