Stange


Stange
Einem die Stange halten: jemanden in Schutz nehmen, für jemanden eintreten, seine Partei ergreifen, sich zu ihm bekennen, ihm treu sein.
   Diese Redensart ist dem mittelalterlichen Rechtsleben entnommen. Das Landrecht des ›Schwabenspiegels‹ kennt die Verordnung: »Ir ietwederm sol der rihter einen man geben, der ein stange trage, die sol der über den haben, der da gevellet«. Jedem Kämpfer steht im gerichtlichen Zweikampf also eine Art Sekundant zur Seite, der mit Hilfe einer Stange notfalls eingreifen kann, wenn die Kampfregeln es fordern. Die entsprechende Stelle lautet im ›Sachsenspiegel‹: »Irme iowelkeme sol die richtêre einen man geben, der sinen boum trage; der ne sol sie nichtes irren, wan ob ir einir valt, daz her den bôm under steke, oder ob her gewunt wert oder des bômes bedet; des selben ne mut her nicht tun, her ne habes orloph von deme richtêre« (Landrecht I, 63 § 4).
   Im Turnier hatte der Grieswart, auch ›Stanger‹ oder ›Stängler‹ genannt, diese Aufgabe zu erfüllen, nämlich demjenigen mit der Stange beizuspringen, der die Stange begehrte und sich damit für überwunden erklärte. Auch diese Redensart hat sich lange gehalten, trat jedoch später hinter der erstgenannten zurück und ist heute kaum noch bekannt. Sebastian Franck gebraucht sie noch in seiner ›Chronik‹ von 1531: »das der erstgemelt künig Ascalonitarum, ward mit drey streyten vermuedet, das sy wie das vihe gemetziget wurden und zu letst der stang begerten«.
   Die Redensart ›einem die Stange halten‹ wird etwa seit der Mitte des 17. Jahrhunderts auch in einer zweiten Bedeutung verwendet: jemandem gewachsen sein, es mit jemanden aufnehmen. Dafür sind viele Erklärungen gesucht und gefunden worden. Vielleicht handelt es sich hier um die bekannte Erscheinung, daß einer nicht mehr verstandenen Redensart ein neuer Sinn beigelegt wird. Mit dem Wissen von gerichtlichen Zweikämpfen und Turnieren schwindet das Wissen um den Hintergrund und den Sinn der Redensart, und zu dem Wort ›halten‹ gesellen sich Assoziationen wie ›festhalten‹, ›entgegenhalten‹, ›abhalten‹ und so weiter
   R. Sprenger zitiert eine Stelle aus Uhlands Ballade ›Junker Rechberger‹:
   Um Mitternacht an Junkers Grab,
   Da stieg ein schwarzer Reitknecht ab,
   Einem Rappen hält er die Stangen;
   Reithandschuh am Sattel hangen.
Hier sind mit den ›Stangen‹ der Teil des Zaumzeuges gemeint, der Zügel und Wagen miteinander verbindet. Obwohl Sprenger diese Wendung in direktem Zusammenhang mit der oben aufgeführten Redensart (jemandem die Stange halten) sieht, hat diese Stelle mit der Bedeutung der Redensart nichts zu tun. Allerdings gibt es im Pferdesport folgende Redensart: Einem Pferd die Stange geben: beim Trabrennen dem Pferd im Endspurt freien Lauf lassen.
   Bei der Stange bleiben: bei jemandem oder bei einer Sache standhaft ausharren, eine einmal angefangene Tätigkeit fortführen, treu bleiben. Die Redensart geht wahrscheinlich auf die Fahnenstange zurück, an der der kämpfenden Truppe das Feldzeichen vorangetragen wurde, nach welchem man sich ausrichtete und um das man sich immer wieder sammelte (vgl. ›Bei der Fahne bleiben‹ und ›Bei der Standarte bleiben‹, Fahne; vgl. dagegen die vom Fechten hergenommene Redensart ›Bei der Klinge bleiben‹). Entsprechend gilt auch die Wendung Jemanden bei der Stange halten: jemanden zu folgerichtigem Handeln anhalten, nicht ausweichen oder abweichen lassen. Dagegen im Französischen: ›ne pas en fiche une rame‹ (wörtlich: keine Stange tun, im Sinne von: müßig bleiben).
   Das kostet eine Stange Geld: das ist sehr teuer, die junge Redensart ist hergeleitet von den stangenförmigen Rollen, in die Geldstücke verpackt sind.
   Die alemannische Redensart ›auf dem Stängele sitzen‹ bedeutet: ›unruhig etwas erwarten‹ (ähnlich wie ›Auf feurigen Kohlen sitzen‹).
   Erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es die Redensart Eine Stange (eine Stange Wasser) in die Ecke stellen: stehend urinieren. Etwa 1914/18 ist sie im Sprachgebrauch der Kriegsmarine nachweisbar. Die Redewendung wird heute vorwiegend von Schülern und Studenten benutzt. In der vulgären Umgangssprache ist Stange auch ein Ausdruck für den erigierten Penis; entsprechend ›Eingerostete Stange‹, schlaffer Penis. Dazu Redensarten wie: ›Einem Mann die Stange halten‹, ihn masturbieren; ›Eine Stange angeben‹, mit seinen Genitalien prahlen (Borneman: Sex im Volksmund).
   Mit der Stange im Nebel herumfuchteln (herumstochern): etwas Sinnloses tun.
   Ebenso jung ist die Redensart Etwas von der Stange kaufen: Konfektionsware kaufen. Sie leitet sich her von den Stangen, an denen in Bekleidungsgeschäften Anzüge und andere Kleidungsstücke zum Verkauf hängen. Dabei handelt es sich im Gegensatz zur Maßbekleidung um Massenware. Daher kann man heute allgemein alles Nichtindividuelle oder Massengefertigte und jedem Zugängliche als ›von der Stange‹ bezeichnen, so zum Beispiel Möbel von der Stange, Gesellschaftsreisen, Freizeit, Haus von der Stange, aber auch: Kultur, Geschmack, Liebe, Gesundheit, Überzeugung von der Stange; ein Durchschnittsmann ohne individuelle Züge kann als ›Mann von der Stange‹ gekennzeichnet werden. Freilich handelt es sich bei solchen Sprachkombinationen meist um intellektuelle Einzelleistungen, die kaum volksläufig werden.
   In ganz anderem Zusammenhang wird Stange in einer rheinhessischen Redensart gebraucht; dort sagt man von einem erfolglosen Projektemacher, er habe ›Mehr Stangen als Hinkel‹.
   Eine lange (dürre) Stange (auch Hopfenstange) nennt man eine lange, schmächtige Person; vgl. französisch ›un échalas‹.
• R. SPRENGER: Einem die Stangen halten, in: Zeitschrift für den deutschen Unterricht 7 (1893). S. 564; F. KUNTZE: Einem die Stange halten, in: Zeitschrift für den deutschen Unterricht 11 (1897), S. 807.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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