Schwalbe
Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer: es ist äußerst gewagt und oft sogar recht verhängnisvoll, von einem vereinzelten Anzeichen oder einer einmaligen Erscheinung (Handlungsweise) aus, allgemeine Schlüsse zu ziehen oder leichtsinnig, sorglos und voreilig zu handeln. Die Wendung stammt bereits aus der Antike. In seiner Fabel ›Der verschwenderische Jüngling und die Schwalbe‹ erzählt Äsop von einem jungen Mann, der in kurzer Zeit sein Erbe durchgebracht hatte. Als er die erste Schwalbe im Frühling sah, hoffte er, daß die warme Jahreszeit beginnen müsse und verkaufte als letzten Besitz seinen Mantel, da er ihn für nun entbehrlich hielt. Als noch einmal kalte Tage kamen und die erste Schwalbe sogar erfror, fühlte sich der Jüngling von ihr betrogen. Unter der Kälte leidend, schalt er auf die Unschuldige und machte die bittere Erfahrung, daß eben eine Schwalbe noch keinen Sommer macht. Aristoteles hat die griechische Wendung in seiner ›Nikomachischen Ethik‹ (I, 6) überliefert: »Mia xelidon ear oy poiei«.
   Auch in der griechischen Vasenmalerei ist die Beobachtung der Schwalbenankunft und ihre freudige Begrüßung dargestellt worden. In Deutschland ist die Wendung seit mittelhochdeutscher Zeit bekannt, z.B. heißt es im ›Ritterspiegel‹ (Zingerle, 135): ›Ein swalbe ouch nicht bringet den lenzin wan si komit geflogin‹; auch in mundartlichen Formen ist sie verbreitet:
   ›En Swulk mâkt ken Sommer‹ (niederdeutsch) oder ›Ene Schwolbe macht kin Summer‹ (schlesisch). Die weite Verbreitung und Übersetzung der antiken Wendung zeugt für ihre Beliebtheit, vgl. niederländisch ›Eene zwaluw maakt geen zomer‹; englisch ›One swallow makes no summer, nor one wood-cock a winter‹; schwedisch ›En swala gör ingen sommar‹; französisch ›Une hirondelle ne fait pas le printemps‹.
   Die Schwalbe gilt bis heute allgemein als Verkünderin des Frühlings oder des Sommers. Ihre Rückkehr wird noch gegenwärtig in Griechenland am 1. März besonders gefeiert. Bei ihren Umzügen führen Kinder und Jugendliche künstliche Schwalben mit, sie singen dabei Schwalbenlieder und heischen Gaben.
   Auch in den deutschen und niederländischen Städten war es früher die Pflicht der Turmwärter, auf die erste Schwalbe zu achten, sie durch Blasen zu begrüßen und ihre Ankunft öffentlich als frohes Ereignis anzukündigen. Von einem Übervorsichtigen und Pessimisten, der schwer von der Wendung zum Besseren zu überzeugen ist, heißt es redensartlich Er muß viel Schwalben sehen, bis er glaubt, daß es Fruhling sei.
   Schwalben schießen: aufschneiden, prahlen, lügen, da es äußerst schwierig ist, eine Schwalbe im Fluge zu treffen.
   Schwalben (Sperlinge) unter dem Hute haben: unhöflich sein und den Hut beim Grüßen nicht ziehen, so als habe man Angst, daß einem die darunter sitzenden Schwalben fortfliegen könnten.
   Schwalben bekommen: scherzhaft für Ohrfeigen bekommen, vor allem im Obersächsischen und Thüringischen üblich. Vergleiche auch die in diesem Gebiet übliche Strafandrohung: ›Du wirst gleich eine geschwalbt kriegen‹.
• K. KNORZ: Die Vögel in Geschichte, Sage, Brauchtum und Literatur (München 1913); O. KELLER: Die antike Tierwelt, Bd. 2 (Leipzig 1913), S. 114-118; E. INGERSOLL: Birds in Legend, Fable and Folklore (New York 1923, Neudruck Detroit [Mich.] 1968); A. TAYLOR: Artikel ›Schwalbe‹, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens VIl, Spalte 1391-1399; A.V. VIETIGHOFF-RIESCH: Die Schwalbe, besonders die Rauchschwalbe in Glaube und Brauch, in: Rheinisches Jahrbuch für Volkskunde 4 (1953), S. 205-244; A. TAYLOR: The Proverb (Kopenhagen 1962), S. 29; K. SPYRIDAKIS: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer (Athen 1969); M. KUUSI: Towards an international Type-System of Proverbs, in: Folklore Fellows Communications 211 (1972), S. 29-30; W. MIEDER: Das Sprichwort im Volkslied, in: Jahrbuch des Österreichischen Volksliedwerkes 27 (1978), S. 68; C.H. TILLHAGEN: Fåglarna i folktron (Vögel im Volksglauben) (Stockholm 1978); E. und L. GATTIKER. Die Vögel im Volksglauben (Wiesbaden 1989), Spalte 212-244.
Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer (Brauchgerät). Brauchgerät beim Frühlings- Umzug mit der Schwalbe, Sammlungen der griechischen Volkskunde-Gesellschaft. Athen, Foto: G.K. Spyridakis.
Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer (Frühlingsumzug). Frühlingsumzug der Kinder mit der Schwalbe aus verschiedenen griechischen Landschaften 1940 und 1967.
Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Frühgriechische Amphore, 6. Jahrhundert vor Chr., Leningrad, Eremitage, aus: Jahrbuch des deutschen Archäologischen Instituts XLII (1927), Arch. Anz. I/II, 70, Beil. 1.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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