beschreien
Die vier Wände beschreien: sich dadurch als lebenskräftig erweisen, beruht auf einem alten Rechtsbrauch. Ein neugeborenes Kind mußte die vier Wände des Zimmers beschreien, damit es die Erbberechtigung erhielt. In diesem Sinne illustrierten schon die Sachsenspiegel-Handschriften den Vorgang. Die Nachbarn, die das Schreien gehört hatten, galten vor Gericht als Zeugen.
   Bereits im Jahre 1300 heißt es in einer Aufzeichnung: »dat sey eyn Kint tosamen hebben gehat, dat ... de wende beschregen hedde«. Beschreien hatte ursprünglich nur einen guten Sinn, es bedeutete: öffentlich ausrufen, bekanntmachen, loben und rühmen. Es nahm jedoch immer mehr die Wendung zum Negativen hin, denn es hieß auch ›anklagen, vor Gericht bringen, verleumden, ins Gerede bringen‹, was wir heute als ›verschreien‹ bezeichnen. Die Wendung Sich beschreien war besonders als Tadel für die Ärzte gedacht, die ihre Kunst selbst rühmten.
   Bis heute erhalten aber hat sich die Furcht vor dem Beschreien, dem Schadenzauber durch das Wort, durch Lob und Bewundern. Die so häufig gebrauchten Wendungen Man darf es nicht beschreien, Beschreie es nicht! und Unberufen! dienen der Abwehr des möglichen Unheils durch den Wortzauber, da jeder sich selbst oder einen andern beschreien kann. Dies geschieht entweder in voller Absicht durch abfällige Bemerkungen und Zauberformeln oder durch unvorsichtiges Bewundern, das auf verstecktem Neid beruht.
   Wie Fluch und Segen wird dem Neid im Volksglauben eine große Wirkung zugeschrieben, er kann Krankheit oder gar Tod von Mensch und Vieh herbeiführen. Man spricht deshalb auch von ›Einem zu Tode Loben‹. Zu einem Menschen, dessen Aussehen sich plötzlich verschlechtert hat, sagt man Du siehst aus, wie wenn du beschrien wärest.
   Die Wirkung des Beschreiens wird aufgehoben, wenn man dem Beschreienden ins Gesicht sagt Du hast mich beschrien!, wenn man ihm etwas Böses wünscht oder in einem Absud von ›Beschreikraut‹ badet. Am besten beugt man dem Unglück vor, indem man sich bei einem Lob sofort verwahrt und dreimal an die untere Seite einer Tischplatte klopft. Daß diese Verwahrung sogar schriftlich erfolgen kann, beweist ein Brief Goethes an Zelter, in dem er schreibt: »Zuerst also ist mir mein Zuhausebleiben für diesmal ganz wohl gerathen, wir wollen es aber nicht beschreien, sondern in stiller Bescheidenheit thätig hinleben«. Da der Wortzauber häufig mit dem Blickzauber (›böser Blick‹) verbunden ist, erscheint er so gefährlich, besonders für Menschen und Tiere in Übergangsstadien (Neugeborene, Kinder, Wöchnerinnen, Brautleute).
• Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens I, Spalte 1096 ff.; Deutsches Wörterbuch I, Spalte 1594 ff.; J. GRIMM: Rechtsaltertümer, S. 75, 76; Deutsches Rechtswörterbuch (Wörterbuch der älteren deutschen Rechtssprache), hrsg. von der Preußischen Akademie der Wissenschaften, 2 (Weimar 1932-35); S. SELIGMANN: Der böse Blick und Verwandtes, 2 Bände (Berlin 1910); K. MEISEN: Der böse Blick und seine Abwehr in der Antike und im Frühchristentum, in: Rheinisches Jahrbuch für Volkskunde I (1950), S. 144-177; III (1952), S. 169-225; A. DUNDES: The Evil Eye (New York-London 1981); TH. HAUSCHILD: Der böse Blick (Berlin 21982).}
Die vier Wände beschreien. Heidelberger Sachsenspiegelhandschrift, 13. Jahrhundert.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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  • Beschreien — Beschreien, s. Berufen …   Kleines Konversations-Lexikon

  • Beschreien — Beschreien, 1. im Mittelalter die Achterklärung eines Verbrechers durch öffentl. Anschlag; 2. bei einem neugebornen Kinde galt das »B. der 4 Wände« als nothwendiges Lebenszeichen in Beziehung auf Erbrecht; 3. abergläubische Meinung, daß durch das …   Herders Conversations-Lexikon

  • beschreien — beschreien:⇨berufen(I,2) …   Das Wörterbuch der Synonyme

  • beschreien — ↑ schreien …   Das Herkunftswörterbuch

  • beschreien — be|schrei|en; etwas nicht beschreien …   Die deutsche Rechtschreibung

  • Beschreien — * Du hast mich beschrien. – Agricola I, 535. [Zusätze und Ergänzungen] *2. Ich will s (ihm) nicht beschreien …   Deutsches Sprichwörter-Lexikon

  • beschreien — be|schrei|en 〈V. tr. 227; hat〉 = berufen1 * * * be|schrei|en <st. V.; hat: zu viel [im Voraus] über etw. reden, sodass es (nach abergläubischer Vorstellung) misslingt od. nicht in Erfüllung geht. * * * be|schrei|en <st. V.; hat: 1↑berufen… …   Universal-Lexikon

  • beschreien — beschreientr durchunbedachteErwähnungeinesglücklichenUmstandsSchadenherbeiführen.FußtaufderAberglaubensregel,daßmanglücklicheLebensumständenichtlautverkündendarf,wennmannichtdiebösenGeisteraufeineGelegenheitzumSchadenstiftenaufmerksammachenwill.Sp… …   Wörterbuch der deutschen Umgangssprache

  • beschreien — beschreie …   Kölsch Dialekt Lexikon

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