schwanen
Es schwant mir, auch: Mir schwant etwas (nichts Gutes): ich ahne etwas, eine Sache fängt an, mir klarer zu werden, ich erwarte Schlimmes, sehe ein kommendes Unglück voraus, habe böse Vorahnungen, auch: ich habe nur eine dunkle Erinnerung an etwas. Meist dient die Wendung zur Vordeutung auf etwas Unheilvolles, so auch in einem Lied auf die Schlacht von Trier im Jahre 1675:
   De Dütschen stännen aß en Pahl
   Un schlögen wohl twe- und drehmahl
   In ene Stäh den Hanen
   De sik det nicht vermoen währn,
   Begun darbie to schwanen.
Das Wort schwanen findet sich nur im Deutschen und ist zuerst in niederdeutscher Form 1514 im ›Schichtbuch der Stadt Braunschweig‹ (132, Scheller) belegt: »Ome hadde so etwas geswanet«. In hochdeutscher Form ist der Ausdruck im ›Tacitus‹ von J. Micyllus (221a) bezeugt, der 1535 in Mainz erschienen ist, danach findet er sich aber während vieler Jahrzehnte nur bei lateinkundigen Schriftstellern. 1582 braucht Hayneccius in seiner Komödie ›Hans Pfriem‹ die Wendung: »Vors letzte schwant mir mächtig sehr, wie ich mich aller Gewalt erwehr« und in Grimmelshausens ›Simplicissimus‹ heißt es schon ganz im heutigen Sinne: »Dem Simplex schwahnt der sach, drum hat er kein gefallen«.
   Von den Universitätsstädten aus ist das Wort erst seit Ende des 18. Jahrhunderts in die Mundarten gedrungen, und zwar stets mit langem â wie bei ›Schwan‹, mit dem es deshalb von Jacob Grimm in seiner ›Deutsche Mythologie‹ (I, 354) in Zusammenhang gebracht wird. Er führt schwanen auf die angebliche prophetische Begabung des Schwanes zurück, auf die der germanische Glaube an die Verwandlung von Jungfrauen in weissagende Schwäne und der Ausdruck Schwanengesang hindeute, Schwanengesang hindeute.
   Doch der Ausdruck hat nichts zu tun mit den weissagenden Schwanenjungfrauen im ›Nibelungenlied‹ oder den Schwänen in der ›Gudrun‹. S. Singer deutet ihn als eine im 16. Jahrhundert entstandene gelehrte Nachbildung von ›es ahnt mir‹ hervorgerufen durch die antike Sage vom Schwanengesang, dem Gesang, den der sterbende Schwan hören läßt, weil er die Seligkeit des Lebens im Jenseits vorausahnt. Axel Lindquist versuchte 1913 eine etymologische Deutung der Wendung. Er glaubt, daß durch eine irrige Worttrennung im mitteldeutschen Gebiet aus dem mittelniederdeutschen ›es wanet mir‹ das Wort ›swanet‹ entstanden sei. Da der Ausdruck aber in den Mundarten stets mit tonlangem â erscheint, scheidet die Möglichkeit einer verschobenen Silbengrenze aus.
   Vermutlich ist das Wort eine gelehrte Scherzübersetzung des lateinischen ›olet mihi‹ = es ahnt mir, das im Studentenwitz mit dem ähnlich klingenden ›olor‹ = Schwan verbunden wurde. Auf die volksetymologische Deutung, die ›schwanen‹ mit ›Schwan‹ in Verbindung bringt, weisen auch die Redensarten: Mir wachsen die Schwansfedern und: Ich habe (kriege) Schwansfedern: ich merke es schon lange. Ähnlich heißt es 1725 bei Henrici (Picander) in der ›Weiberprobe‹ (S. 76): »Er hat Ihnen Schwahnfedern aufgesetzet«, d.h. er hat sie auf eine Ahnung gebracht, hat sie gewarnt.
   ›Mein lieber Schwan!‹ ist eine spöttische Anrede oder Ausruf des Erstaunens. Eigentlich gehört dieser Ausdruck zu einem Zitat aus der Oper ›Lohengrin‹ von Richard Wagner (1847): »Nun sei bedankt, mein lieber Schwan!«
• J. GRIMM: Deutsche Mythologie, I.S. 354; S. SINGER, in: Zeitschrift für deutsche Wortforschung 3 (1902), S. 10 und 234; O. KELLER: Die antike Tierwelt, Bd. 2 (Leipzig 1913), S. 213-219; A. LINDQUIST, in: Beitr. 38 (1913), S. 339 und 39 (1914), S. 398; FR. SEILER: Deutsche Sprichwörterkunde (München 1922, 2. Auflage 1967), S. 236; A. VERWAETERMEULEN: De zwanen houden schole, in: Biekorf 38 (1932), S. 178; E. HOFFMANN-KRAYER: Artikel ›Schwan‹, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens VII, Spalte 1402-1406); E. und L. GATTIKER: Die Vögel im Volksglauben (Wiesbaden 1989), S. 519-522.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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