schweigen
Dann ist Schweigen im Walde: darauf erfolgt keine Antwort; es entsteht bei einem Gespräch ratlose Stille. Vergleiche die Redensart ›Ein Engel geht durchs Zimmer‹. Die Wndg. soll auf dem gleichnamigen Gemälde von Amold Böcklin beruhen; sie ist seit dem Ende des 19. Jh. geläufig und heute allg. in Dtl. und Österreich, besonders bei Schülern und Studenten, üblich.
   Einen früheren Beleg als Böcklins Gemäldetitel bietet jedoch eine Zeile aus Goethes ›Wanderers Nachtlied‹: die verbalisierte Form lautet hier: »die Vögelein schweigen im Walde«.
   Ludwig Ganghofer (1855-1920) hat einen Roman von 1899 mit ›Das Schweigen im Walde‹ betitelt. In vielen deutschen Sprichwörtern wird das Schweigen zu einer Tugend erhoben, so z.B. ›Schweigen und denken mag niemand kränken‹; oder: ›Schweigen, dulden, lachen hilft zu manchen Sachen‹.
   Schweigegebote sind schon in der Bibel belegt (Hiob 13, 5 und Spr 17, 28: »Auch ein Tor, wenn er schwiege, würde für weise gehalten und für verständig, wenn er den Mund hielte«).
   Bekannt geworden ist eine Nachbildung aus den ›Philosophiae Consolationes‹ des Boëthius (um 476-524): »Si tacuisses, philosophus mansisses«. Dahinter steht folgende Geschichte, die Boëthius berichtet (Kap. 2, S. 7): »Als jemand einen Mann, der den falschen Namen eines Philosophen nicht zur Übung wahrer Tugend, sondern aus hochmütiger Eitelkeit führte, mit Schmähungen angegriffen und hinzugefügt hatte, er werde bald wissen, ob jener ein Philosoph sei, da trug der Angegriffene einige Zeit lang Geduld zur Schau. Dann aber fragte er, gleichsam über die erlittene Schmähung höhnend: ›Merkst du nun endlich, daß ich ein Philosoph bin?‹ Darauf sagte der erste: ›Ich hätt's gemerkt, wenn du geschwiegen hättest‹« (Intellexeram, si tacuisses); übersetzt von K. Büchner (Leipzig 1939).
   Der Rest ist Schweigen: es ist das Ende. Die Wendung bezieht sich auf die letzten Worte Hamlets in Shakespeares Drama: »The rest is silence«; vgl. französisch ›Et le reste est silence‹.
   Sich in Schweigen hüllen: die Neugierde anderer nicht befriedigen, so tun, als wisse man von nichts, keinerlei Andeutungen machen, nichts verraten. Ähnlich: Schweigen bewahren: sich nichts anmerken lassen, seine Gefühle meisterhaft beherrschen, alle Äußerungen zurückhalten.
   Schweigen gebieten (fordern): bei einer heftigen Auseinandersetzung, bei einem Tumult Ruhe gebieten, um selbst zu Wort zu kommen, aber auch: jemanden dringend auf seine Schweigepflicht hinweisen;
vgl. französisch ›Imposer le silence‹.
   Das Schweigen brechen: ein lange gehütetes Geheimnis endlich doch preisgeben, zur Aufklärung einer wichtigen Angelegenheit beitragen; vgl. französisch ›Rompre le silence‹.
   Jemanden zum Schweigen bringen: jemanden töten, dessen Aussage man fürchten muß.
   Es herrschte ein eisiges (gespanntes, unerträgliches) Schweigen: durch das plötzliche Verstummen wurde Ablehnung ausgedrückt, höchste Spannung erzeugt; vgl. französisch ›silence glacial‹.
   Die Wendung von dem Beredten Schweigen geht zurück auf Ciceros 1. Rede ›In Catilinam‹, wo es bereits im Jahre 63 v. Chr. (8, 21) heißt: »Cum tacent, clamant« = gerade ihr Schweigen ist laute Anklage.
   Wenn diese schweigen, werden die Steine schreien: wenn die Menschen kein Mitleid haben, wird sich die Natur erbarmen. Die Wendung beruht auf einem Ausspruch Jesu (Lk 19, 40) und auf einer Legende, die von Jacobus de Voragine in der ›Legenda aurea‹ (Kap. 181) in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts berichtet wird: Beda Venerabilis (gest. 735) habe sich im hohen Alter, als er blind geworden war, führen lassen. Sein Führer gab in einem steinigen Tale vor, daß eine große Menschenmenge auf eine Predigt Bedas warte. Dieser ließ sich täuschen. Am Ende seiner Predigt hätten die Steine ›Amen‹ gerufen, Stein. Vgl.
lat. ›Saxa loquuntur‹ (Büchmann).
   In sieben Sprachen schweigen, auch: In allen Sprachen schweigen: unbedingt schweigen, keine einzige Antwort geben, die Aussage verweigern. Die Redensart beruht auf einem Ausspruch F.A. Wolfs, der von seinem Schüler, dem berühmten Philologen Immanuel Bekker, als von dem »Stummen in sieben Sprachen« berichtete (Büchmann). Vergleiche niederländisch ›in zeven (alle) talen zwijgen‹, Sprache.
   Davon schweigt des Sängers Höflichkeit: über das Weitere spricht man besser nichts, eine Mitteilung wird aus Klugheit oder Schonung vermieden. Ein Studentenlied, das um 1840 viel gesungen wurde, trägt den Kehrreim: »Dies verschweigt des Sängers Höflichkeit«, der aber vermutlich auf der älteren Redensart beruht.
   Zur Bestätigung, daß jemand die schwere Kunst des Schweigens vollendet beherrsche und man ihm voll vertrauen könne, werden redensartliche Vergleiche gebraucht: Er schweigt wie ein Stein, den man ins Wasser geworfen hat, vgl. lateinisch ›Pythagoreis taciturnior‹; Er kann schweigen wie ein Spiegel, an dem das Glas fehlt, vgl. niederländisch ›Hij weet te zwijgen als een spiegel, waaraan het glas ontbrekt‹; Er kann schweigen wie ein abgeschlachtet Huhn, vgl. niederländisch ›Hij kan zwijgen als en hoen, dat de keel is afgestoken‹.
   Am häufigsten gebraucht wird die Wendung Schweigen wie das Grab: ein Geheimnis auf keinen Fall preisgeben.
   Die Redensart Schweigen wie eine Maus begegnet bereits im 16. Jahrhundert im Liederbuch der Hätzlerin (II, 8, 357): »Schweigen als ein Maus«.
• ANONYM: Mit Schweigen verräth man sich nicht, wer schweigt, scheint einzuwilligen, in: Beiträge zur populären Rechtsgelehrsamkeit 2 (1788), S. 287-409; ANONYM: Doen zwijgen, in: Biekorf 39 (1933), S. 159; Jungwirth: Artikel ›Schweigen‹, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens VII, Spalte 1460-1470; E. HERTZSCH, G. MENSCHING: Artikel ›Schweigen‹, in: Religion in Geschichte und Gegenwart. V (3. Auflage 1961), Spalte 1605-1606; V. ROLOFF: Reden und Schweigen (München 1973); U. RUBERG: Beredtes Schweigen in lehrhafter und erzählender deutscher Literatur des Mittelalters (Münster 1978); K. KNÜSSEL: Reden und Schweigen in Märchen und Sagen (Diss. Zürich 1980).}
Das Schweigen im Walde. Gemälde von Arnold Böcklin (1827-1901).

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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