Besen
Der Besen – meist aus Birkenruten gefertigt spielt im Volksglauben wie auch in Rechtsvorstellungen eine Rolle. So bedeutet z.B. einen Besen vor die Türe stellen nach westfälischer Sitte ein Zeichen von Mißachtung. Wenn zwei Nachbarinnen sich zankten und die eine dem Streit mit einer auffallenden Beleidigung ein Ende machen wollte, stellte sie einen Besen vor die Türe. In Zusammenhang damit steht auch die Redensart Einen mit Besen und Schemelbein bewirten: jemanden schlagen.
   Das Besentragen war eine Ehrenstrafe. Die betroffene Person mußte barfüßig den Besen um die Kirche tragen und sich dann vor die Kirchentüre legen, wo jeder, der wollte, über sie hinwegschreiten und sie mit dem Besen schlagen durfte. In Holland und auch andernorts wurden dem vor Gericht geschleppten Dieb als besonders peinliche, den Spott der Mitmenschen herausforderne Strafe Schere und Besen (als Sinnbild des Stäupens) auf den Rücken gebunden.
   In manchen Wendungen steht der Besen symbolisch für das Recht, das man hat oder sich nimmt, z.B. in Den Besen ausstechen (Den Reif ausstechen, Reif). Im frühen Mittelalter hatte jeder Haushalt die Befugnis, zu seinem eigenen Verbrauch Bier oder Wein herzustellen. Später durfte durch befristete Schankerlaubnis der Überschuß gegen Bezahlung abgegeben werden. Dieses Recht wechselte wöchentlich von Haus zu Haus. Wer an der Reihe war, mußte zum Zeichen für sein Schankrecht einen Bierwisch, Kranz, Strohbusch oder Besen an einem Stiel aus dem Dachfenster herausstecken.
   Aus diesem Ursprung leitet sich der Name Besenwirtschaft (Straußwirtschaft) her, der heute noch gebräuchlich ist für Gasthäuser, die nur zu bestimmten Zeiten eigene Produkte verkaufen. Für dieses Recht steht auch die Wendung Da steckt der Besen raus, niederländisch: ›daar steekt de bezem uit‹. Bruegel benutzte diese Wendung, um sie zusammen mit der Redensart Unterm Besen getraut bildlich darzustellen. Der Kuß deutet an, daß sich hier ein Liebespaar ›Unter dem Besen‹ das Recht nimmt, wie ein Ehepaar zusammenzuleben, ohne verheiratet zu sein.
   Den Besen auseinanderreißen ist eine ältere, heute vergessene Redensart, die gebraucht wurde im Sinne von: eine Sache aus ihrem Zusammenhang reißen. Cicero nannte einen schlechten Menschen daher einen ›zerrissenen Besen‹.
   Ich freß einen Besen! Diese Beteuerungsformel kennt man seit Beginn dieses Jahrhunderts als besonders Bekräftigung einer Aussage; das Versprechen ist ebenso absurd und unmöglich, wie wohl meist der Inhalt der Aussage, der damit bekräftigt wird.
   Die aus Berlin stammende Redensart wird manchmal abgeschwächt durch den Zusatz ›... aber schön weich gekocht‹; andererseits gibt es auch noch groteske Steigerungen. So heißt es in Norddeutschland oft: ›Wenn das (nicht) wahr ist, freß ich einen Besen, und wenn's einer aus dem Schweinestall ist‹, › ... mitsamt dem Stiel‹, oder – was man neuerdings hören kann – › ... mitsamt der Putzfrau‹. Vielleicht ist die Redensart entstanden in Erinnerung an die Degenschlucker, die einst auf den Jahrmärkten gelegentlich zu sehen waren. Doch ist diese Erklärung nicht wahrscheinlich, weil das Vergleichsmoment dabei zunächst der Stiel wäre; in der Redensart wird aber, wie der Zusatz ›mitsamt dem Stiel‹ zeigt, zunächst einmal an den eigentlichen Besen, d.h. an die Borsten gedacht. Auch mundartlich schließt das Wort Besen den Stiel durchaus nicht immer mit ein. Eher liegt hier eine sprachliche Neubildung vor in der Art der vielen formelhaften und redensartlichen Umschreibungen für niemals.
   ›Besen‹ als Schimpfwort für eine weibliche Person hat ein charakteristisches Arbeitsgerät der Frau pars pro toto einfach zur Person verselbständigt, die in ihrem Wesen rauh und ruppig wie ein Besen gedacht wird (schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts zur Bezeichnung der Magd); ähnlich die Redensart {\i Nur mit Besen und Kochlöffel umgehen können.
