Schwabe
Die Schwaben fechten dem Reiche vor: sie wollen immer in vorderster Kampflinie, überall an erster Stelle stehen, wie es ihrer sprichwörtlichen Tapferkeit zukommt, die schon Caesar gerühmt hat. Die Schwaben sind stolz auf diesen historisch bezeugten Charakterzug, der zu ihrem Vorrecht führte, in der Schlacht anzuführen und entscheidend zum Sieg beizutragen. Mehrfach wird dies in der mittelhochdeutschen Literatur erwähnt, z.B. im ›Rolandslied‹ und in der ›Kaiserchronik‹. In den Deutschen Sagen der Brüder Grimm Nr. 456: ›Warum die Schwaben dem Reich vorfechten‹ heißt es zur Erklärung: »Die Schwaben haben von alten Zeiten her unter allen Völkern des deutschen Reiches das Recht, dem Heer vorzustreiten. Und dies verlieh Karl der Große ihrem Herzoge Gerold (Hildegardens Bruder), der in der blutigen Schlacht von Runzefal vor dem Kaiser auf das Knie fiel und diesen Vorzug als der älteste im Heer verlangte. Seitdem darf ihnen niemand vorfechten. Andere erzählen es von der Einnahme von Rom, wozu die Schwaben Karl dem Großen tapfer halfen. Noch andere von der Einnahme Mailands, wo der schwäbische Herzog das kaiserliche Banner getragen und dadurch das Vorrecht erworben«. Ein wackrer Schwabe forcht sich nit: ein echter Schwabe trotzt jeder Gefahr, heißt es recht selbstbewußt. Die Wendung ist ursprünglich ein Zitat aus Ludwig Uhlands Gedicht ›Schwäbische Kunde‹, in dem es heißt, als ein Schwabe von mehreren türkischen Reitern auf seinem Zug ins Heilige Land angegriffen wird:
   Der wackre Schwabe forcht sich nit,
   Ging seines Weges Schritt vor Schritt,
   Ließ sich den Schild mit Pfeilen spicken
   Und tät nur spöttlich um sich blicken ...
Durch das gleiche Gedicht sind die Schwabenstreiche berühm geworden. Der Held, der mit einem Schwertstreich einen Türken zerschlagen hat, antwortet auf die Frage Barbarossas, wer ihn solche Streiche gelehrt habe:
   Die Streiche sind bei uns im Schwang;
   Sie sind bekannt im ganzen Reiche:
   Man nennt sie halt nur Schwabenstreiche.
Die ›Schwabenstreiche‹ sind aber auch noch in ganz anderer Bedeutung als lustige Schwänke bekannt geworden. In Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm 119: ›Die sieben Schwaben‹ werden die Abenteuer der Sieben berichtet, die mit einem großen Spieß bewaffnet einen Drachen bekämpfen wollen. In ihrer Angst halten sie einen Hasen für ein Untier und wollen einer den anderen vorschicken, ganz im Gegensatz zu der angeblichen Tapferkeit, die man ihnen nachsagt.
   Einen Schwabenstreich (ein Schwabenstücklein) machen bedeutet daher: sich ungeschickt, töricht, überängstlich anstellen. Vielleicht stehen damit auch die Wendungen in Zusammenhang: ›Die Schwaben haben nur vier Sinne‹ (weil sie ›riechen‹ mit ›schmecken‹ bezeichnen) und ›Der Schwabe wird erst im 40. Jahr klug‹, Schwabenalter, Schwabenalter.
   Der Schwabe muß allzeit das Leberlein gegessen haben: er wird immer verdächtigt, ihm wird die Schuld zugeschoben. Die Wendung bezieht sich auf das Märchen ›Vom Schwaben, der das Leberlein gefressen‹. Der Schwabe leugnet hartnäckig gegenüber seinem Reisegefährten (Christus), das Leberlein beim Zubereiten des Lammes genommen zu haben, und behauptet, es habe keines besessen. Er gesteht erst, als ihm auch der zweite Geldanteil noch zufällt, da er dem gehören soll, der das Leberlein gegessen hat (L. Bechstein: Sämtliche Märchen [Darmstadt 1966], S. 31).
   Gott verläßt keinen Schwaben: selbst in höchster Not und Gefahr ergibt sich immer noch ein Ausweg, eine Rettung. Sprichwörtlich ist auch die Reiselust der Schwaben geworden. So sagt man: ›Die Schwaben und bös Geld führt der Teufel in alle Welt‹.
   Da man den Schwaben auch gern wegen seiner Mundart in der Fremde verspottet, sagt er dazu ruhig: ›Ein Schwabe wird doch noch schwäbeln dürfen‹.
   Über die Schwaben gibt es viele Sprichwörter, von denen noch einige angeführt werden sollen: ›In Schwaben ist die Nonne keusch, die noch nie Kind gewann‹; ›Stirbt dem Schwaben die Frau am Karfreitag, so heiratet er noch vor Ostern wieder‹ oder das Sagte-Sprichwort: ›D' Supp ist's best, sagte der Schwab, wenn sie aber zuletzt käme, äße niemand mehr davon‹. ›Schwäbischer Gruß‹ Arsch.
• M. RADLKOFER: Die sieben Schwaben und ihr hervorragendster Historiograph Ludwig Aurbacher (Hamburg 1895); G.M. KUEFFNER: Die Deutschen im Sprichwort (Heidelberg 1899), S. 74ff; A. KELLER: Die Schwaben in der Geschichte des Volkshumors (Freiburg i. Br. 1907); H. MOSER: Schwäbischer Volkshumor (Stuttgart 1950, 2. Auflage 1981); T. TROLL: Deutschland, deine Schwaben (Hamburg 17. Auflage 1972); L. RÖHRICH: Der Witz. Figuren, Formen, Funktionen (Stuttgart 1977), S. 249-259.}
Die sieben Schwaben. Radierung um 1640, in: Wäscher: Flugblatt I, S. 85.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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