Sintflut
Nach mir (uns) die Sintflut: die Konsequenzen, die Folgen für die Zukunft sind mir (uns) gleichgültig; die Sorge um eine unheilvolle Entwicklung, um ein allgemein befürchtetes Unglück drückt mich (uns) nicht, da ich dies doch nicht mehr erleben werde; nach uns geschehe, was da will. Die Redensart ist aus dem Französischen in unsere Sprache übernommen worden. Sie ist eine Übersetzung des Ausspruches »Après nous le déluge!«, den Jeanne Antoinette Poisson, die Marquise von Pompadour, 1757 nach der Schlacht bei Roßbach getan haben soll, und zwar nicht frivol wie im heutigen Sinne, sondern vorahnend. Die Wendung war bald darauf schon gebräuchlich, denn bereits am 18. Aug. 1758 schreibt der Abbé de Mably in seinen ›Droits et devoirs du citoyen‹ (6. Brief) über das französische Parlament: »L'avenir les inquiète peu: après eux le déluge« (CEuvres XI, Paris 1794/95, S. 445). Es handelt sich also nicht um ein Bibelzitat, sondern ein Bild der Bibel wird in der Redensart auf die Gegenwart übertragen.
   Mit der Sintflut beginnt ein neues Bundesverhältnis zwischen Gott und Mensch. Deshalb ist die Sintflut für alle frühere Geschichtsschreibung ein weltgeschichtliches Ereignis. Das erste Zeitalter der Menschheitsgeschichte reicht von Adam bis Noah, das zweite von Noah bis Abraham.
   Nach Hans Lamer (Wörterbuch der Antike [Leipzig 1933], S. 37) ist die bisher vergeblich gesuchte Quelle des Ausdrucks viel älter. In einem Epigramm des Straton (2. Jahrhundert n. Chr.) findet sich bereits eine sinngemäß ähnliche Stelle. In seiner ›Anthologia Palatina‹ (XI, 19, 6) heißt es: »Trinke und liebe! Nach meinem Tode soll Deukalion meine Knochen überspülen!« Gemeint ist hierbei die griechische Vorstellung von der Sintflut, bei der Deukalion und sein Weib Pyrrha allein überlebten und aus Steinen neue Menschen schufen (Büchmann).
   Da möchte doch eine zweite Sintflut kommen: es sollte am besten alles untergehen; es ist so übel, daß Gott Veranlassung genug hätte, in seinem Zorn zum zweiten Male alles zu vernichten. Ähnliche Verwünschungen sind: ›Da sollte doch gleich der Donner (Blitz) dreinschlagen, das Wetter dreinfahren‹; niederdeutsch ›ein Donnerwetter sollte reinschlagen‹.
   Die Redensart weist auf die verbreitete Vorstellung von der Möglichkeit einer Wiederholung der Sintflut. Tatsächlich fürchtete man im 16. Jahrhundert eine katastrophale Weltüberflutung. Der angesehene Astrologe Johann Stöfler hatte diese im Jahre 1518 dem Kaiser Karl V. für den Febr. 1524 angekündigt, weil zu dieser Zeit eine Verbindung von Saturn, Jupiter und Mars im Zeichen der Venus eintreten werde. Viele suchten sich davor zu schützen, flüchteten auf Berge, bauten Schiffe und sammelten an hochgelegenen sicheren Orten Lebensmittel, in der höchsten Angst verloren sogar einige den Verstand oder nahmen sich das Leben.
   Neuere Wendungen sind: Das ist seit der Sintflut nicht geschehen: es ist schon sehr lange her, auch: es ist ein äußerst seltenes Ereignis, und: Das ist noch von (schon vor) der Sintflut her: es ist sehr altmodisch, es ist ›Vorsintflutlich‹; vgl. französisch ›antédiluvien‹.
• M. WALCOTT: After me the deluge, in: American Notes and Queries 1, 11 (1855), S. 16; R. ANDREE: Die Flutsagen (Braunschweig 1891); H. USENER: Die Sintflutsagen (Bonn 1899); M. Winternitz: Die Flutsagen des Alterthums und der Naturvölker, IN: Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien 31 (1901), S. 305-333; J.G. FRAZER: Ancient Stories of a Great Flood, in: Journal of the Royal Anthropol. Institute 46 (1916), S. 231-283; J. RIEM. Die Sintflut in Sage und Wissenschaft (Hamburg 2. Auflage 1925); H. BAUMANN: Schöpfung und Urzeit des Menschen im Mythus der afrikanischen Völker (Berlin 1936); J.C. WHITCOMB) AND H.M. MORRIS: The Genesis Flood (Grand Rapids [Mich.] 1961); W.A. OESCH: Après nous le déluge (nach uns die Sintflut), in: Proverbium 16 (1971), S. 575; L. RÖHRICH: Noah und die Arche in der Volkskunst, in: Fakten und Analysen. Festgabe für Leopold Schmidt zum 60. Geburtstag (Wien 1972), S. 433-442; A. DUNDES (Hrsg.): The Flood Myth (Berkeley – Los Angeles – London 1988) (mit weiterer Literatur).