   Mit fremden Besen kehren}: fremde Kräfte zum eigenen Vorteil ausnutzen.
   Einen auf den Besen laden: ihn verspotten, zum Narren halten (eigentlich ist wörtlich gemeint: einen beim Kehren mit hinausfegen). Die Redensart ist erst in neuerer Zeit aufgekommen und vermutlich aus der Soldatensprache übernommen.
   Auf dem Besen flöten: seine Wünsche wie ein Geisteskranker als Realitäten nehmen. Die Redensart begegnet bereits im 18. Jahrhundert im Flämischen: ›Hij fluit op den besem‹, und wird satirisch für einen Schwachkopf gebraucht. Auch die Kreuznacher Redensart ›Auf eme Beeseschdiehl (Besenstiel) kammer kee Huppepfeif (Horn zum Blasen) mache‹ enthält dasselbe Bild.
   Eine ganz andere Bedeutung hat die Redensart Einen Besenstiel verschluckt haben: steif, ungelenk sein, sich nicht verbeugen können oder wollen; z.B. ›Er geht, als hätt' er einen Besenstiel (auch: ein Lineal, einen Ladestock) verschluckt‹. Vgl. französisch (umgangssprachlich): ›avoir avalé un balai‹. Die Wendung Steif wie ein Besenstiel kommt z.B. in Viktor Scheffels Lied ›Im schwarzen Walfisch zu Askalon‹ (1856) vor, aber ein ähnliches Bild kennt sogar schon das Liederbuch der Clara Hätzlerin:
   Tregt ainer den leib vffgestrackt,
   man seyt: Im steck ain scheytt ymm
   ruck, wa er get oder reit.
Vgl. französisch ›raide comme un balai‹.
   Ähnlich spöttisch gemeint ist die Wendung: Wenn Gott will, so grünt ein Besenstiel: unverdientes Glück haben.
   Das Sprichwort ›Neue Besen kehren gut‹ wird auf den gemünzt, der sich bei Antritt einer neuen Stellung besondere Mühe gibt, dessen Eifer aber bald nachläßt. Es stammt aus dem 13. Jahrhundert und läßt sich zuerst in Freidanks ›Bescheidenheit‹ nachweisen (Freidank 50,12). Es heißt dort:
   Der niuwe beseme kert vil wol,
   e daz er stoubes werde vol.
   Vgl. französisch: ›Il n'est rien tel que balai neuf‹ und englisch: ›New brooms sweep clean‹.
   Es gibt aber auch Versionen, die eine andere Bedeutung haben. So eine Wendung aus dem Aachener Raum: ›Neue Besen kehren gut, aber die alten fegen die Hütten rein‹, wobei mit Hütten (Hötten) die Ecken und Winkel gemeint sind, d.h. neue Bedienstete sind eifrig und energisch, aber die alten kennen sich bis in die letzten Winkel aus.
   Der Begriff ›Neuer Besen‹ erfreut sich auch in der politischen Karikatur großer Beliebtheit, desgleichen die Redensart Mit eisernem Besen kehren ( eisern). Sie wird oft verwendet im Sinne von: rücksichtslos durchgreifen, denn gewöhnlich nimmt man einen Rutenbesen zum Auskehren oder Kehraus machen.
• »Hanging out the broom«, in: Notes & Queries 3rd, 2 (1862), S. 484; 8th, 8 (1895), S. 274 f., 330 f., 8th, 9 (1896), S. 94 f, 435; »Putting out the besom«, in: Notes & Queries 6th, 10 (1884), S. 526; 6th, 11 (1885), S. 78 f., 178; J. GRIMM: Deutsche Rechtsaltertümer I, S. 237 und 243 II, S. 308 ff.; A. HABERLANDT: Artikel ›Besen‹ in Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens I, Spalte 1129-1147; K. RANKE: Artikel ›Besen, Besenbinder‹ in: Enzyklopädie des Märchens II, Spalte 190-194.}
Unter dem Besen getraut. Detail aus dem Sprichwörterbild von P. Bruegel, 1559.
Auf dem Besen flöten. Detail aus einem Bilderbogen aus Ost-Flandern, um 1700, Sammlung Röhrich, Freiburg i. Br..
Neue Besen kehren gut. Karikatur von Haitzinger vom 3.VII.85.
Neue Besen kehren gut. Lenin-Plakat aus der Revolutionszeit, aus: DER SPIEGEL, vom 2.IV.1990.
Neue Besen kehren gut. Karikatur von Peter Brookes, aus: DER SPIEGEL, vom 23.IV.1990.
Neue Besen kehren gut. Karikatur von Hond, 83,
   aus: DER SPIEGEL, vom 11.VII.1983.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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