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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  • Sintflut — Sintflut: Das Substantiv mhd., ahd. sin‹t›vluot (mit eingeschobenem Gleitlaut t ) bezeichnet die »große, allgemeine Überschwemmung«, in der nach biblischem Bericht die sündige Menschheit unterging. Gebildet ist es mit der gemeingerm. Vorsilbe mhd …   Das Herkunftswörterbuch

  • Sintflut — (lat. Diluvium), die nach dem Bericht des 1. Buches Mose zur Zeit Noahs von Gott zur Vernichtung der sündigen Menschen verhängte Überschwemmung der ganzen Erde, daher gewöhnlich Sündflut genannt. Die Benennung ist aber nicht von dem Worte Sünde,… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Sintflut — (altdeutsch sinfluot, d.h. große, allgemeine Flut), die Überschwemmung der Erde, von welcher 1 Mos. 6 8 berichtet; volkstümlich umgedeutet in Sündflut, weil sie zur Zeit des Noah als eine Strafe für die Sünden der Menschheit betrachtet wird. Die… …   Kleines Konversations-Lexikon

  • Sintflut — Sf std. (9. Jh.), mhd. sin(t)vluot, ahd. sin(t)fluot Stammwort. Zu ahd. sin immer (Singrün), hier im Sinn von andauernd, umfassend und Flut. Das nicht mehr verstandene Erstglied wird seit dem 13. Jh. umgedeutet zu Sünd(en)flut, die Strafe für die …   Etymologisches Wörterbuch der deutschen sprache

  • Sintflut — Ölgemälde (Francis Danby, Tate Gallery) Die Sintflut wird in den mythologischen Erzählungen verschiedener Kulturen als eine göttlich veranlasste Flutkatastrophe beschrieben, die die Vernichtung der Zivilisation zum Ziel hatte. Als Gründe für die… …   Deutsch Wikipedia

  • Sintflut — Sint|flut [ zɪntflu:t], die; : (in Mythos und Sage) große, katastrophale Überschwemmung als göttliche Bestrafung: nach biblischer Überlieferung entgingen nur Noah und seine Familie der Sintflut. * * * Sịnt|flut 〈f. 20; unz.; nach der… …   Universal-Lexikon

  • Sintflut — 1. In der Sündfluth ist alles verdorben, ohne die Fische nicht, drumb dienen sie zur fasten. – Wirth, I, 99, 444. 2. Nu üs de Sündflôt vör de Döhr, säd de Mügg, un pisst bi t Regenwêder. – Hoefer, 771. Die Russen: Der Narr brunste in den See, nun …   Deutsches Sprichwörter-Lexikon

  • Sintflut — Sịnt·flut die; nur Sg; 1 Rel; (nach biblischer Überlieferung) ein starker Regen, mit dem Gott die Menschen für ihre Sünden bestrafte 2 gespr; ein sehr starker Regen: Das ist ja die reinste Sintflut! || ID Nach mir die Sintflut! gespr; es ist mir …   Langenscheidt Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache

  • Sintflut — die Sintflut (Aufbaustufe) große weltumspannende Flutkatastrophe Beispiel: Vor der Sintflut hat Noah je ein Paar von jeder Tierart auf seine Arche mitgenommen …   Extremes Deutsch

  • Sintflut — Hochwasser[katastrophe], Überschwemmung; (veraltet): Exundation, Submersion, Wassersnot. * * * Sintflut,die:⇨Überschwemmung …   Das Wörterbuch der Synonyme

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